Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. August 1917 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 7. August 1917.
Liebe Freundin!
Unsre äußere Verbindung war in der letzten Zeit recht lückenhaft. Da nachweislich Briefe von mir und an mich verloren gegangen sind, will ich im voraus bemerken, daß die letzte Nachricht von Dir der Brief in dem Packet mit dem Lungenschützer etc. war. Ich habe am Montag, den 30., an Dich ein Packet gesandt und dann am Freitag Abend gleich nach München meiner Ankunft in München eine Karte geschrieben. Bis dahin also bist Du im Zusammenhang. Am Sonnabend früh machte ich mich auf den Weg und fand ohne Fragen beim ersten Tasten Kerschensteiners Wohnung ("links vom Maximilianeum)", betrachtete sie, ohne hineinzugehen, und wandte mich dann zur Isar, um den Englischen Garten zu erreichen. Ich saß einige Zeit in einem Park, den ich dafür hielt (es war der Biedersteiner Park), schlug mich nach dem Gefühl ostwärts westwärts durch, und als ich garnicht mehr wußte, wo ich
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| war, war ich in - Schwabing beim Großwirt. Ich fuhr zur Universität, die ich mir ansah, und endete sehr erschöpft im Pschorrbräu. Bei dem Essen dort waren anscheinend schlechte Pilze. Nach 1 ½ Stunde Schlaf war es für Nymphenburg zu spät. Ich trank im Café Odeon "Kaffee" und erwartete um 6 Freund Baierl, der mit ¾ Stunden Verspätung auftauchte. Im freundschaftlichen Gespräch saßen wir dann in einem kleinen, aber nahrhaften Lokal in der Barerstr. Nachts wachte ich mit Fieber auf und hatte so heftige Darmstörungen, daß ich an meiner Reisefähigkeit zweifelte. Durch völliges Fasten bis um ½ 3 kam ich relativ in Ordnung, hatte aber noch heftige Schmerzen in den Nerven. So war meine Ankunft in P. nicht gerade lieblich. Man erwartete mich erst abends. Ich aß am Bhf. ein kl. Beafsteak mit nix dazu für 2,80 M und fand P. in folgender Hinsicht verändert: 1) alles noch mal so teuer 2) kein Tauwetter. Die Sommerscenerie interessierte mich sehr, stimmte mich aber etwas wehmütig, da ich diesen Sommer auch schon wieder vergehen fühle. Um ½ 4 war ich bei Wittings. Frau W.
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| anfänglich überrascht; mein Zimmer war aber bereits fertig (Stiftung: Blumen, Butter, Pfirsiche), alles wie im Winter, nur etwas "individueller." Ich schlief 3 Stunden. Dann zeigte mir Frau W. ihr neueingerichtetes Eigenzimmer, ein Symbol ihres wiedererwachten Eigenlebens, dort fanden mich dann auch die Kinder: Felicitas ganz in Schwarz (Großvater †), Anderl gesunder als sonst. Alle waren ganz unverändert. Es ist, als wenn kein Tag dazwischen läge. So komme ich denn, abgesehen vom physischen Akklimatisieren, auch gleich in meine Arbeiten hinein, die bei der Kürze der Zeit sehr drängen.
Nur zweierlei macht mich unzufrieden: 1) die Finanzfrage: es wird alles maßlos teuer sein. Kaffee mit Kuchen, beides schwächster Qualität, incl. Trinkgeld 0,95 M. Wein kaum zu haben: ¼ offen 1,60 M. Ohne die freundschaftliche Bevorzugung wäre der Ort jetzt in der Zeit nicht das rechte. 2) Die Judenschaft im Hause und im Ort. Ich habe schon so widerliche Eindrücke von Genußsucht und Frechheit gehabt, daß ich die öffentlichen Centren ganz meiden werde.
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| Mit meinem Gepäck habe ich es diesmal schlau angefangen. Der Koffer kostete nur 1 M, weil ich 3 Pakete gemacht hatte, von denen das dritte (Decke mit Kissen) allerdings immer noch nicht da ist. [über der zeile] (soeben gekommen!) Ich fand hier einen Brief von Rohn vor, den ersten von seiner Hand; er geht nach Nauheim.
Arbeiten muß ich zunächst Luther (d. h. 8 Bände fruchtbringend durchackern) Zwischendurch 1 Artikel für Reclams Universum über Begabung und Studium für 100 M, die ich Dich hier 5 Tage lang in Naturalien abzuholen bitte. Dann ist mir ein Projekt gekommen, das ich noch für mich behalte, weil es vielleicht nicht zu schaffen ist. Aber auch daran könntest Du hier mitarbeiten. Endlich muß ich irgendwo Raum schaffen für den Artikel zur 100 Jahrfeier des Ministeriums. Denn Schmidt (der Besteller) ist inzwischen selbst Minister geworden.
Dies die Pläne. Nun aber der wichtigste: hoffentlich hast Du Neigung und bekommst Ferien, um mich hier zu besuchen. Ich würde den September raten, weil es dann leerer ist. Andre Fragen (ob z. B. im Hause Platz ist, was ich hoffe) wollen wir garnicht eingehend beraten. Wir machen es eben kriegsmäßig, d. h. so, wie es durchzuführen ist.
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| Die Züge liegen jetzt besser als im Winter, so daß die Anstrengung für Dich hoffentlich nicht zu groß wird. Ob Erholung herauskommt, ist leider fraglich; aber Luft und Berge werden Dir innerlich wohltun, zumal wenn Du so gut bist, schönes Wetter mitzubringen.
Mit Felicitas verkehre ich nach einem neuen Stil, den ich schon heute als falsch empfinde. Ich vermeide alle Zärtlichkeit, wodurch unser Begegnen von meiner Seite steif, unnatürlich und für sie unverständlich wird, während sie vom ersten Augenblick an das selbe liebe Ding war und auch nicht die Spur in 4 Monaten verlernt und zugelernt hat, am wenigsten in den Eifersuchtsdingen.
Ich hatte auch schon Besuch, von Dr. Schumann = Chesterfield, der mich gerührt hat, weil er kam, obwohl er 2 Stunden vorher telegraphisch den Tod seiner Mutter erfahren hatte. fräulein Dr. Zangenberg ist auch 10 Min. nach meiner Ankunft v. mir gesichtet worden, umgekehrt noch nicht.
Kannst Du mir vielleicht erklären, warum solch
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| schauderhafter Rückgang mit meiner Handschrift erfolgt ist? Das Schreiben wird mir geradezu schwer, und das Aussehen des Produktes ist jammervoll.
Das Röntgenbild hat fast absolute Heilung gezeigt. Doch sind in beiden (!) Lungenspitzen (z. Z. inaktive) tuberkulöse Herde festgestellt. Damit wird nun wohl nachträglich klar, was 1910 eigentlich vorgelegen hat.
Das Wetter ist nicht beständig, z. T. schwül, abends großartige Beleuchtungen, übhpt mehr Farbe und Relief als im Winter.
Nun habe ich alles erzählt, und ich hoffe auf die Post, die mir von Dir Nachrichten bringt, hoffentlich Gute, in Bezug auf Dich und die Tante. Sage mir bitte auch, ob und wann wir auf Deine Ferien hoffen können. Ich freue mich, Dir dann alles zeigen zu können (Menschen und Gegend), und noch mehr, mit Dir wieder reden zu können.
Viele innige Grüße Euch beiden
Dein
Eduard.