Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. April 1917 (Leipzig)


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Leipzig, den 22. April 1917.
Liebste Freundin!
Die Geschichte Deiner Leiden hat mich tief ergriffen, und ich habe nur den einen Wunsch, daß Du bei Empfang dieses Briefes durch das dornenvolle Röschen schon von diesen schrecklichen Plagen befreit bist. Denn es bedarf jetzt keiner Extragaben: man leidet genug unter dem, was alle Tage ist und was jeder neue Tag hinzubringt. Die Erfahrung mit dem Morphium bestimmt Dich vielleicht, diese medikamentösen Eingriffe künftig dauernd zu verringern. Du weißt, wie schwer alle Narkotika immer auf Dein Nervensystem nachgewirkt haben, und nun machst Du solche Geschichten, und der Onkel bietet die Hand dazu. Ich bin schon mit dem Bromural und all den Fläschchen unzufrieden gewesen (die von Dir erhaltene Giftdose ist unberührt v. P. wieder mitgekommen); das drückt auf die Stimmung; denn das Zeug macht allmählich ganz dumpf und trübe.
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Es ist mir lieb, daß ich dir in der Stimmung der vorigen Woche nicht geschrieben habe, obwohl ich nahe daran war. Auch meine Schmerzen waren kaum zum Aushalten; ich dachte, daß nun die Schwindsucht auf beiden Seiten da wäre, und plante schon abzureisen und allerhand schwere Schritte. Strümpell, der durch seine elegische Stimmung bei der 1. Untersuchung mich nervös infiziert hatte, hat mich dann wieder beruhigt. Es sei nichts zu befürchten. Seitdem habe ich wieder Mut, aber sehr, sehr wenig Kraft und immer noch qualvolle Zustände. Ich bin 8 Tage nur zum Essen fortgegangen. Wahrscheinlich habe ich die Pleura durch das viele Bücken beim Auspacken stark gereizt. Jedenfalls sehe ich jetzt die Schwere meines Leidens u. die Ausgeschlossenheit militärischer Lorbeern. Der Oberstabsarzt erinnerte sich von selbst des Falles sofort. Es scheint, daß ich mich durch die gehorsame Rückkehr aus Partenkirchen zu einem komischen Fall gemacht habe, von dem sich die Herren erzählen, um die Dummheit der Leute zu illustrieren. Untersucht hat er mich nicht, nur am Magen gehorcht, der aber leer war.
Mittags esse ich in der Bavaria, 2 Querstraßen weiter. Sonntags immer bei Biermann, mit dem
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| ich heute Brüderschaft geschlossen habe. Er liest ½ Woche i. V. in Dresden, technische Hochschule. Gestern haben wir mit vielen Weinen und wenig Essen Eulenburg weggefeiert: Magnificenz, Biermann u. ich. Der gute Eulerich war ganz glücklich, obwohl er in Stiedas Rede nur die Note III errang.
Meine Damen sind sehr herzlich; sie verstehen zu kochen und Rat zu schaffen. Alles ist eingeteilt laut Gesetz, aber man wird satt, und ich finde auch sonst gesundheitliche Fürsorge (z. B. Luftkur in m. Schlafzimmer.) - Beim Auspacken ist mehr zutage gekommen, als mir lieb war. Vielleicht weißt Du etwas über folgende Dinge aus dem Gedächtnis: das Namenschild von der Außentür? Das 2. kleinere Wandbrett? Die Bilder meiner Mutter u. meines Vaters hast Du wohl? Auch die Broschüren, die Dissertationen vielmehr, die bei mir gemacht worden sind? Die muß ich vor dem 24. Mai haben. Und dankbar wäre ich, wenn Du gleich nach Rückkehr mir als eingeschriebenen Brief (oder 2) senden könntest die Philosoph. Grundlegung m. Vorlesung Paedagogik III, ca 9 Vorlesungen, eine davon habe ich hier.
Besucht habe ich noch niemanden, auch Wundt u. Rohns
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| nicht. Für Donnerstag hat sich Geheimrat Boehme aus Dresden bei mir angesagt. Ich glaube nicht, daß er etwas Besonderes hat.
