Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Juni 1917 (Leipzig)


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Leipzig, den 28. Juni 1917.
Mein Liebling!
In ernste Zeiten und arbeitsreiche Tage ist ein Festschimmer hineingefallen, der mir unverdient erscheint, aber beglückt, wie Liebe immer glücklich macht. Nicht der Hauptanteil gehört Dir, sondern Du bist für mich Sinn und Inhalt dieses Tages. Ich kann das nicht, wie Du, in tausend lieben Formen und Symbolen ausdrücken. Ich kann nicht einmal aufzählen, was Du alles für mich getan hast, trotz Deiner angestrengten Augen, des Mangels ringsum und Deiner mit täglichem Fleiß ausgefüllten Zeit. Hoffentlich kann ich auf der zeitlosen Grundlage, die Du für mich so schön bereitet hast, etwas Würdiges schreiben. Die Erinnerungen an Freudenstadt und an Berka werden mir dazu Kraft geben; für Federn hast Du selbst gesorgt. Die andern Bilder erinnern mich an manche zusammen durchgekämpfte Stunde. Die Seife will ich benutzen, um mich von allen allen Sünden lilienrein zu waschen. Das Eßbare aber will ich auffressen, damit der neidische Leib nicht wieder revoltiert.
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| Trübe Gedanken und Sorgen will ich an den beiden Haken aufhängen. Aus jedem einzelnen aber sieht mir Dein Bild entgegen, und ich fühle mit Andacht meinen Reichtum.
Ganz besonders wohltätig war mir das Geschenk der lieben Tante und Ihre gütigen Zeilen. Es ist mir ein tiefes Bedürfnis, sie und Dich mir nahe zu wissen, und ich umfasse Euch als eine liebe Einheit. Du bist so gut, ihr einstweilen meinen Dank an meiner Stelle auszusprechen.
Ich will Dir kurz, so lange es meine Zeit erlaubt, den Verlauf des Tages schildern. Schon am Dienstag regte sich des Morgens im Kolleg vermehrtes Trampeln; Morgner, der in Extrauniform da war, hatte offenbar ein falsches Datum verbreitet. Er sandte eine vorzügliche Torte und eine Flasche Portwein. Mittwoch früh fand ich am Kaffeetisch 2 brennende Lichte, einen großen Fuxiatopf u. einen von Marianne gebackene Torte. Gleich nach mir erschienen beide Hausgenossinnen, und gratulierten. Alles doch mehr Stil als Grassistr. 14. Es waren zahllose Briefe da, bis heute wohl 35. Darunter bis zu 20 Seiten. Frl. Kiehm hat einen
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| Aufsatz geschrieben im Anschluß an die "Lebensformen", Frl. Wezel legte einen Hamburger Vortrag bei, Susanne Conrad sandte außer Blumen u. Makronen ihre Seminararbeit "in ehrlicher Verehrung."Dora Thümmeleinen humorvollen, aber von vielen Leiden erzählenden Brief. Klara Müller, geb. Runge, legte Bilder von ihrer Kriegstrauung bei (4. Juni.) Nun, Du wirst ja das Lesenswerte selbst lesen. Hab nur ein wenig Geduld; ich ersticke vor Arbeit und äußerlichen Pflichten.
Nachdem ich Dein Packet mit Genuß ausgepackt u. mich daran gefreut hatte, erschien Morgner. Wir tranken Portwein u. aßen Torte (auch Theresa Zangenberg hatte eine gebacken). Zu diesem Gelage erschien - Gretchen Stolze, jugendlich und frisch wie immer, sehr nett, mit Nelken, getrieben vom Geist und der - Neugier. Es ging ihr Gott sei Dank schlecht. Um ¾ 1 Aufbruch zu Biermann.
