Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Juli 1917 (Leipzig)


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Sonnabend, den 28. Juli 1917
Abends 9 Uhr Balkon
Liebste Freundin!

Das Semester neigt sich dem Ende zu, und eine bedeutende Arbeit ist getan, vor allem auch an individuellem Eingehen und Spinnen persönlicher Fäden. Am Montag lese ich noch von 8-10, am Dienstag um 9 ist Schluß, am Mittwoch um 12 Deputation zu Wundt, die die Fakultät mit lauester Temperatur beschlossen hat. Am Freitag hoffe ich fortzukommen.
Am Sonntag um 12 Uhr kam Frau Riehl, wohnte im Fürstenhof (zu recht hohen Preisen). Wir fuhren zu Wundt, den wir frischer als je trafen u. in einem politischen Optimismus, zu dem ich garkeine Unterlagenhabe. Wir tranken bei mir Kaffee und trennten uns um 11, da ich zur Zeit ihrer Abreise am Montag lesen mußte. In dieser Woche habe ich 8 Leute examiniert, darunter H. Trescher, 2 Sitzungen gehabt und infolge verordneter Ratsbutter, die immer verdorben ist,
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| einen mehrtägigen Darmkatarrh mit Fieber gehabt. Dienstag wollte ich eigentlich nicht lesen. Aber ½ Stunde vor Beginn raffte ich mich noch zusammen, u. zwar hauptsächlich meinen 4 Kandidaten zuliebe. Es ging, zumal da Freund Biermann eine alte Flasche Rotwein spendierte. Er ist heut morgen nach Wilhelmshöhe abgereist, leider sehr niedergedrückt durch den Tod seines Freundes Kapitän Thorbecke, Bruders v. d.. <Name unleserlich> Gestern bin ich geröntgt worden, habe außerdem einen Fall von Aphasie und Apraxie gesehen. Morgen soll ich das Bild holen und es soll wegen des Oktober beraten werden. Übrigens steht jetzt fest, daß wir am 1.X. anfangen, u. zwar pünktlich.
Deine liebe Sendung hat mich sehr erfreut. Ich danke für Altes und Neues. Den Bärenpelz werde ich für den Winter aufheben; er ist sehr schön. Bis dahin trage ich das Stolzesche Ding. Deinen lieben Brief habe ich mit der gewohnten Aufmerksamkeit gelesen, hingegen aus dem politischen Teil leider nicht klug werden können.
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"Ich habe nachgedacht über des Recht von Männern in einflußreicher Stellung, Briefe mit deprimierenden Nachrichten zu verbreiten. Wie will man das im privaten Verkehr jemanden bestreiten? (Privatverkehr ist aber kein "Verbreiten.") Und doch erscheint mir die Wirkung wie ein Unrecht. (Eine Wirkung kann kein Unrecht sein; nur eine Absicht.) Du nennst es politische Unreife, eben diese (?) Gesinnung in unsern leitenden Kreisen, die bedenklich und gewissenhaft alle Möglichkeiten abwägt (Wie kann ich denn das Unreife nennen, was gewissenhaft und bedacht ist?), anstatt einfach mit unerschütterlichem Willen für den Erfolg etwa alles einzusetzen." Diesen Text hält mein philologisches Gemüt für "verderbt", und ich sehe mit herzlicher Teilnahme daraus, daß es Dir nicht besser geht als mir, sondern daß Du stets in der Hetze bist.
Nachgiebigkeit vor der Zeit ist politisch immer unklug. Innerer Zwist in Stunden äußerer Gefahr ist immer unklug. Von England herüber hört man nie eine Stimme des Verzichtes.
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| Dabei haben sie militärisch nichts erreicht.
Billigen also kann ich diesen Rückzug nicht. Ich sehe aber in ihm Symptome bedenklichster Art, nämlich Anfänge von einer Weltverwirrung, die vielleicht Jahrzehnte umfaßt. Solche Erschütterung, wie sie jetzt zu unserm Unheil von Rußland ausgeht und auch noch andre Völker anstecken wird, sind ist in langer Arbeit nicht wieder gut zu machen. Ich rechne damit, daß wir im Winter völlige innere Auflösung oder aber eine ebenso schreckliche Militärdiktatur haben werden. Der Wille ist bei uns eben nicht lang genug, vielleicht, weil wir das Geschäft der Politik nicht verstehen, vielleicht weil uns der Hunger entnervt hat; denn das ist ja zu sehen, wie besonders die geistigen Leute langsam sterben.
Die Ubootsache scheint auf großen Rechenfehlern zu beruhen. Die Gegenseite hat 40 Mill. Tonnage zur Verfügung. 5 Millionen haben wir seit 1.II. versenkt. Heut in einem Jahr könnten wir vielleicht am Ziel sein, wenn nicht Amerika bis dahin uns ein Ziel gesetzt hat.