Auf Sts Rat beginne ich die Vorlesungen erst am 30. u. lege die Übungen auf den Vormittag. Mein Stundenplan ist dann so:
Mo. Di. Mi. Do. Frei. Sonn.
8-9. - Philos. - - Grundlegung. -
9-10. Einl. - ½10 Einleitung.: Phil.
      } Übungen.
10-11. - - 11 Sprechstunde II Einleit.
4-5. Sprechst. I.
Interesse für den Kram habe ich garnicht. Am 23. Mai schließe ich schon wieder. Am 24. ist Konferenz in Berlin. Am 25. Königs Geburtstag. Ich soll zu Pfingsten fort: überlege bitte, ob wir da nicht 8 Tage zusammenleben können und wo? möglichst nahrhaft, sonnig, windstill und bei guter Luft. Auch Dir wird das Ausspannen sehr nötig sein, und zu sagen haben wir uns tausenderlei. Denn außer dem Kontakt sind wir mal gründlich. Ich freue mich und halte diesen Gedanken mit dem Rest meiner Energie fest. Ab August bis Ende Oktober soll ich wieder nach Partenkirchen gehen.
Sage mir doch Deine Meinung, wie ich die Honorarfrage bei Str. einfädeln soll. Ich soll von jetzt an alle 4 Wochen kommen.
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Sorge Dich nicht, liebe Seele, um den Bezug. Du bekommst ihn ohne Bezugsschein. Ich habe ihn mitgenommen, weil ich nicht wußte, ob das Kissen noch in den Korb ging. Im Trubel der Geschäfte habe ich versäumt, Dir für alle die guten Dinge noch einmal zu danken. Ich habe aber, wenn ich so in den Dir gehörigen Sachen verpackt dalag, viel inniger und dankbarer an Dich gedacht, als Du gefühlt zu haben scheinst. Nur bei dem Abputzen des Weihnachtsbaums habe ich geflucht, denn das war eine viehische Arbeit.
Der "Deutsche Ausschuß" hat es wirklich fertig bekommen, mir 60% des Honorars, d. h. 390 M statt 650 zu geben. Und da habe ich noch m. Gesundheit geopfert. Die Antwort ist bereits gegeben: ich habe für den 29.IV. in Berlin abgesagt. Es wäre auch nichts, diese Hetzjagd bei meiner schwachen Gesundheit. - Für die Gaudigrecension habe ich 5,75 M bekommen, nun aber den Fall Quelle u. Meyer dem "Akademischen Schutzverein" übergeben.
Von Frau Riehl, die eine fiebrige Halsentzündung hatte, höre ich zwar allerlei über mich, aber nichts über ihr Befinden. Der kl. Scholz liegt wieder im Krankenhaus. Ich bin sehr in Sorge.
Alle Leute sehen verhungert aus, selbst Frl. Kiehm.
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| Der Müller aus P. hat mich schon zweimal besucht. Und aus P. habe ich sogar ein Abschiedsgedicht nachgesandt bekommen, von einer der hilfreichen Seelen. Herre ist in Goseck, meiner Sehnsucht. Politik redet man hier nur wenig. "Ich selbst" habe Recht behalten: Die Herren Sozis machen jetzt den Frieden. Und man muß zu ihrer Ehre sagen, daß ihre Vernunft allein Europa retten wird.
Schröbler, der ohne Zweifel die Schwindsucht hat, kommt diese Woche hierher ins Lazarett. Ich habe ihm die Freundschaft gekündigt, wenn er nicht durchsetzt, daß er in eine Heilanstalt kommt. Morgner erwarte ich auch. Aber ich kann nichts unternehmen, muß vorsichtig sein.
Agnes u. Rösi haben mich neulich besucht, Agnes ein langes Fräulein, Rösi dick, in diesen Zeiten! Nun sollte ich allerlei Schönes für die Freundin Knaps sagen. Das weißt Du aber, daß u. wie ich sie grüßen lasse. Erzähle mir viel von Heidelberg, vom ersten Frühling, von den Blüten, die Du mir früher gemalt hast, und laß ein bißchen Frühlingshoffnung in unsre Herzen kommen. Vor allem aber werde von Schmerzen frei. Ich grüße Dich innigst
Dein
Eduard.

[re. Rand] Wie war es bei Weises? Nichts Lehrreiches für mich?