Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. November 1917 (Leipzig)


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Leipzig, den 4. November 1917.
Liebste Freundin!
Meinen Kartenbrief mit Einlage vom 22. Oktober, die Karte vom 29. und die beiden Drucksachen (Luther und Shaftesbury) wirst Du hoffentlich erhalten haben. Ich habe seit Deinem lieben ausführlichen Brief vom 22.X. nichts von Dir gehört, hoffe aber, daß es Dir außer unsrem gemeinsamen Übel, der Arbeit, gutgeht. Das Bensonpflaster hält sich doch? Ich habe gewiß bald Veranlassung, es zu benutzen; denn "es" zieht noch immer überall herum. Der Artikel von Weber war wieder interessant und wird gewiß besser sein wie der von Goetz. Aber man hat den Eindruck, daß er der allein Kluge in Deutschland ist, und in der Tat beweist dies ja sein dreifacher Ruf.
Neues gibt es hier eigentlich nicht. Ein kleiner Materialschaden ist zu melden: der rechte Schreibtischkasten ging so schwer, daß ich eines Tages den Metallgriff abriß und noch dazu verbog. Frl. Goetze hat den Schaden einigermaßen mit vielem Geschick kuriert. - Meine Arbeit über das Kultusministerium
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| ist bereits gedruckt, 24 Spalten, vielmehr Fahnen, d. h. 48 Spalten. Ich habe heut den ganzen Tag, z. T. bei ungenügendem Licht, daran korrigiert, und meine Augen sind recht angegriffen. Übrigens habe ich mich inzwischen schon der neuen Sache zugewandt: Rich. Wagners Schriften. Das erste war, daß ich denselben Grundgedanken, den ich im "Beethoven", ohne W. zu kennen, ausgesprochen habe, dort wiederfand.
Ich bin begierig, was Du zu meiner Ministeraudienz sagen wirst. Der Fall Hertling macht natürlich auch sein Bleiben unsicher. Immerhin wird man in Berlin genau wissen, daß dieser Reichskanzler auch wieder nur teils ad hoc, teils als retardierendes Moment, berufen ist, und daß dann erst nach dem Frieden die große Neuorientierung kommt. Wenn übrigens der Min. nicht sehr stark beeinflußbar ist, kann mir seine frdl. Gesinnung nur nachteilig sein. Denn solche Aufträge - es ist der dritte, den ich in diesem Jahr ausführe, kosten Zeit, und die Nähe des Chefs macht nie beliebt.
Dein Pessimismus entspricht der Reichstagsauffassung, wie sie auch unser Abgeordneter hier neulich in geschlossenem Kreise geäußert haben soll. Ich gebe die Realität
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| der meisten Punkte zu, behaupte aber trotzdem, daß wir so gut stehen, wie irgend möglich, und vor allem, daß wir nie besser gestanden haben, auch damals nicht, als uns der Himmel voller Geigen hing. Von der italienischen Sache erwarte ich politisch wenig; aber eine wichtige Rückwirkung auf Frankreich. Der entscheidende Faktor bleibt der Ubootkrieg, und wenn der nicht bis April zum Ergebnis (d. h. Annäherung) führte, so würde man bei diesem Reichskanzlerwechsel sicher zum Parlamentarismus geschritten sein.
Walther hat mir geschrieben; nur "widerlegend", ganz nach Hadlichscher Art. Thiele scheint in Italien. Die heutige Sitzung des D. A. in Berlin ist wegen mangelhafter Beteiligung abgesagt worden. Ich habe daher gestern mit Morgner (seit dem 30.IX.) einen Spaziergang machen können; davon habe ich mir eine Schnupfenneigung mitgebracht u. muß nun wieder vorsichtig sein. Was ich arbeite, arbeiten muß, ist ungeheuer. Sachlich wird mir alles ganz leicht, bis auf die danaidenhafte Briefschreiberei, die doch nur den Erfolg hat, daß niemand zufrieden ist. Der kl. Scholz ist nun schon in Berlin. Ich muß ihm was schenken.
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| Die Vorlesungen sind gut im Gange. Ich sende ein paar Gedichte mit, die 3 wundervolle Äpfel begleiteten. Außerdem kamen namenlose herrliche Nelken. Alles die Wirkung der Platostunden in der Pädagogik. Mir sind am wertvollsten die Übungen, wo ich die Kerls scharf heranhole. Die Reformationsfeier am 31. war hundsmäßig schlecht organisiert; die Rede des theol. Rektors erzeugte eine bankweise Massenflucht.
Die Fortbildungsfrage der Oberlehrer soll geheim sein; ich darf daher nicht viel Einzelheiten berichten. Du hast natürlich ganz recht, daß die Sache nicht auf das alte Geleise geschoben werden darf, das wir mit Mühe verlassen haben. Könnten wir reden, so hätte ich viel über Kontinuität (?) im Min. zu sagen. Aber alle Reisegedanken muß man jetzt aufgeben. Das wird wohl vor Frühjahr nichts werden. Es ist vor allem zu ungesund. - Daß Du mit der Tante in einem Zimmer schläfst, will mir aus vielen Gründen nicht gefallen. Es ist nachgrade so, daß Du Dir gar keine Minute mehr am Tage gehörst. Und das macht natürlich müde.
Ich bin es heut auch. Die unvollständige Adresse neulich war aber nicht auf diesen Zustand zurückzuführen; der Umschlag lag schon "fertig" da, war aber noch unfertig. Alles Gute und tausend herzliche Grüße auch an die liebe Tante
Dein Eduard.

[Kopf] Die Karte an Friedmann wirf bitte in einen Kasten. Hier würde sie möglicherweise Frl. Haas in die Hand geraten.
[re. Rand S. 1] Heute die herrlichsten Fressalien aus Berka!