Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. August 1917 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 29. August 1917.
Liebe Freundin!
Diese Zeilen werden zum 31. August in Deinen Händen sein und sollen Dir an diesem doppelten Gedenktage viel Herzliches sagen. Wir haben ihn sonst in den letzten Jahren gemeinsam verlebt. Aber auch diesmal, obwohl getrennt durch weite Räume, begehn wir ihn gemeinsam. Du bist - in nunmehr 14 Jahren - der helle Stern auf meinem Lebenswege. Kein andrer ist wie Du in alle meine Geschicke verwachsen, mitleidend an meinen Leiden, mitkämpfend in meinen Zweifeln und mitschaffend an allem, was mir gelingt. Die Stürme des Krieges haben auch uns tief erschüttert. Es konnte nicht anders sein. Schwerer als sonst haben wir diesem Schicksal gegenüber ringen müssen um die innere Festigkeit, und noch jetzt droht sie manchmal verloren zu gehen, wenn die äußere Lage sich wieder und wieder
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| verdunkelt. Aber wir wollen, wenn auch die physischen Kräfte immer geringer werden, an der Gewißheit festhalten, die - ohne abschließende Formel - aus unsrer Gemeinsamkeit und unsrer Liebe folgt.
Zu meiner eignen Überraschung habe ich in den politischen Dingen einen sicheren Kassandrablick. Ich bin keinem vorzeitigen Optimismus verfallen, sehe auch jetzt noch die Lage als ernst und die Papstnote ohne positive Hoffnung an. Aber daß Deutschland durchkommt, daß es im Endergebnis (vielleicht erst für kommende Jahrzehnte) an diesen Nöten wächst, daran zweifle ich garnicht. Innerpolitisch müssen wir erst reif werden. Die Männer, die dieser Generation fehlen, im Reichstag und in den Reichsämtern, sie werden geistig aus dieser Zeit geboren werden. Wir selbst stehen dem Chaos zu nah, um es selbst noch zur Höhe zu bringen, aber unsre Schüler werden aus unsrem Suchen die Früchte ernten.
Auch in meinem Urteil über den Reichskanzler habe ich leider recht gehabt, abgesehen davon, daß ich ihn nicht für so elementar ungeschickt gehalten hätte. Zwei Aussichten haben wir jetzt: den Sozialismus,
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| wenn er sich läutert und seinen Klassencharakter abstreift, und den Ubootkrieg. Der Ausgang hängt davon ab, welcher von beiden Faktoren früher zum Ziel führt. Für den Fortschritt der Menschheit wäre das erste das Bessere, wenn es auch alles in allem länger dauern wird. Aber allein darin liegt eine Idee, nicht bloß eine Gewalt. Und so bleibt es bei dem, was mir schon vorschwebte, als ich den "inneren Frieden" niederschrieb: der Sozialismus, bereichert durch die ethische Führeridee.
Die Wiener Angelegenheit rückt nicht vorwärts. Der neue preuß. Minister hat mir unbeschreiblich liebenswürdig geantwortet. Ich zitiere nur den Schluß seines Briefes: "Die Annahme des Rufes nach Wien erlaube ich mir, wenn Sie mir überhaupt ein Urteil gestatten, aufs entschiedenste zu widerraten. Ich würde es außerordentlich bedauern, wenn Ihre Kräfte gerade jetzt dem Vaterlande verloren gingen. Wenn Sie der Weg einmal nach Berlin führen würde, würde ich mich sehr freuen, Sie zu sehen, um mit Ihnen Rücksprache über die Aufgaben meines Ministeriums zu nehmen.
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| Sehen Sie sich, so bald Sie wollen, als hierzu von mir eingeladen an." Du siehst, daß seine Auffassung mit Deiner übereinstimmt. "Zugeraten"*) [li. Rand] *)Von Volkelt kam aus Braunlage ein wirklich herzlicher Eilbrief mit dringendem Abmahnen. Wenn <Kopf> ich nur den neuen Genossen "Krueger" schon kennte. Der ist ja die Katze im Sack. hat bisher überhaupt nur einer: Marianne Götze, mit dem ganz vernünftigen (in normalen Zeiten vernünftigen) Grund, daß ein Sprung ins Ausland immer gut tut.
Das Warten ist nicht angenehm, zumal die ganze Reise und meine sonst glänzend fortschreitende Arbeit dadurch zerrissen wird. Morgen kommt Riehl hier durch; ich will mit ihm noch beraten. Frau Riehl ist in Putbus auf Rügen.
Dein Laboratoriumsbild ist sehr gut. Leider zu viel Laboratorium und zu wenig von Dir. Woran laborierst Du eigentlich? Für den kommenden Winter hat mir der Raum zu viel Fenster. Hoffentlich ist die Erkältung der Tante gut vorübergegangen! –
Die Existenz des armen Willy Weise ist beklagenswert. Was manchen Menschen jetzt auferlegt ist (auch Weishaupts), macht still und demütig. Sehr leid tut es mir auch, daß die alte Frau Biermann (wie ich schon fürchtete) den Unfall nicht überwinden wird.
