Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. August 1917 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 18. August 1917.
Liebe Freundin!
Etwas Neues hat sich seit meiner Karte vom Montag nicht ereignet. Es ist seit gestern märchenhaft schönes Wetter; aber ich bin märchenhaft unlustig zum Gehen, lese sehr viel und suche etwas zu schaffen. Nur gestern war ich mit Frau Witting und Anderl von 3 - ½ 8 mit kurzer Pause nach dem Pflegersee unterwegs. Das hat mich recht angestrengt, vermutlich, weil ich noch von der 8 Tage langen Darmstörung angegriffen bin.
Die Sohlen sind ganz das, was ich gemeint hatte. Probiert habe ich sie noch nicht, weil ich noch mit den selbst geschnittenen auskomme. Ich danke Dir, daß Du mich damit "begabt" hast. Auch das Scheidemanna ist inzwischen angekommen, eine recht demagogische Rede, die wirklich nicht den Eindruck macht, daß hier eine neue Idee oder ein neues Ethos heraus will. Nicht einmal sozialer Gedanke! Klassen- und Parteiegoismus, mit etwas Landesverrat in der Ubootsache Weiter nichts!
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Seit einigen Tagen folge ich einer neuen Ideenrichtung, die die Basis für meine 2., sehr erweiterte Auflage der "Lebensformen" abgeben soll, aber natürlich auch wieder nicht fertig wird. Ich schicke Dir ein paar Grundlinien mit, die ich aber, ebenso wie alle andern Akten, zurückerbitte.
Hier, und überall in der Welt, ist alles so bodenlos teuer, daß alle meine Berechnungen über den Haufen geworfen werden. Ich lebe dauernd vom Kapital. Ein Briefwechsel mit Charlottenburg über diesen Gegenstand, der auch in s. Ausgang sehr charakteristisch ist, liegt bei.
Hermann hat mir geschrieben und mich gefragt, wie er es anfangen müßte, einen Lehrauftrag für Pädagogik zu bekommen. Vielleicht schreibst Du ihm sowieso - ich schränke m. Korrespondenz sehr ein -, dann sage ihm doch: so geht es nie und nimmer. Sondern er muß entweder ein überragendes pädagogisches Werk gelehrten Inhalts schreiben, oder, noch besser, sich irgendwo habilitieren für Philosophie und Pädagogik, z. B. in Greifwald.
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Vater Scholz hat mir ein ganz nettes Buch von sich geschickt: "Was wir der Reformation zu danken haben". Es enthält viel Gutes neben anderem, was ich nicht unterschreibe. Aber meine Originallektüre von Luther enttäuscht mich nach wie vor.
In der Paßangelegenheit ist naturgemäß noch nichts erfolgt. Von den Bildern, die ich für den Zweck für teures Geld (7 M) habe machen lassen, lege ich Dir eins bei. Ich rechne mit 300 M Unkosten für die Wiener Reise. Wenn man sie gesundheitlich etwa falsch finden sollte, so muß ich anführen: Vielleicht finde ich es unterwegs etwas nahrhafter. Hier ist es furchtbar knapp, obwohl unglaublich viel extra für mich geschieht. Es ist einfach nicht da. In L. fast jeden Tag 2 Eier - hier nicht eines. Und die Götzesche Küche hat auch ihre Vorzüge.
Susanne Conrad hat in der gleichen Woche noch einen zweiten Bruder verloren. Der Kollege Althaus den 2. Sohn. Man weiß nicht, was man den Leuten schreiben soll. Da versagt schließlich jede Teilnahme.
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Lore Reyer fühlt sich in dem mir zugedachten Sanatorium in Oberstdorf so unglücklich, daß man sie hat zurückrufen müssen. - frau Rijs habe ich hier noch nicht besucht. Was meinst Du dazu: auf Brief und Karte ohne jede Antwort in 4 Wochen [über der Streichung] Monaten - das ist doch Abbruch der Beziehungen? Zu dem Arzt gehe ich vielleicht einmal Sonntag Vormittag, da ich ihm gestern schon in den Weg gelaufen bin.
Die Auslandsdenkschrift ist ohne jede Wirkung geblieben. Ebenso hört man von "Begabung und Studium" nichts mehr.
Der kl. Scholz soll Aussichten nach Marburg haben, was mich unsäglich freut. Zum Geburtstag von Wundt, den ich auf den 14. statt auf den 16. verlegt habe, habe ich den Verstand wieder in Bewegung gesetzt. Bis jetzt (naturgemäß) keine Nachricht. Ist er übhpt in Heidelberg?
Das ist es, was ich heute zu berichten habe - Wenn Du kannst, wirst Du die Gründe meines Stumpfsinns mit eignen Augen sehen. Es ist die bekannte Ferienschlaffheit, gegen die ich vergeblich kämpfe. Dir und der lieben Tante alles Gute wünschend, bin ich mit vielen Grüßen
Dein dankbarer
Eduard.