Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. April 1917 (Leipzig, Scharnhorststr. 25)


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Leipzig, Scharnhorststr. 25, den 15.IV.
Liebste Freundin!
Ich eile, Dir endlich den Schlüssel zu schicken, ohne den Du ja nicht an den Korb kannst. Und ich danke Dir innig für die reizenden Leberblümchen, die ganz prächtig angekommen sind, vor allem aber für Deinen lieben Brief von heute. Auch den in der vorigen Woche habe ich bekommen; ich habe ihn im Augenblick nicht zur Hand und erwähne dazu nur, daß ich Rathenaus neue Broschüre damals schon gelesen hatte, mit dem Gefühl, daß es schwer sein wird, im "neuen" Dtschld zu leben.
Nun zur Beantwortung Deiner Fragen. Ich bitte mit der Absendung der Sachen noch ein wenig zu warten. Die Versicherungssumme nimm dann zu 100 M. Auch wenn ich 1000 bekäme, wäre Verlust ja unersetzbar. Den Kasten mit dem Vorlegeschloß, der schon etwas wacklig geworden ist, habe ich auch hier. Doch
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| möchte ich im Augenblick nichts senden. Einige defekte Sachen ältesten Datums findest Du im Korb, falls sie in Anbetracht der Zeit die Reperatur noch lohnen.
Frl. Wezel klagt über die unerträglich düsteren Eindrücke im Stadtteil Hammerbrook. Sie kann so auf die Dauer nicht leben, und was ihr Gertrud Bäumer in Aussicht stellt, ist auch wenig und unbestimmt. Ich fand an ihr eine allgemeine Unfrohheit, die ihr den Hauptreiz ihres Wesens nahm. Bei Rohns war ich noch nicht, und meine Kartensache ist – da Damen auf den Büreaus arbeiten – noch absolut verworren und undurchsichtig. Ich weiß daher noch nicht, wie es mit dem Zucker steht. Aber Du bekommst ein kleines Büchschen Honig, das Frau Dr. Lehmann mir gestiftet hat. Die große Kirschtorte von frau Dr. Günther kann ich Dir leider nicht senden.
Ich war heut (Sonntag Mittag) allerdings bei Biermann, der in seiner tatkräftigen Freundschaft stets der Alte ist. Der Arme leidet seit längerer Zeit an Darmblutungen. Morgen
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| will er mich wieder im Wagen abholen. Für die 4 Kinder hatte ich oberbayrische Kleinigkeiten mitgebracht, von denen wenigstens einige ganz angekommen sind.
Pension Witting ist für den von Dir gemeinten Fall nicht zu empfehlen, weil die Milchlieferung Schwierigkeiten macht. Wenn die Dame keine Anforderungen stellt, so scheint mir das "Pflegeheim Schweizerhof" besonders zu empfehlen, weil es mit Molkerei verbunden und weil die Besitzerin, eine Arztenswitwe, für ihre Gäste u. Patienten mit rührenster Liebe sorgen soll. Es sind jedoch ausgesprochen Kranke da. Die Zimmer scheinen klein und einfach. Große Liegeterassen sind den ganzen Tag mit Patienten besetzt. Nur dies kommt für den betr. Fall in Partenkirchen in Betracht.
Kriegsanleihe soll unerhört gezeichnet werden. Draußen soll der Optimismus glänzend sein, besonders in Umgebung des Kaisers. Hier ist er begrenzt. Eulenburg kritisch wie immer. Möchte sich gern scheiden lassen u. geht nach Aachen.
Mir geht es übrigens schlechter als für den
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| militärischen Zweck erforderlich wäre. Strümpell fand am Donnerstag mein Aussehen ungünstig, beunruhigte sich über Abnehmen (als ob das jetzt anders denkbar wäre) und war überhaupt elegisch. Bei der Untersuchung mußte er dann Bardenheuer recht geben, und wiederholte mehrmals: "Perkussionsbefund ausgezeichnet." Dann hat er mir ein Zeugnis geschrieben, woraufhin man sich mit der Gesellschaft "Zur Ruhe" in Verbindung setzen könnte. Ohne die Spur von Erkältung und ohne Fieber (morgens 36,6 abends 5 Uhr 37,0 bis 37,0½ u. nachts 36,3) habe ich rechts, ja bisweilen auf der ganzen Brust ziemlich erhebliche Schmerzen, wie sie seit Weihnachten nicht da waren u. jedenfalls im Oktober nicht waren. Ich führe sie, da doch in P. monatelang alles gut ging, auf die Anstrengung beim Bücherordnen (Bücken u. Herumlaufen) sowie auf die Akklimatisation zurück, da man hier buchstäblich Dreck atmet und nur eine umflorte Sonne sieht. Aber ich will vor Dir nicht klagen. Du hast im Winter und jetzt wieder mehr ausgehalten. Und schließlich – das Seelische ist noch schlimmer.
Diese Tatsachen haben das Gute, daß ich der Untersuchung morgen mit relativer Apathie
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| entgegensehe. Es ist derselbe Arzt. St. sagt, er ginge bis zum Kaiser. Und wenn sie mich nähmen – in 3 Tagen wäre Schluß. Ich schreibe dann morgen nur eine Karte.
Meine Wirte scheinen Sachsen.
Frl. Kiehm, Krönke, Dr. Müller-Schönau, Exfamulus Hartmann, frl. Erler, Kollegen Förster, Ehrenberg u. a. habe ich bisher gesehen. Einer verrät dem andern, wo er Mittag ißt.
Von Partenkirchen habe ich Dir das Wesentlichste noch zu schreiben. Ich lebe vorläufig unter dem Druck der Angst noch sehr vorsichtig und kann daher auch diesen Brief nicht so ausdehnen, wie ich möchte. Es freut mich, daß ihr Eugenie wiederhabt; sie ist doch besonders noch "diejenige."
Also, lieber Sohn, mit mir ist nicht viel los; mit Dir auch nicht. Ich grüße Dich und danke noch besonders für die beigelegte Karte, an der freilich Einzelheiten nicht herauskommen. Viel Gutes für Dich und die Tante
stets Dein dankbarer Eduard.

[re. Rand] frau Riehlwieder krank.