Schon die Zofe gratulierte. Mein Tischplatz war im Halbkreis umrahmt von zahllosen Geschenken, der Stuhl bekränzt. Albert erläuterte ernst und gewichtig. Diese Gänse, zähle sie (es waren 12 schnatternde und halswackelnde Tiere) sind die 12 Dozentinnen der Frauenhochschule. Dies ist Deine Frau Wirtin (eine fromme
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| Weibsfigur mit der aufgeklebten Inschrift: "Gesegnete Mahlzeit." Ein Bildchen von Schwind mit den Worten der Frau Volkelt: "Sie sollten heiraten, Herr Professor, es wird Ihnen gut tun." Rechts ein Herz: Sei helle, bleib ein Junggeselle, links: "Flink gefreit, hat niemand gereut." Das Buch von B. Schleicher über die Idealistin Malwida mit Widmung unter Bezugnahme auf die Realisten Walter (Goetz) u. Richard (Schmidt.) Das Ehezuchtbüchlein. 6 Gänseleberpasteten. 2 Schachteln Cigarillos. Ein Aschbecher (ich nehme an, daß Sie ihn nur draußen benutzen.), ein Schächtelchen mit Bonbons etc.
Rösi, die atemlos aus der Schule kam, sagte ein beziehungsreiches Gedicht von Mama anstelle der Rede von Papa, sehr sehr hübsch. Bubi und Lenchen brachten jedes ein Bouquet. Ich hatte natürlich auch kleine Geschenke für die Kinder mitgenommen. Wir blieben bis 3 zusammen; dann mußte Albert nach Dresden.
Ich eilte nach Hause und gedachte schnell zu entfliehen, aber der dicke Dr. Lückel kam zuvor. Er wurde durch Torte, Kaffee u. Cigarre befriedigt. Dann machten wir einen kl. Spaziergang. Den Abend hatte ich schwer zu arbeiten. Inzwischen hatte der Famulus ein dummes Telegramm aus dem Seminar gebracht: "Hurra, Eduard, daß die Erde wackelt. Ob hei sich woll wat merken lat?" Was er natürlich recht tat.
Heute früh vor dem Eintritt in den Hörsaal hielt mir der Famulus eine kurze Rede, die mich lebhaft an den Stil von Beck erinnerte. Nach dem Kolleg mußte ich zum Examen,
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| nach dem Examen zur Sprechstunde, nach der Sprechstunde zu Rohns, der auf Grund eines Druckfehlers im Un. Kalender im Verdacht stand, Geburtstag zu haben. (So war ich schon Dienstag reingefallen: ich schrieb 9 Seiten zum 70. Geburtstag v. Paulsen, um festzustellen, daß er schon 1916 war.)
Der Fall Wien ist fürs erste aus dem Gesichtskreis gerückt und kann Wochen, ja Monate dauern. Aber der kl. Scholz schreibt u.a: "Am Sonntag sprach Harnack sehr ernstlich davon, Du würdest hier eines Tages Ordinarius werden, und der gute Ferdinand Jakob werde irgendwohin "versetzt" werden."
Mit alledem kontrastiert sehr merkwürdig, daß ich alle meine Philosophie einfach verlernt habe. Ich habe bei allen Examina ernstliche Mühe, mir die Dinge zu rekonstruieren. Daher auch die Arbeitslast, unter der ich seufze, und die mich zu nichts kommen läßt. Es erfordert wirklich wieder alle Kräfte. Morgen ist zu allem wieder Auslandssitzung.
Die Stimmung hier und allenthalben ist sehr schlecht. Man denkt an den nächsten Kriegswinter. Selbst Biermann ist unter die Miesmacher gegangen. Scheidemann schreibt vom Winterfeldzug. Ich halte daran fest, daß wir keinen Winter mehr durchmachen, entweder, weil wir vorher siegen, was ich hoffe, oder weil wir vorher kaput gehen, was ich wegen der
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| zweifelhaften Ernte fürchte.
Kerschensteiner hat 8 Seiten geschrieben und grüßt - "Ihre stille, von mir sehr verehrte Freundin." Durch Muthesius erfahre ich, daß die Denkschrift auf Grund der Pfingstkonferenz sehr beschleunigt werden soll! Auch das sächs. Ministerium will für den Winter schon das Balkaninstitut eröffnen. Steckt hinter alledem nicht auch etwas Angst vor dem Unzeitgemäßsein, die Furcht vor der Demokratie, die, weil wir sie nicht haben, uns vor allen Bittern herabsetzen soll? Na, Plato dachte anders.
