Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. April 1917 (Leipzig, Scharnhorststr. 25)


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Leipzig, Scharnhorststr. 25 III.
den 11. April 1917.
Liebste Freundin!
Nach bewegten Tagen bin ich gestern Abend glücklich hier gelandet. Obwohl ich von allem etwas mitgenommen bin, drängt es mich doch, Dich zu grüßen und diesen ersten "eigentlichen" Abend mit Dir zu verbringen.
Zunächst ein kurzer Bericht über die letzten Tage in P. Mittwoch vor Ostern war ich mit Frau Witting bei herrlichem Wetter, aber tiefem, tiefem Schnee noch einmal in Elmau, das mir am meisten zusagt. Inzwischen telephonierte Riehl von München an. Das Fräulein verstand nicht einmal den Namen. Ich dachte, er wollte nach Innsbruck durchreisen und ich sollte ihn bis Mittenwald begleiten. Aber er wollte eine Nacht in P. bleiben, zweifelte, ob er mit dem Paß durchkäme, und wäre am liebsten ganz geblieben. Denn das Haus und die Verpflegung gefielen ihm sehr. Er war lieb wie immer; ich fand ihn leider sehr gealtert und stiller als sonst, obwohl er alles mitmachte. Anfangs war starkes
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| Schneetreiben. Charfreitag Abend holten wir Kerschensteiner von der Bahn, und nun bildeten wir vier (mit dem Maler) ein reges Tischkränzchen, während wir den "preußischen" Regierungsassesor v. Sydow bald vergraulten. Kerschensteiner war glänzender bei Laune und geistig frischer als je. Sonnabend waren wir auf dem Rießersee, nachm. gab uns vieren Frau Witting einen Kaffee mit märchenhaften Dingen bis zur Schlagsahne. Abends Spaziergang mit religionsphilos. Gesprächen, nach dem Abendessen Bier in der "Post". Am 1. Feiertag vorm. bei Sonne auf dem Gschwandner Bauer; beide alte Herren gerieten über das gedämpfte Rippel in Verzückung. Nachm. hatten alle schon wieder Hunger. Abends nahmen wir Frau W. mit in die Post, und es ging sehr angeregt zu. Am 2. Feiertag früh fuhr Riehl nach Innsbruck weiter. Kerschensteiner jagte Baierl und mich in das Nelkenhaus bei Untergrainau, drei Stunden! Nachm. packte ich beide Koffer ohne alle Nervosität. Vorher waren schon 2 Frachtkisten und 2 Packete weggegangen. Auch den kl. Korb mit (beinahe) allem, was Dir gehört, machte ich fertig. Er ist wohl am 3. Feiertag
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| per Eilfracht (die Du bitte v. m. Gelde bezahlen mußt) abgegangen. Um ½ 6 gab Frau Witting, die mir unsäglich viel Nahrhaftes für den Koffer gegeben hatte, noch für K. und mich ein kleines Essen in der Kuchenecke, und zum Schluß nahm der Hamsterschulrat sogar noch eine Kiste Kartoffeln mit. Wir fuhren um 7 Uhr, waren um ½ 10 in München; ich blieb im Hôtel am Bhf, und hatte einen gedankenschweren Abend, wovon ein andermal.
Um 8 früh fuhr ich weiter über Nürnberg in sehr besetztem Zuge, aber ohne Beschwerde, und war um ½ 6 mit ½ Stunde Verspätung hier. Nur m. Koffer waren noch nicht mitgekommen. Ich fuhr in d. Scharnhorststr. und fand die Zimmer sehr hübsch eingeräumt, mit vielen Blumen: das Werk v. Biermann, der mit Frau u. Stütze tagelang alles hergerichtet hatte. Frau G. empfing mich wohltuend liebenswürdig; ebenso die Tochter. Freund B. erwartete mich zum falschen Zug, doch konnte ich mit ihm noch - telephonieren.
Die Zimmer zeichnen sich durch Lage u. Aussicht aus. Sie sind zusammen nicht wesentlich kleiner als
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| die 3 in Grassistr. 14. (92,50 : 50 M!) Das Arbeitszimmer ist etwas tiefer, das Schlafzimmer breiter u. tiefer, etwa wie Deines in der Augustastr. Ich bringe alle Sachen mit Leichtigkeit unter. Eine Skizze folgt zum Schluß.
Heute habe ich nun einen bewegten Tag hinter mir: Bald nach 8: Hut gekauft, polizeiliche Anmeldung, Geld geholt, Koffer nach Hause gebracht. Um ¾ 11 kam Freund B, ein wenig leidend und ernster, aber rührend wie stets. Wir gingen spazieren, ich erledigte einen Teil des Markengeschäfts. Um ¾ 1 traf ich Frl. Wezel verabredungsgemäß auf dem Seminar. Sie reiste nach Hamburg durch. Die Zustände dort sind ihr sehr drückend. Sie war stärker geworden, aber nicht lebhafter; es ist in ihr eine eigentümliche, von Zeit zu Zeit wirkende Hemmung. Diesmal kam sie garnicht recht in Laune. Wir aßen im Ratskeller, und es war zum Aushalten. Um 4 kam ich nach Hause u. begann auszupacken, auch all die Dinge, die Du mit so viel Sorgfalt und Kunst verstaut hast.
Daß ich dem hier zu eröffnenden Leben nicht mit Enthusiasmus entgegensehe, brauche ich Dir nicht zu sagen. Es ist ein Da = sein, nicht eigentlich ein Dasein. Außer Biermann steht mir niemand nah. Die akademische Arbeit ist mehr als zweifelhaft. Aber es muß nun sein. Ein
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| Mitglied des Ministeriums soll dem Rektor gesagt haben, daß man mich auch dann halten würde, wenn ich wider Erwarten Kv. würde. Ich muß nun sehen, Strümpell zu sprechen. Das Zeugnis v. Bardenheuer ist so, daß ich damit in die vorderste Linie käme. Aber meine Leistungsfähigkeit bleibt (wie sie war:) mehr eine zähe als eine stark intensive. [über der Steichung] qualitativ hohe.
Ich konnte Dir von Schröblers erschütterndem Brief noch nichts schreiben. Allem Anschein nach hat er sich eine tuberkulöse Erkältung geholt.
Sende bitte vorläufig nichts. Später die Anzüge per Eilgut, die Vorlesungen als 2 Wertpakete, und die Bücher als Eilgut oder einfaches Paket, je nach Schwere. Die beiden Frachtsachen v. P. sind ausgezeichnet pünktlich hier angekommen.
Mehr kann ich Dir nun heute Abend nicht erzählen. Ich weiß dabei wohl, wie viel zurückbleibt, kann aber heute die Ruhe noch nicht finden, um auf Tieferes einzugehen. Hingegen hoffe ich von Dir zu hören und von der Tante. Es sind jetzt entscheidende Zeiten. Riehl hatte seinen bekannten Optimismus, Kersch. einen gemäßigten; ich - einen wechselnden, da mir Arras auf die Nerven gefallen ist.
In herzlicher Liebe
Dein Eduard.

[li. Rand] Meine Auslandsdenkschrift soll durchaus gedruckt werden.
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|<Skizze der neuen Wohnung, einschließl. Beschreibung der Möbelaufstellung>