Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. November 1917 (Leipzig)


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Leipzig, den 11. November 1917.
Liebe Freundin!
Die Pause von Dir war wirklich recht lang, und ich machte mir schon allerhand Gedanken. Nun freue ich mich zu hören, daß alles bei Euch wenigstens normal verläuft. Auch hier ist es so. Mein Leben ist beinahe eintönig. Interessante Menschen unter den Hörern fehlen fast ganz. Ich bin jeden Abend zu Hause, immer bei der Arbeit. Eben lese ich Richard Wagner, seine Autobiographie mit Anteil und Geduld, das andre mit Bestätigung aller Deduktionen. Ich muß dann an die Denkschriftgehen. Vorher treffe ich mich (Dienstag) Nachm. in Gera mit Muthesius. In ca 14 Tagen wird wohl Frau Witting kommen.
Zunächst ein paar Einzelheiten: Mein alter Überzieher ist wieder da. Ziemlich mysteriös! Angeblich soll er in Partenkirchen gewesen sein, u. meine dortige Adresse stand auch deutlich auf dem Karton. Aber das Einwickelpapier [über der Zeile] mit der Adresse des Schneiders u. der Bindfaden lag unbeschädigt im Innern des Kartons. Was soll man dazu sagen? - Morgen will ich nun den neuen Überzieher passend machen lassen. Für Deine Mühe mit den Strümpfen tausend Dank. Aber die einzelnen werde ich hier kaum herausfinden.
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| Es ist alles durcheinander und ein Teil immer in der Wäsche. 2 Paar ganz "kaputte" sind auch wieder da. - Der Kasten mit dem Vorlegeschloß wird kaum noch eine Reise aushalten. Er war schon das letzte Mal gefährlich baufällig. Ich soll alles per Wertpaket schicken? Haben Sie Siegellack, ich nicht! Und ebenso steht es mit dem Schreiner, abgesehen davon, daß es hier überhaupt keine Schreiner gibt.
Geheizt ist in meinem Zimmer regelmäßig gut. Im Seminar sind morgens 22° u. darüber, abends ist es kalt. Die Universitätsorganisation ist in jeder Hinsicht mangelhaft. Ich bin schon laufend Beschwerdewege gelaufen, erreiche allerdings das meiste noch vor dem Grobwerden. - Rohns hatte ich neulich besucht u. auch von Deinem vergeblichen Wege erzählt. Heute, als ich von dem jung vermählten (aber nicht angetroffenen) Bergmann kam u. zu Biermanns ging, traf ich beide. Er sieht nicht gut aus. - Die Äpfel glaube ich richtig herzuleiten; doch kennst Du die Dame nicht. Die andre Sendung ist von frau Steidl, Réfugiée aus Nizza, die im Sommer die Eier spendete. - fräulein Kiehm gibt sich viel Mühe. Sie hat den besten Willen, ist aber so sichtlich mit ihren Kräften herunter, daß ich ihr nicht gern besonderes zumute. Der pensionierte Famulus bleibt ein gutes, aber dummes Luder.
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Gestern habe ich meine Steuern doktoriert. Die Summe steht zwischen 15 u. 16 000. Da trotzdem nichts übrigbleibt, sondern im besten Falle das Kapital dasselbe bleibt, siehst Du, wie viel ich brauche. Die Kriegssteuer beträgt 240 M für mich. - Ludwig ist wieder im Felde. Er will Dir auch schreiben.
Diese Woche hatte ich einen kräftigen Schnupfen. Nachdem er heraus war, wurde mein Allgemeinbefinden besser. Es ist der erste richtige seit 1½ Jahren. Ein Pflaster habe ich links auch benutzt. Es scheint günstig gewirkt zu haben. Doch bleibt an der Stelle ein Muckern.
Mein Jubiläumsaufsatz hat in Berlin gefallen. Der Minister hat mir schon vorgestern sehr lieb geschrieben, eigentlich rührend menschlich, und wieder ganz allgemein über seine Aufgaben. Es klang fast wie ein leiser Hilferuf. Ich habe dann auch in m. Antwort ganz frei ausgesprochen, was er m. E. tun muß, wenn er nicht in die schwersten Kämpfe geraten will. Das ist nun, wie der Verlauf der Konferenz, so vertraulich, daß ich es auch Dir nicht schreiben kann. Sagen würde ich es Dir natürlich. Meine Stellung trägt die große Schwierigkeit des Inoffiziellen, vielleicht aber auch den echten Zug des Freundschaftlichen an sich. Nur frage ich mich: woher dieses
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| Vertrauen? Ich habe ja früher nie etwas für ihn getan. Er hat mir öfter geholfen. Eine nähere Beziehung besteht doch erst, seitdem er den Thron bestiegen hat. Und ich bin voll Sorgen.
Meine Existenz hier ist wirklich etwas menschenarm. Du weißt ja, daß Biermann nicht eigentlich zuhört. Morgner ist treu und lieb. Aber nachdem ich eine Stunde aus den Tiefen meiner Seele Hegel vorgetragen habe, sagt er: eigentlich für uns nicht lohnend. M. a. W. er trägt nicht weit. Es fehlt mir jemand, mit dem ich über meine Ideen u. meine persönlichen Angelegenheiten reden kann. Dazu ist an der großen Universität nicht einer reif. Und daß ich den Studenten ferner rücke, merke ich auch: Sie verstehen nicht das Eigentümliche meiner Bildung, obwohl einzelnes ihnen zusagt; aber sie "verstehen" es nicht. Im Plato nehme ich sie scharf an das Band der Elementarschule. Wir haben jetzt gelesen u. analysiert: Apologie, Kriton, Laches, Euthyphron, Charmides; stehen eben im Protagoras.
Italiens Disastre scheint so groß, daß diesmal doch auch politisch zu hoffen ist. Was hat nur der Hertling für Stärken? (Frau Witting ist s. Nichte.) Und was für unerhörte Dinge hat man mit Polen vor? Am selben Tage würde ich nach links zum Parlamentarismus abschwenken. Käme aber ein neues Friedensangebot von uns, ginge ich zur Vaterlandspartei. - Studier doch mal die Züge nach Sangerhausen. Herzlichste Grüße euch beiden
Dein Eduard.