Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Mai 1917 (Leipzig)


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Leipzig, den 5. Mai Abends.
Liebe Freundin!
Die eingeschriebene Sendung ist gestern gekommen. Herzlichen Dank! Leider ist es durch meine Schuld das Falsche: ich schrieb Paedagogik III, meinte aber I. Nun, es ist vielleicht das Beste, wenn Du jetzt alle Vorlesungen schickst. Und wenn Du Zeit findest, so mach gelegentlich auch die Kiste mit dem übrigen bitte fertig, damit es noch vor Pfingsten ankommt.
Ich hoffe, daß Du schmerzfrei wieder zu Hause bist. Und ich hoffe, daß wir uns zu Pfingsten sehen. Ich habe in der letzten Zeit weder über meinen seelischen noch über meinen körperlichen Zustand schreiben können. Du warst so empfindlich und reizbar; ich stieß immer an, ohne es zu ahnen und zu wollen. Da bin ich zaghaft geworden. So wieder jetzt: Deinen Brief aus der Bahn nach Heidelberg habe ich am Tage nach Empfang (er kam nachm.) beantwortet. Schneller kann ich doch nicht. Und so ist es schon im Herbst gegangen.
Auch wollte ich nicht unnütz klagen. Es geht ja doch alles seinen Gang. Man soll sich durch Befürchtungen
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| das Leben nicht noch schwerer machen.
In P. fühlte ich mich völlig gesund. Riehl und Kerschensteiner können mein gutes Aussehen u. meine Leistungsfähigkeit bestätigen. Die Reise ist mir nicht schwer geworden. Dann habe ich mich in den ersten beiden Tagen hier zu viel gebückt. Als ich am 2. Tage zu Strümpell kam, fand er mein Aussehen schlecht. Du weißt ja, wie das wechselt. Bald sagt man mir das Beste, bald findet man mich bedenklich; so*) [Fuß] *) d.h. so verschieden. Der Ministerialdirektor Schmaltz gestern <Fuß S. 3> wenig entzückt über m. Aussehen. noch heut. Die Frage: "Haben Sie nicht doch gehüstelt?" und der Seufzer bei der Untersuchung: "Lieber Kollege, was ist das Leben“!, haben suggestiv nicht gerade günstig gewirkt. Ich ging nach Hause, hatte Schmerzen und begann wieder zu messen. Die Schmerzen waren stärker als je seit dem akuten Stadium. Sie wechselten aber, saßen bald links, bald hinten, bald oben, bald unten. Die Temperaturen stiegen nachm. um 5 an 2 Tagen bis 37,2 im Darm. Aber bald darauf [über der zeile] (d. h. um 1) waren sie schon wieder ganz normal, und die Erhöhung kann vom Kaffee kommen, der aus Gerste besteht, und Gerste hitzt, wie ich sogar morgens konstatiere.
Nun schrieb ich an Strümpell einen verzweifelten Brief. Darauf beruhigte er mich, untersuchte mich noch einmal, meinte aber, ich hätte gar nichts zu befürchten. Inzwischen
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| hatte sich Schleimabsonderung eingestellt, ohne jeden Husten, nur bei Tage, nicht früh.*) [re. Rand] *) möglicherweise Reaktion der Schleimhäute auf den seit 6 Monaten unbekannten Staub. Bei der Ankunft in Part. war ganz dieselbe Erscheinung. Der Schleim geht von selbst in die Speiseröhre über; nur ganz selten brauche ich [über der Zeile] leicht zu räuspern. Im allgemeinen ein leichter, flüssiger Prozeß. Bei dem warmen Wetter wurden die Schmerzen etwas leichter. Aber sie halten täglich an; das Centrum sitzt deutlich in der Gegend der Schwarte vorn**) [Kopf] **) die Stelle, von der Bardenheuer sagte: Wenn Sie Schmerzen haben, sind sie dann da?; ob auch der Schleim von da kommt, weiß ich nicht. Str. sagte, ich sollte nicht messen. Die Abendtemperaturen sind auch sicher normal, die Ohren eiskalt. Das Sprechen im Kolleg strengt mich garnicht an. Ein Tag mit 4 Stunden Sprechen geht ohne nennenswerte Erschöpfung der Kehle oder Steigerung der Empfindungen vorüber. Aber der Druck rechts vorn ist quälend und der Schleim verdächtig. Str. mag ich nicht wieder bemühen; auch muß es das Semester hindurch gehen, um so mehr, als mich der Dienst nicht anstrengt. Ich bin dann wie bei jeder starken Ablenkung sogar schmerzfrei.
Auch ist alles sehr angenehm: der Besuch reichlich, die Vorlesungen gelingen mir bisher meisterhaft, ich bin mit der Tageseinteilung zufrieden und fühle mich bis auf die beängstigenden Symptome ganz frisch. Nur habe ich keinen
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| Wagemut, habe daher weder Rohns noch Stolpes noch Günthers besucht.
Salzhaltige Luft soll eingetrocknete Prozesse neu beleben. Auch ist Sooden ein bißchen weit, zumal für eine Reise am 1. Pfingstfeiertag mit Gepäck. Ich habe an Bad Sachsa gedacht, das ganz geschützt im Süden des Harz liegt; Erkundigungen hole ich ein. Auch ein "Hôtel Waldheim" bei Elbingerode wurde mir von Frl. Götze sehr empfohlen. Doch ist es bei schlechtem Wetter wohl zu isoliert. Was weißt Du von Hahnenklee? Wir wollen beide noch weiter nachforschen.
In dieser Woche habe ich 3 Sitzungen gehabt! Eine davon galt dem Auslandsstudium. Für den 24. Mai ist die Einladungda. Die Thesen von Troeltsch u. Julius Ziehen sind hundsmiserabel stümperhaft. Ich werde wohl unaufgefordert meinerseits Thesen drucken lassen.
Biermann hat eine Vertretung an der techn. Hochschule in Dresden u. ist die halbe Woche dort. Morgner war ganz munter; aber reifer? Überhaupt - die Lehren des Krieges?? Schröbler hat 1) Nachtschweiße 2) Stechen im Rücken 3) bis 38° Fieber 4) Husten 5) Auswurf. 6) - keine Tuberkulose. Ja, da muß ich dann doch sagen! Aussehen gut. Mikrosk. u. Röntgenbefund negativ. Nieschling läßt Dich grüßen. Er ist nicht mehr im Generalhauptquartier; sondern bei einer neuformierten Division. Lenz u. Familie wollten mit mir in Weimar zusammentreffen. Abgelehnt mit Dank. Frau Riehl in Neubabelsberg, wohnt aber - im Gasthaus. Von Partenkirchen fast täglich Liebesgaben. Ich <li. Rand> habe manchen Tag 4 Eier, viel Fleisch u. Butter. Mit herzlichen Grüßen an die Tante u. Dich Dein <Kopf> dankbarer Eduard.