Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. September 1917 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, 11. September 1917.
Liebste Freundin!
Seit langem denke ich sorgenvoll an unsre Pläne. Es ist einmal wieder alles anders gekommen, die Ferien verflogen, ohne daß wir gemeinsam etwas davon gehabt hätten. Auf meine Anfrage in Wien erhielt ich von einem "Vertreter" die Nachricht, daß der Ministerialrat Dr. Leithe bis zum 10.IX. beurlaubt wäre. Nach dieser Zeit sollte ich mich anmelden. Es hätte nun wenig Sinn gehabt u. viel Geld gekostet, wenn ich nach dem 19. - früher wäre ich kaum von Wien zurück, noch einmal hierher gefahren wäre. Daher habe ich mich in Wien für den 24.IX.12 Uhr angemeldet und mache Dir
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| nun folgende Vorschläge.
Es sind 10 Jahre her, daß wir zusammen in Dresden waren. Wollen wir es dies Jahr wiederholen? Ich denke, daß ich am Mittwoch 26.9. um 7.10 Abends in Dresden sein kann. Wenn Du 1 oder 2 Tage früher hinführest, so könnte ich Dir am Abend noch von Wien erzählen, und am 27.9. begleitest Du mich nach dem Ministerium. Nachher bleiben wir je nach Wetter und Neigung in Dresden oder Spandau. Am Montag den 1. müßte ich allerdings in Leipzig sein, wo Du vielleicht auch noch 1 Tag Station machst?
Die Fahrt nach Dresden ist eher näher als die nach München-Partenkirchen. Freilich weiß ich nicht, ob Deine Frankfurt-Heidelberger Pläne Gestalt angenommen haben. Aber Du
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| siehst meine Notlage ein: alles hat sich ohne mein Zutun anders entwickelt. Riehl bleibt bis zum 18. hier; ich bis zum 22. Da würden wir nicht für uns sein können. In Dresden kennt mich kein Mensch, und die Gegend ist in ihrer Art auch schön.
Ein Bedenken kann ich nicht verschweigen, das aber nicht sehr tief geht: die Verpflegung in D. soll schlechter sein als in L. Da muß man eben etwas mehr ausgeben. Ich kenne kein Hôtel; würde Dich aber bitten, eins auszusuchen und mich an dem Wiener Tagesschnellzug, der hoffentlich nicht viel Verspätung hat, um 7.10 abzuholen. Verfehlen wir uns, so gilt als Treffpunkt der Wartesaal II. Kl. bis 10 Uhr Abends u. am Morgen wieder um 9 Uhr (um 12 Uhr Kultusministerium.)
Du würdest mir eine große Freude machen, wenn Du auf diese Vorschläge eingehen könntest.
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| Wir haben uns viel zu sagen, obwohl nicht gerade viel Aktuelles zu erzählen ist. Das Leben mit Riehl ist sehr schön durch seine immer gleiche Güte, seine Zufriedenheit mit allem, seinen Optimismus, der durch den Hofrat und Frau W. noch verstärkt wird. Mein Tag ist ziemlich besetzt. Morgens kommt Felizitas; dann lese u. schreibe ich bis 1. Nachm. gehe ich meistens mit Riehl. Abends sind wir bei Frau W. im Privatzimmer.
Frau Riehl war wieder sehr leidend in Putbus; wir hatten einen Tag ernste Sorge. Jetzt ist sie nach Bayern übergesiedelt, und es kommen bessere Nachrichten. Eine listige u. scharfe Erwiderung von Götz hat mich einige Zeit verstimmt, komme aber darüber hinweg.
Ich habe die nächsten Tage mit dem Lutheraufsatz sehr zu tun. Er muß vor m. Abreise fertig werden. Und doch ist Sammlung unter den obwaltenden Um
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|ständen nicht ganz leicht. Hinzukommt, daß ich mich zwar gesund, aber nicht gerade sehr frisch und vor allem nicht innerlich produktiv fühle. Ein zeitweises Brennen auf der Brust (mehr links) ist wohl nervös. Denn an guter Luft fehlt es nicht. Das Wetter ist fast immer warm u. schön. Es ist zu traurig, daß Du das nicht mitgenießen konntest. Besonders am Sonntag haben Riehl, Frau W. u. die Kinder mit mir einen wundervollen herbstlichen Weg gemacht von Griesen nach Untergrainau - Du kennst die Scenerie von unsrer Bahnfahrt 1913.
Übrigens ist an die Fremden vom Bezirksamt die Aufforderung ergangen, sofern sie nicht krank sind, bis zum 15. den Ort zu verlassen. Fleisch- und Fettlieferungen finden nicht mehr statt. Nun, bei uns im Hause geht es noch; zumal mit den wichtigen Extragaben der Freundschaft. - Muthesius, der auch auf ein
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| paar Tage kommen wollte, u. s. Frau grüßen Dich herzlich. Korbe ist wieder abgereist u. hat sich bei uns nicht zu wohl gefühlt.
Was macht Deine Schwester Lietze? Geht sie nach dem Grünen Jäger? und wie geht es bei Euch überhaupt? Ich würde es nicht für richtig halten, wenn Du auf Grund momentanen Besserbefindens auf eine kleine Erholungsreise verzichtest. Es scheint, daß Du nicht gern allein irgendwo hingingest, und das ist begreiflich, teils wegen der allgemeinen Depression, teils weil jedem von uns bei völligem Alleinsein die Erinnerung an unser sonstiges Beieinander und Miteinander zu schmerzlich sein würde. Aber vielleicht wird es etwas mit Seesen. Das ist dann doch der Linie Dresden nicht gerade entgegengesetzt. Sollte der ganze Dresdner Plan für Dich zu anstrengend sein, dann wäre zu überlegen, ob wir nicht
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| auf 3 Tage in Weimar oder Jena zusammensein könnten. Ich kann vorläufig nichts als bitten, möchte aber auch nichts Unvernünftiges vorschlagen. Von Oktober bis Weihnachten habe ich garnicht frei, und das Semester soll schon am 3.IX[über der Streichung] I. fortgesetzt werden! Schreibe mir bitte recht bald Deine Ansicht, damit ich von hier noch antworten kann.
Unsre politische Lage ist z. Z. extra gut und berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. Mögen sie, wenn wir wieder am Elbufer auf Dresden zuwandern, wie eine Stadt der Verheißung immer klarer vor unsrem Auge werden! Für heut aber grüße ich Dich und die liebe Tante innig und bleibe in Sehnsucht und Liebe
Dein
Eduard.