Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9./10. Mai 1917 (Leipzig)


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9. Mai 1917.
Liebe Freundin!
Es ist zwischen uns wie zwischen den beiden Juden: "Fangst Du schon wieder an!" Die Einleitung meines Briefes war nicht gemeint als ein Vorwurf, sondern als Ausdruck der Trauer, daß ich doch aus meiner Seele nicht heraus kann, so sehr ich mich nach innerer Hilfe sehne. Man kann sich doch nur aussprechen, wo man verstanden wird. Meine Briefe aber hast Du schon seit Monaten nicht mehr verstanden. Das mag die Schuld dieser Briefe sein. Ich habe an Dir nie gezweifelt; aber wie sonst mit dem Kleinen zu kommen, war [über der Zeile] mir nicht möglich, weil es brieflich sein mußte und weil Du aus meinen Briefen Stimmungen, Absichten, Tatsachen herauslasest, die mich fast erschreckten. Warum nur wieder diese Spitze mit der Pensionsinhaberin? Du könntest Dir doch denken, daß ich mit allem, was ich von Partenkirchen schrieb, irgend etwas Begründetes gemeint habe, und könntest mir die Liebe tun, mit weiteren Ausdrücken Deiner Gereiztheit
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| zu warten, bis ich einmal Gelegenheit gehabt habe, mich mündlich zu rechtfertigen, da das Schriftliche nicht hilft. Das kann ich nicht leugnen, daß Du meine Existenz dort, ihre Werte und ihren Sinn nach keiner Richtung hin begriffen hast. Aber ich nehme das gern auf mich und muß allerdings hoffen, daß eine mündliche Aussprache Dich von dem Unverändertsein meines Wesens überzeugt. Mehr kann ich nicht versprechen. Ist Dir dieses Wesen heterogen, so würde es mich schmerzen.
Im Gegensatz dazu hat Dein Bild in mir nie geschwankt. Ich habe auch verstanden, wie eine Reihe verstimmender Einzelheiten in Dir eine Wirkung hervorbrachte, die ich Unzufriedenheit nenne. Die Langsamkeit der Post im November und Dezember machte den Anfang; es war nicht meine Schuld. Den Hauptpunkt bildete die mißglückte Weihnachtsbegegnung; und doch kann ich noch heut nicht anders als versichern, daß ich dabei zum großen Teil in Rücksicht auf Dich gehandelt habe, um Dich nicht in eine Umgebung zu bringen, die damals ganz ungeeignet war. Am meisten aber hat mich gewundert, daß Du mein Verhältnis zu felicitas nicht verstanden hast. - Das soll nun nicht etwa Dein
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| Sündenregister sein, sondern nur die wiederholte Versicherung: wir haben uns in allen diesen Punkten nicht verstanden, und es wird höchste Zeit, daß wir darüber ins Klare kommen, zumal da die beiden letzten Dinge für mich nicht nur Oberflächencharakter haben. Ich muß wünschen, daß Du verstehst, in welche Gesellschaft ich Dich nicht gern bringe, und ebenso, daß Du verstehst, in welchem Sinne allein ich einem Kinde gegenübertrete.
Deshalb bitte ich Dich sehr innig und herzlich um diese Pfingstbegegnung, vorausgesetzt, daß meine Gesundheit sie mir möglich macht. Denn so harmlos, wie Dir, scheint mir mein Zustand nicht. Und das ist auch der Hauptgrund gegen Sooden: die weite Reise am 1. Feiertag. Denn ich weiß garnicht, wie ich meinen Koffer früh von Charlottenburg nach dem Anhalter Bhf bringen soll. Ich will über Bebra fahren, da der Zug über Gießen in Ha. schon ganz voll ist. Und da komme ich dann am selben Tage kaum noch an. Aber vielleicht mache ich es nun so: Ich fahre nach Berlin am Mittw. 24. nachm. im Schwarzen Rock und Cylinder, ohne Koffer; hole am Sonnabend den Koffer in Leipzig und ziehe mich um; fahre dann nachm. bis
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| Erfurt, und am nächsten Morgen früh weiter. Oder kannst Du mir ein besseres Verfahren vorschlagen? Vergiß dabei nicht, daß ich eine Ruine bin und nicht mehr wie früher.
So muß ich also doch für die nächsten 14 Tage noch einmal bitten: Behalte Vertrauen, auch wo Du mich nicht verstehst. Meine ganze Seele gehört Dir, aber so wie sie ist, nicht anders.
Innig Dein
Eduard.

Herzlichen Dank für die Vorlesungen u. alle anderen Mühen.
10.V.17
E.

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Nur zu Deiner Beruhigung 2 Zeilen auf die Postkarte, die ich heut unter einer Beklemmungen weckenden Morgenpost fand (wie übhpt z. Z. Hochbetrieb.) Ich habe schon am Mittwoch in Salza, Villa Gemstheimer angefragt, wo mein Onkel seit vielen Jahren wohnt, so auch 1916. Da bis Sonnabend keine Antwort, so habe ich nun nach Berka, Hôtel Kaiser Wilhelmsburg geschrieben. Ort und Haus werden allgemein gerühmt. Es wäre jedenfalls viel schöner als Salza, das trotz beiliegender Lobrede eigentlich trostlos ist. Nach meinem Plan bleiben wir von Sonntag bis Sonntag Abend. Einmal nach Weimar u. einmal nach Köhen würde die Eintönigkeit aber schon unterbrechen. Viel gehen kann ich weder in S. noch in B. Aus Salza kommt nun heute Nachricht, daß Zimmer frei, aber Lage unbestimmt, Pension im Hause u. außer dem Hause nahes Hôtel. Form etc. gefallen mir nicht sehr. Ich warte ab, was morgen aus
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| Berka kommt. Andernfalls nehme Salza. Bitte stelle nur den Zug fest, der ab Cassel über Bebra nach Halle geht, und ob er gegebenenfalls in Salza hält. Ich nehme wahrscheinlich den von Dir empfohlenen; solltest Du vorher ankommen, so könntest Du ja das Terrain schon etwas sondieren. Ich schreibe Dir noch, wo, unter welchen Bedingungen u. mit welchem Grade der Festigkeit ich abgemacht habe. Von Donnerstag früh an ist m. Adresse Ch.4. Packet nur auf besondere Bitte.
Berka hat den Nachteil, daß immer die halbe Universität da ist.
Viel herzliche Grüße
Dein
Eduard.