Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Oktober 1917 (Leipzig)


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Leipzig, Sonntag, den 14. Oktober 1917.
Liebste Freundin!
Ich habe heute bei Magnificienz diniert - ein Universitätsreh aus dem Oberholz und alten Rheinwein,- und bin dann bei Strümpells zum Kaffee gewesen. Str. ist erst gestern von Wien mit einem großen Schnupfen zurückgekommen. Er glaubte eine Neuigkeit zu haben, daß nämlich die Philosophen in Wien gegen mich gewesen seien. Das war ja bekannt und hätte mich an sich nicht gestört. Die Untersuchung ergab, daß an Rippenfell und Lunge nichts ist. Die Scherzen aber halten an, obwohl gemäßigt. Str. meinte, daß das Muskelrheumatismus sein könne, und damit war dieser Fall erledigt. Er ist immer gleich lieb. Aber die Diagnose steht ihm über der Therapie. Denn es tut mir abwechselnd bald hier, bald da an der Brust weh, und der Zustand ist lästig genug.
In den Vorlesungen bin ich nun drin. Ob die
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| Kohlen über den 1.XI. hinaus reichen werden, ist noch zweifelhaft, und die Studentinnen werden moralisch zur Munitionsarbeit gepreßt. Meine Übungen versprechen Genuß und Gewinn. Es sind doch wieder 40 Menschen, mit einer männlichen Majorität. Die Persönlichkeit des Sokrates arbeitet sich mir bei diesem Verfahren immer besser und tiefer heraus.
Frl. Kiehm hat das Angebot der Assistentenstelle beim Schopfe gefaßt, und ich habe eben den Antrag fortgeschickt, sie mit 1200 M zu fixieren. Ganz zufrieden bin ich damit nicht. Sie ist ziemlich abgearbeitet, hat 19 Schulstunden und wird immer als Freundin, nicht als Angestellte behandelt werden müssen. Aber ich war es ihr aus Dankbarkeit schuldig.
Die Verpflegung für mich persönlich - so schlecht es in L. im allgemeinen ist - hält sich auf guter Höhe. Aus Part. kommt von Zeit zu Zeit Butter als M. ohne Wert, und vorgestern erhielt ich von einem Gut bei Berka mehrere Eier mit einem ganzen Huhn.
Seit einigen Tagen bin ich zu all meinen andern Sachen (besonders wieder uferloser Korrespondenz) mit dem Aufsatz über das Kultusministerium beschäftigt.
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| Diese Arbeit reizt mich sehr. Ich gewinne ihr trotz des mangelhaften Materials große Gesichtspunkte ab und hoffe einen mächtigen Kulturkomplex wieder einmal in kleinen Rahmen zu bannen. Freilich, in 14 Tagen läßt sich kein Wunder tun. Und dazu kommt etwas Neues, was mich schon wieder auf die Eisenbahn zwingt. Am Freitag, als ich mitten in meinen Socratica steckte, erhielt ich einen Brief von g 3 großen Quartseiten vom Kultusminister Schmidt, worin er Gedanken über die intellektuelle Hebung der "meisten Oberlehrer" entwickelt und den Wunsch äußert, mich noch vor dem Beginn des Landtages (der wohl am 18. Oktober eröffnet wird) darüber zu sprechen - wahrscheinlich in kleiner Konferenz. Ich habe mich für Dienstag Nachm. und Mittwoch früh zur Verfügung gestellt und erwarte noch die Antwort. Die ganze Tonart mit dem Schluß "in alter größter Hochschätzung" ist wieder so einfach und herzlich und weicht sehr von der Dresdner Stelle ab, die mir nur "wohlwollende Prüfung" zu erbitten empfiehlt. Ich habe mich übrigens entschlossen, diese Wendung in dem betreffenden Gesuch zu outrieren und mindestens 3 mal anzubringen.
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Goetz hat mir s. "Erwiderung" aus dem Felde geschickt und sehr freundschaftlich geschrieben, daß er den Konflikt nicht tragisch nehme. Daraufhin habe ich ihm mitgeteilt, daß ich Diskussionen abbreche, sobald sie eine persönlich beleidigende Wendung nehmen, und daß mir sein Brief unverständlich sei.
Das Heidelberger Projekt ist ja in den Hintergrund geraten, und wenn ich in m. Seminar doziere, fühle ich mich auf einem mir sehr gemäßen Boden. Aber Str. kam doch von selbst auf H., während er Wien als tuberkulosegefährlich schilderte. Hast Du irgendwelche leiseste Fühler ausstrecken können?
Von Basel erhielt ich eine Anfrage wegen Besetzung eines neuen pädagog. Ordinariats. Ich habe Otto Braun, Frischeisen-Köhler u. Buchenau, den Direktor Deiner Schule, genannt.
Soweit mein Bericht. Und Du? Hast Du Dich von den Strapazen erholt und die Tante wohlauf getroffen? Bist Du schon wieder fleißig, und hat das Krankenhaus genug Kohlen? Hier in m. Wohnung heult der Sturm meist furchtbar; unten ist es nicht ganz so schlimm. - Von Politik rede ich nicht. Es ist mein Schicksal, hellsichtig zu sein. Diesen Mann zum Reichskanzler zu machen! Kersch. schreibt scharf indigniert. Ich breche hier ab, denn ich bin vom Wasserfall der Frau Stieda sehr müde. Gutenacht und innige Grüße
Dein
Eduard.