Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Juni 1917 (Leipzig)


[1]
|
Leipzig, den 16. Juni 1917.
Liebste Freundin!
Endlich, Sonnabend Nachmittag, bei größter Hitze, gewinne ich die Freiheit, Dir zu schreiben. Ich brauche infolgedessen nicht viel zu berichten; denn außer Vorbereitung für die "Einleitung in die Philosophie" und Sitzungen habe ich eigentlich nichts erlebt.
Dein lieber Nachtragsbrief vom 10. Juni berührt mit Sicherheit einen Punkt, der an unsren traurigen Mißverständnissen schuld war. Ja, wenn Du die Art hättest, Dich durchzusetzen, Deine Person zur Geltung zu bringen, so wäre die Begegnung zu Weihnachten für uns durchführbar gewesen. Mich aber hätte es beengt, Dein stilles Wesen in diese laute, äußerliche Gesellschaft zu bringen. Das hätte, mit Böhm zu reden, nicht "gepaßt", nämlich in dem Sinne, daß wir dort nicht allein, nicht für uns gewesen wären, nicht in dem Sinne, als ob ich laute Menschen den stillen und innerlichen vorziehe. Aber
[2]
| ein wenig könntest Du Dich nach dieser Richtung hin schon entwickeln. Es ist nur in der Ordnung, wenn der Mensch, was er innerlich ist, auch auszeichnend zur Geltung bringt, und "ich selbst" z. B. würde mich mit dem Grade von Aufmerksamkeit, den meine Berufsfreunde Dir z. Z. entgegenbringen, auf die Dauer nicht begnügen. Aber das ist ja nur ein äußerliches Moment. Das eigentliche von damals ist und war die Abneigung gegen plötzliches Umwerfen von Dispositionen und gegen Telegramme, die mich nervös machen und außer Fassung bringen.
Ich habe in dieser Richtung schon wieder gesündigt, verspreche also nicht viel Besserung: Lenz hatte sich durch ein Telegramm v. Brandenburg angemeldet, war am Vormittag des Montag 4.6. bei mir u. auf dem Seminar, telephonierte abends, war an der Bahnsperre - ich konnte die Kraft nicht aufbringen, nachdem ich um ½ 7 nach Hause gekommen war, noch einmal an den Bahnhof zu fahren. Ich war dazu physisch zu angegriffen u. hatte das Kolleg noch nicht fertig; so habe ich geheuchelt, daß ich erst um
[3]
| ½ 9 gekommen wäre. Hier meine Beichte. Lenz ist mir ein sehr lieber Freund, aber meine Natur war mir in diesem Augenblick sein Feind.
Die Anzüge sind gut angekommen, prächtig verpackt. Ich danke Dir vielmals für die große Arbeit. Nun habe ich wohl alles.
Dein Symbol von der dreistufigen Pyramide ist im Grunde nicht übel. Überhaupt fühlst Du schon das Rechte. Übrigens damals, als ich die Sympathie und das Ästhetische parallel setzte, hatte ich noch meine Gründe. Ich verwandte es damals so, daß ich die ästhetische Einfühlung in reale Gegenstände (das Naturschöne etc.) als Urform annahm, u. das Kunstschaffen nur als einen (praktisch allerdings bedeutsamen) Spezialfall. Als ich kürzlich Th. Lipps las, von der ästhetischen Symphatie, fand ich verwandte Gedankengänge. Ich glaube aber, daß sie, trotz Lipps, falsch sind. Jetzt bin ich im Kolleg (päd.) bei den Lebensformen, und der Erfolg ist sichtbar. Der Besuch von (Schlachtenbummlern) ist so groß, daß wieder einige stehen, obwohl die 117 Sitzplätze schon gereicht hatten. Die Übungen befriedigen mich nicht sehr, obwohl sie nicht gerade schiefgehen. Ich bin für diese
[4]
| geistige Arbeit doch noch nicht frisch genug. Und in der Philosophie scheine ich nur Lämmer zu haben.
Die Kommissionsberatungen u. die Plenarsitzung über die Auslandsstudien sind erledigt. Im ganzen ist mein Bericht in der von mir gewünschten Fassung durchgegangen. Hingegen habe ich immer noch keine Korrekturen von der Denkschrift.
Morgner ist seit Dienstag hier u. wird wohl bis 1. Januar beurlaubt werden. Er behauptet, großzügig geworden zu sein. Vorläufig ist seine Art beinahe unerträglich, und ich muß ihn erst zurechtmodeln, was nicht schwer sein wird. Vor allem: das ist ein deutscher Offizier und murmmelt, als ob er keinen Satz bauen könnte.
Cornelius Gurlitt habe ich erst heute den konfusen Vortrag von Sommer, dessen Hauptstudium ich nicht kenne, mit einem ostensiblen u. einem andern Brief zugesandt.
Die Preise steigen hier dauernd. Abends muß ich oft fortgehen, weil ich zu Hause nichts zu trinken habe. Das Wetter ist bezaubernd schön, ganz so, wie es für mich gesund ist. Aber man hat die tiefste Sorge. Überhaupt ist politisch noch nichts gelöst.
[5]
|
Butter habe ich seit 8 Tagen nicht mehr. Doch hat mir Strümpell für 8 Wochen je ½ Pf. verschrieben, und die Eierlieferung etc. funktioniert.
Den Fall Hans Witting kann ich nicht mit wenigen Worten erklären. Er gefällt mir schlecht in allem, was er tut.
Strümpell war sehr nett, und auch der häusliche Ton war angenehm. Daß ich im April noch einen kleinen konstatierbaren Rest hatte, der nun auch verschwunden ist, so daß man garnichts mehr merkt, war mir überraschend. Das subjektive Befinden ist jetzt auch ganz gut. Nur ist eine gewisse Schwäche da, die aber vielleicht Kriegssymptom u. nicht Privatsache ist.
Nach guten, kritisch beurteilten Quellen, die auf 2 verschiedene Gespräche zurückgehen (Herzog v. Altenburg u. Prof. Harms - Kiel) soll Hindenburg mit Bestimmtheit geäußert haben, daß wir im September fertig sind. Man sieht eigentlich nicht wie. Ich bin übrigens erst dann ganz fertig, wenn Wilson baumelt.
[6]
|
Um Deinetwillen freue ich mich über Lietzes Södenplan. Hoffentlich ist es auch für sie das Rechte.
Von Schröbler höre ich garnichts mehr. Unter den Studenten ist ein theol et. phil, der den rechten Arm verloren hat und der mir symphatisch ist. - Vergiß nicht, den Artikel v. Marianne Weber zu lesen.
Das wären so die Nachrichten vom Tage. Zu allem über den Tag hinaus fehlt mir Zeit und Kraft. Gottlob ist die Hälfte des Semesters erreicht. Wundt hat übrigens die Beförderung von Barth strikt abgelehnt.
Ich habe die "25 Jahre" noch einmal gelesen und finde sie ausgezeichnet. Schade, daß sie so wenig herum kommen.
Ich danke Dir für alle Liebe in der Nähe und in der Ferne. Hoffentlich seid ihr gesund und habt genug zu essen. Viele herzliche Grüße der lieben Tante und Dir
im Sinne von Berka
Dein
Eduard.

[re. Rand] Dora Th. muß des Knies wegen in einem Gehapparat gehen