Mein Bild ist von einem hiesigen Photographen, mir zu sehr grau in grau. Seine Vorzüge bestehen nur
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| darin, daß es garnicht retouchiert ist.
Ich bin sehr fleißig, bis zum Ignorieren der Natur. Nur gestern nachm. war ich mit Frau W. und den Kindern bei sehr verlockendem Wetter in Murnau u. habe auf dem Staffelsee gerudert (zum 1. Mal seit dem Bodensee Herbst 1913.) Nein, seit der Muldefahrt im Sommer 1914. Mit Felicitas bin ich nicht zufrieden. Sie ist verwildert, absolut eigensinnig, dazwischen zärtlich wie sonst, ohne jedes Interesse an irgend einer Sache. Bei gemeinsamen Ausflügen ist sie genau so unausstehlich wie im Winter. Heute habe ich ihr erklärt, daß ich mir ihre Morgenbesuche (die ohnehin eine physische Qual geworden waren) verbitte. Wie schwer ist es doch, ein Menschenkind zu erziehen, wenn es mit sich selbst so unbedingt zufrieden ist! Frau W. rückt mir durch unsre Übereinstimmung in diesen Problemen nur immer näher. Da ich bei Tage arbeite, sehe ich sie vorwiegend des Abends.
Wann ich nun hier wegkomme, ist ganz fraglich. Das ist mir besonders auch deshalb schmerzlich, weil wir gar keinen festen Plan machen können. Du siehst aber ein, daß ich diesmal schuldlos bin. Teile mir nur immer mit, wann Dein Urlaub beginnt und
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| was Du sonst beschließt.
Heute regnet es Bindfaden und ist zum 1. Mal so kühl, daß ich nicht auf dem Balkon schreiben kann. Ich habe jetzt schon ein Manuskript von 40 Seiten, wie dieser Bogen aufgeschlagen. Lauter Substanz. Es beginnt, sich zu ordnen und zusammenzuschließen. Das hat sich vor allem dadurch herausgestellt, daß ich den Standpunkt von Wundt zum ersten Mal kritisieren konnte, während ich bisher nur das Gefühl hatte, daß er nicht ausreicht. Eben bin ich bei Dilthey. Dann sollen Münsterberg, Natorp, Stern, Krüger u.a. folgen.
Dein Vergleich mit Mechanismus und Biologie trifft in der Tat einen springenden Punkt. Auch Dein Symbol verstehe ich, obwohl sich jeder solche räumlichen Schemata anders macht. Zur näheren Bestimmung des Sinnvollen (Kulturgebilde) dient vor allem auch dies, daß solche Gebilde weder eine ausschließlich physische noch psychische noch ideale Existenz haben, sondern durch alle 3 Reiche zugleich hindurchgreifen.
Mittagspause.
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3 Uhr. Schlechtes Wetter ist gar kein Ausdruck. Gottlob habe ich genug zu tun, um nicht Langeweile zu leiden. Der Maler ist natürlich nicht hier - wozu sonst die Begegnung in München? Stattdessen habe ich wieder den psychoanalytischen Hofrat als Tischgenossen, der, qua Medicus, in den meisten Dingen unzurechnungsfähig, aber in politicis ganz klug ist. Bardenheuer habe ich noch nicht besucht.
Die finanziellen Dinge sehen trübe aus. Ich brauche ein sündhaftes Geld. Jetzt kommt wieder eine Wundtspende (40 M), die Miete für Leipzig, Kohlen für Charlottenburg, und da soll man Kriegsanleihe zeichnen.
Luther habe ich für einige Tage unterbrochen. Er hat Geschichte gemacht und ist historisch geworden - kein Klassiker, kein eigentlich religiöses Genie, sondern ein großer Kämpfer, ein großer Schimpfer, und doch im Ergebnis ein Halber, der uns in der Mitte hat stecken lassen - müssen.
Noch einmal von unseren Plänen: Am 22/23. wollte Kerschensteiner ev. kommen, der infolge
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| einer Kur in Wiessee [über der Zeile] sonst nicht herkommen kann. Auch in München soll ich ev. sein Gast sein. Wir müssen es also so drehen, daß wir da unabhängig sind. Sehr angenehm ist es in München jetzt nicht, teuer u. schlecht, alles Gemalene im Keller. Aber vielleicht kommen ein paar Tage heraus. Ich schreibe Dir selbstverständlich sofort, wenn sich etwas entscheidet eine Karte.
Für heute aber mache ich nun Schluß. Wenn Du Biermanns siehst, grüße sie bitte u. erzähle. Denn wir haben keine Ferienkorrespondenz. Ich hoffe sehr, daß Du nicht hungerst u. Dich nicht zu sehr anstrengst. Sorge jedenfalls dafür, daß Deine Erholung unter der Unbestimmtheit meiner Pläne nicht zu kurz kommt. Viele herzliche Grüße an Dich u. die liebe Tante
Stets Dein
Eduard.