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Vielleicht ist es unrecht, in solcher Situation von den Schwierigkeiten des persönlichen Lebens überhaupt zu reden. Aber Dir gegenüber darf ich es, u. der Regierungsassessor v. Sydow hört es ja nicht. Ich habe in dem Semester wieder gemerkt, wie stark mein Einfluß auf Studenten und Studentinnen ist. Der Besuch hat nicht abgenommen, sondern blieb bis zuletzt auf gleicher Höhe, da für die Eingezogenen etc. Feriengäste kamen. Die genauen Zahlen stehen jetzt fest (Paed. 129 - bei 1000 Anwesenden der ganzen Universität! Phil. 89. Übungen 51. Kolleggeld ca 2000 M.) In einer Sitzung des akad. Münchenausschusses gestern sah ich, wie nötig dieser relativ tatenlosen Jugend ein Führer und Deuter ist. Aber wo nimmt man auf die Dauer die innere Kraft her? Zu geistigen Leistungen fehlt schon das Fett (da ich meine Butter nicht essen kann), von dem andern zu schweigen. An das Buch kann ich in Partenkirchen auch nicht denken; denn 8 Wochen sind zu kurz dafür. Also bleibt es bei Kleinigkeiten - Luther und andren Skizzen im günstigsten Falle.
Meine Herde verstreut sich. Ich habe am Ende des Semesters immer das deutliche Gefühl von geheimen
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| aber festen Fäden der Symphatie, die sich geschlungen haben. Diesmal übrigens auch zu den Kollegen. Denke Dir, um ein Haar wäre ich Senator geworden. Von 22 Stimmen fielen 9 auf mich; Partsch siegte mit 12. Natürlich habe ich mich selbst nicht gewählt; Volkelt erhielt eine.
Ideenlos ist doch unsre politische Welt. Was für ein Kartenhaus war dieses Mitteleuropa! Ich denke im stillen an einen Aufsatz, der aufrüttelnd wirken müßte:" Der verschönte Machtgedanke". Für sich nämlich, als Parteimitglied, macht jeder von der Machtidee Gebrauch, die jetzt der Staat so edel von sich ablehnen soll. Das aber ist die eigentümliche Arithmetik der Macht, daß mit dem Wachstum der Einzelposten die Gesamtsumme abnimmt und umgekehrt. Die Macht der vielen erzeugt unzählige Reibungsflächen. Und England verfährt mit uns wie Brand mit seiner Frau: es zwingt uns, auch noch das letzte an nationalem Anspruch herzugeben. Haben wir die Demokratie, so wird es heißen: jetzt gebt uns noch die Hohenzollern, und haben wir die gehorsam geopfert, dann heißt es: gebt uns das Rheinufer. Und der Deutsche tut alles, weil er es den Nachbarn schuldig zu sein glaubt, damit
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| sie ihn schützen. Ja, ist das noch politisch gedacht? Politik ist Klugheit; ich sehe nicht, daß das klug ist. -
Bei Dora Thümmel, deren Brief ich beilege, falls ich ihn bis zum Abgang dieser Zeilen beantworten konnte, ist Nierenkrankheit festgestellt. Sie ist vom Schicksal verfolgt; es ist tragisch. - Schröbler ist als Geologe im Felde. Mit dem guten Freunde Morgner [über der Zeile] (Danke für s. Brief.) war ich eben ein paar Stunden in Leutzsch. Seine menschlichen Eigenschaften bleiben dieselben treuen und lieben; aber geistig ist er entschieden zurückgegangen, und die Kollegen behaupteten in der Sitzung, diese Erscheinung bei Kriegsteilnehmern allgemein beobachtet zu haben. Die Studentinnen werden aufgefordert, in die Munitionsfabriken zu gehen. Man scheint einen moralischen Einfluß zu hoffen. Wie kann man so daneben tappen!!
Die Stiefel hebe mir bitte für mich auf. Mir passen sie, und wer weiß, ob man im Winter übhpt noch etwas hat, um seine Füße drin aufzubewahren.
Ich werde nun wohl erst wieder von unterwegs schreiben. Freund Baierl, den ich in München oder Augsburg treffen will, klagt über Krankheit. Frl. [über der Zeile] Dr. Zangenberg ist heute ihrem Bruder nach Partenkirchen nachgereist, da dieser dort
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| zu verhungern drohte.
Ich danke Dir für die liebe Fürsorge mit dem Lungenschützer. Hoffentlich kannst Du Deine Arbeit so einrichten, daß für uns eine Woche herauskommt. Wie wir das dann machen, ob in P. oder in Cassel, das wollen wir noch überlegen und von der Weltkonstellation sowie dem Geldstande abhängig machen. Ich habe nie Mut zu weitausschauenden Plänen gehabt, jetzt am wenigsten. Du wirst mir das nachfühlen und nicht ungeduldig werden. Jedenfalls verabreden wir uns dann klipp und klar, und hoffentlich schenkt uns die Zeit ein stilles Miteinander.
Viele Grüße an die liebe Tante und alles Herzliche von Deinem
Eduard.