Für die mitgesandten Sachen danke ich ebenfalls herzlich. Das Namensschild ist bei Stolpes, und so wäre bis auf das kleine Wandbrett alles gefunden.
Über das Verhältnis meines Vaters zu mir habe ich wieder lebhaft nachdenken müssen. Ich bin für ihn eigentlich gar kein lebender Mensch mehr. Er hat für nichts an meiner Existenz ein Interesse. Sein Geburtstagswunsch ist die fromme Wendung über meine Gesundheit, wie sie seit Monaten wiederkehrt. Nun kann das ja im hohen Alter nicht anders sein, und es ist sehr gnädig von der Natur, wenn sie noch so viel übrig läßt. Aber eben von dem, was sie übrig läßt, sieht man dann doch deutlich den Kern, der
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| da war, ein gänzliches Aneinandervorbeileben und Nichtverstehen. Das alles unter dem Etikett Liebe. Das ist für jemanden wie mich eben doch ein unerträglicher Stachel, stärker als das Problem Felicitas, daß ich neben jemand jahrelang lebe, ohne zu verstehen und unverstanden. Vielleicht Bestimmung, daß mir das, was ich vor allem suche, immer in seiner Unerfülltheit vorschweben soll. Das Verstehen ist ja in Wahrheit so gering. Die meisten Menschen verstehen nicht einmal, daß man Grenzen der physischen Kraft hat, auch als Briefschreiber; sie sind immer nur voll von Anklagen. Übrigens merke ich die ganze Schwere jener Differenz in regelmäßig wiederkehrenden Träumen.
Heute ist Strümpells Geburtstag, und trotz aller Lauferei ist ein Teil doch noch schief gegangen. Er hat nun endgültig bekommen:
R. Wagner, Mein Leben 3 Bde   60 M.
Schubert, bisher 2 Bde (von 5)  48 M.
Novalis 4 Bde in Pergament   22 M} f. d. Tochter.
Ricarda Huch Romantik   15 M}
Blumenarragment  12 M
Brief.   –––
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157 M.
Ob eines davon das Rechte ist? Solche Frage ist immer fatal.
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Es ist gleich ½ 11, und ich muß schließen, da morgen ein schwerer Tag um ½ 7 beginnt. Um Wien brauchst Du Dich nicht zu beunruhigen. Man müßte mich sehr ärgern, wenn ich es annähme. Übrigens glaube ich noch immer an Vereinigung der deutschen Teile mit Deutschland, und dafür müssen schließlich Männer da sein, die das tragen. Aber dazu fühle ich mich in der Tat wenig berufen.
Schmoller ist nun auch gestorben. Ich verdanke seiner Gesamtauffassung sehr, sehr viel. Er war ein vorbildlicher Mann, den ich verehrt und geliebt habe. So gehen die alten Führer dahin. Auf uns liegt es; aber niemand will heute mehr geführt sein.
Durch die Hast der Tage und die Last der Sorge begleitet mich Dein Bild als ein guter Stern. Laß ihn über mir leuchten, auch wenn ich im Gedränge des Täglichen Dir nicht in ruhigen Worten sagen kann, was Du mir bist und wie ich in Dir meine Heimat finde. Mein Dank gilt auch nicht dem einzelnen, sondern daß Du da bist, erfüllt mich mit nimmer endendem Dank, und den fühlst Du auch aus diesen Zeilen. Sei innig gegrüßt von
Deinem
Eduard.

[li. Rand] Gern schickte ich von der Torte. Sie würde als Matsch ankommen. Dafür nächstens anderes. - Morgen schicke ich Dir 50 M, die ich <Kopf> Dir schulde, und weitere 50 zum Ersatz der Auslagen für mich; sollte ein Rest bleiben, bringst Du es gelegentlich wohl auf die Sparkasse.