Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. April 1917 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 1. April 1917.
Liebste Freundin!
Deinen Wunsch, einen langen Brief von mir zu erhalten, erfülle ich in Ermangelung anderen Briefpapiers auf diesem Denkzettel. Dabei geht es mir leider wie Dir, daß ich zu ordentlichem Gedankenaustausch keine Ruhe habe. Denn die Abreise steht nahe bevor, und es ist allerlei zu regeln.
Es scheint mein Schicksal zu sein, wider Willen Recht zu behalten. Denn die Vorboten eines Kriegsendes kommen jetzt tatsächlich vom internationalen Sozialismus. Aus der allgemeinen Unklarheit hebt sich diese Macht als überlebende heraus. Blühende Großmächte mit stolzen Expansionstendenzen haben den Krieg begonnen; der Hunger der Massen führt ihn zu Ende. Ich halte die Friedenstrompete, die Bethmann und Czernin nach Osten blasen, nicht für sehr klug. Aber ich sehe darin die Furcht vor Ansteckungsgefahr und eine Art Selbstimpfung. Der russ. Liberalismus kann sich nur halten, wenn wenn er den Arbeiterwünschen
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| nach Frieden nachgibt. Er steht vor der Frage der Vernunft u. der Selbsterhaltung. Setzt er den Krieg fort, folgen die Sozialisten in Italien und dann - bei uns. Über gewisse Anzeichen zu schreiben verbietet sich.
Ein Bild der Lage gibt auch der beiliegende Brief. Ich nehme das als selbstverständliche Notwendigkeit hin. Die Mästungsmethode <unleserliches Wort> des Herrn Umlauf habe ich auch hier nicht verstanden. Das Wetter ist auch hier miserabel; Wege kaum zu passieren. Immer Schnee, Tauwetter, Wind. Es ist mir noch unbestimmt, ob Kerschensteiner auf ein paar Tage hierherkommt, oder ob ich zu ihm am Sonnabend für 2 Tage nach München gehe. Feststeht, daß ich am 3. Feiertag in Leipzig eintreffen will.
Ich weiß nun nicht, welche Sachen von mir Du in Cassel hast. Sehr leid tut es mir, Dich zu Deinem Dienst und Deinen Vermittlungsmühen auch noch mit diesen Dingen belästigen zu müssen. Hauptsache aber: schicke nichts per Fracht, was etwa Eile haben könnte, da jetzt wieder Gütersperre. Soviel ich
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| weiß, handelt es sich um 2 Hauptkategorien: Anzüge (Frack) etc, die keine Eile haben u. Vorlesungen, die Eile haben, jedoch am besten nicht vor mir eintreffen, der Sicherheit wegen. Vielleicht kannst Du mir auf 1 Karte sagen, was Du an wichtigen Sachen hast. Ich schreibe Dir dann noch, wann es am besten abgeschickt würde.
Morgen packe ich meine Bücherkiste. Es hat sich unglaublich viel Papier angesammelt. Überhaupt, die Ausgaben häufen sich ins Abenteuerliche. Vor einigen Tagen: 46 M für eine Goldkappe zur Verbesserung meines Gebisses.
Gearbeitet habe ich in der letzten Zeit nur für die Vorlesung über "Einleitung in die Philosophie." Meine Denkschrift will der Minist. Schmidt dem Minister vorlegen und dann in der Int. Monatsschrift abdrucken. Das Manuscript " Shaftesbury u. wir" ist bereits an sie abgegangen.
Den Aufsatz v. Max Weber lese ich mit großem Interesse. Adolf Weber läßt Du mir vielleicht noch ein bißchen.
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Die tragische Laune des Schicksals: Grete Haas, die seit 1 Jahr an der Gefangenennachrichtenstelle arbeitet, sendet mir einen Brief von Friedmann an mich.
Es ist ein Sonntag um sich aufzuhängen. Unablässig Schnee u. Regen. Vormittags habe ich musiziert, den ganzen Nachm. Briefschulden erledigt, worin jetzt meine Daseinspflicht besteht. Bin beinahe mit allem durch.
Zu Ostern werde ich Dir wegen der Reiserei leider keinen Brief schreiben können. Aber Du wirst hoffentlich nicht wieder auf dumme Gedanken kommen. Wahrscheinlich auch Unterernährung. Weiß nicht, was das Ganze soll.
Heute habe ich seit Monaten 2 Eier gegessen. Tatsächlich verträgt der Magen so was schon schwer. Hoffentlich kannst Du die liebe Tante einigermaßen durchfüttern. Wir ersetzen das dann schon später, d. h. 1918.
Euch beiden viel herzliche Osterwünsche u. Grüße in Liebe
Dein
Eduard.