Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Juli 1917 (Leipzig)


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Tretmühle, den 20. Juli 1917.
Liebste Freundin!
Seit gestern Föhn, Gewitterspannung, Wirbelwind – ich fühle jeden Nerv und die "alte Wunde" seit langem auch –, aber wenn überhaupt, so will ich heute versuchen, etwas Briefähnliches zustande zu bringen. Denn morgen ist 1) Kolleg 2) Volkelts Geburtstag 3) Kommissionssitzung 4) Rektorwahl 5) Fakultätssitzung. Sonntag Mittag Biermann, Nachm. u. Abend Frau Riehl. Nächste Woche bis jetzt 3 Staatsexamina und 4 Doktorexamina. Dies alles um so fühlbarer, als ich nun eben doch schon recht verbraucht bin.
Also herzlichen Dank für Deinen lieben Brief, den ich eben vorfand. Du vertrittst wohl den Professor? Es ist ja auch gleich, wer die <unleserliches Wort> treibt. (Übrigens liegt Frau Biermann (Mutter) mit gebrochenem Oberschenkel im Roten-Kreuz-Krankenhaus.) Daß Du so hohe Konnexionen zur Cuisine des "derzeitigen" Reichskanzlers hast, läßt mich für Deine Laufbahn hoffen. Nütze sie aus; denn
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| länger als 6 Wochen wird die Herrlichkeit ja nicht dauern. Ich habe, wie alle hier, unter der Krisis schwer gelitten. Denn sie ist und bleibt eine politische Eselei, Zeichen unsrer Unreife in Machtfragen. Wenn es mir schlecht geht, muß ich in das vornehmste Restaurant gehen und die Kellner springen lassen; dann pumpt mir jeder 500 M. Lasse ich meine Verhältnisse merken, werfen sie mich noch in der Volksküche raus.
Michaelis – ein Bote und ein energischer Mann. Ich würde nie jemanden auf einen Posten wählen nur weil er energisch ist. Denn ist er's im Verkehrten – dann um so schlimmer. Hier ist nun aber (laut gestern) gar kein Bekenntnis, keins nach rechts und keins nach links. Ein Beruhigungskanzler, wie ich's mir gedacht habe, wesentlich bestimmt, die Situation für den, der eigentlich kommen soll, zu klären; denn das muß doch ein Vertreter der auswärtigen Politik sein.
Leipzig ist leer. Auch dies ein Zeichen der Zeit: Der Staat sagt: Zu Hause bleiben! Die Stadt sagt: Alle raus, freßt euch dick, entlastet uns! Die Leute tun das zweite. In diesem respektwidrigen Zusammenhang muß ich erwähnen, daß meine beiden Hausgötzen heute
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| früh auch für 4 Wochen abgereist sind. Rückblickend finde ich, daß auch die persönlichen Beziehungen sich sehr gut gestaltet haben und daß ich in jeder Beziehung gut aufgehoben bin. Z. B. von irgendwelchen Dispositionen für die Abreise habe ich nichts gemerkt; alles geht und alles geht still.
Europäisches Gleichgewicht ist ein Begriff aus dem 17. Jhrhdt. Es gibt darüber eine Dissertation m. Studiengenossen Käber. – Mein Stundenplan, wie Du ihn hast, ist nie in Kraft getreten. Die Übungen habe ich immer von 7¼ – 9 Freitag Abend gehalten. Es ging nicht anders. – Steuern! Ein böses Kapitel. Ich bezahle für das magere Jahr 1916 1500 M Steuern. Dazu kommt noch die Besitzsteuer. Als Nachfolger v. Trott zu Solz wurde auch mein Schmidt genannt, der in Cassel Klassenkamerad des Kaisers war. Vorläufig ist die Firma jedenfalls noch nicht bankrott. Denn heute bekam ich 75 M Entschädigung für die Päd. Konf. bewilligt. Hingegen warte ich in dringender, für die Universität sehr schöner u. billiger Sache seit 14 Tagen vergeblich auf Bescheid aus Dresden. Hingegen in Sachen Barth, der seit Jahren nur 2 Std. Vorlesungen im Semester hält, laufen und schreiben sie sich Füße u. Hände aus.
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| Wundt hat s. Vorlesungen vorige Woche plötzlich abgebrochen. Ob er auch abgereist ist, weiß ich nicht. Man sagt, er wolle sich den Ehrungen entziehen. Ich glaube, daß es ihm nicht gut geht. Frau Riehl wollte ihn gern sehen; das ist nun zweifelhaft.
Ein Unbekannter hat nach dem Seminarbild eine Bleistiftzeichnung von mir gemacht, um sie seinem Freunde Dr. Rolle zu schenken. Im Grunde war sie nicht übel.
Hildegard Trescher hat Dissertationem egregiam <Wortanfang unleserlich>stiert = No. I. Ich habe diese No. nie gegeben; auch diesmal hat der Korreferent, Kanzler- u. Menschenfresser Brandenburg, die Intiative ergriffen, u. ich habe zugestimmt. Dies ist eine ungewöhnliche Ehre. Sie soll nächste Woche das Mündliche machen, hat aber Halsentzündung.
In der Päd. ist noch jeder Platz besetzt. Viele Durchreisende; wie immer im Anfang der Ferien. Ich werde mit dieser Vorlesung ganz gut fertig. Mit der Einl. i.d. Phil. bleibe ich kläglich so bei ¾ stecken. Der Besuch aber ist auch noch gut. Nur strengt alles sehr an, zumal bei diesem Wetter. Sei so gut und mach dies nicht nach. Den ganzen Tag im Krankenhaus, das ist nichts für die paar Mark. Von meinen Plänen sofort, wenn sie greifbar sind. Der lieben Tante sage bitte, daß ihr Erdbeergelée über alle Begriffe vorzüglich war. Ich kann die Briefe u. Packet immer noch nicht schicken, weil ich buchstäblich keine Zeit zum Heraussuchen habe. Halt den Daumen, daß wir uns morgen in der Bücherkommission nicht <li. Rand> hauen. – Ernte bei Manel schlecht. Südlich besser. Bei Gera ausgezeichnet. Für heut nur diese Notizen <Kopf> a Conto. Herzlichst dankbar u. treu Dein Eduard.
[re. Rand S. 1] Du erinnerst Dich, was wir in Freudenstadt von Kerschensteiners politischen Interessen sahen. Wenn es alle so machen, muß ich sagen, nehme ich die Fakultätssachen ernster.
[re. Rand S. 2] Die Denkschrift hat bei Excellenz Wach deren hochzuschätzendes Interesse gefunden; ferner bei Bernhard Harms. Sonst bisher nicht.