Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. November 1917 (Leipzig, Seminar)


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Seminar, den 22.XI.17.
Liebste Freundin!
Gestern habe ich 11 Briefe geschrieben. Den zwölften, den Du bekommen solltest, habe ich dann nicht mehr schreiben können, weil sich ein Nachmittagstee bei Volkelt, an dem auch Strümpells teilnahmen, zu lange hinauszog und ich erst um 11 Uhr mit meiner Vorlesung fertig war. Heute möchte ich Dir nun vor allem für die Sendung nach Lüdenscheid danken. Wenn es auch zu spät war, so ist es mir doch eine Beruhigung, daß sofort geschehen ist, was geschehen konnte. Der Verlust der Tante ist mir schmerzlich, weil sie wirklich an mir hing. Ich hatte gehofft, sie noch einmal besuchen zu können. Aber das ist nun dahin.
Auch mir würde es unerträglich sein, in
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| einer Zeit, wie dieser, nur zu "verstehen." Aber so liegt es auch nicht: wir verstehen nicht, und deshalb haben wir keinen Standpunkt. Was nützt es, sich durchaus eine Auffassung anzueignen, wenn einem alle Unterlagen fehlen, auf die man sein Urteil stützen soll? Wie kann ich für die Kriegsverlängerung sein, wenn ich nicht weiß, ob das Ubootunternehmen auf richtigen Voraussetzungen beruht? Übrigens ist mir meine allgemeine Stellungnahme ganz klar: Vaterlandspartei ohne Reaktion und Annexionen, Scheidemannpartei ohne Pöbelherrschaft und Friedensangebote. Ein "ehrenvoller" Friede wäre mir ein Friede, der im wesentlichen den status quo herstellt. Ich bin gegen Verflechtung mit Kurland - Litauen und Polen, gegen die ganze Orientpolitik und gegen Konfliktverhältnisse mit Rußland. Ist das standpunktlos? Ich glaube nicht. Zu Einzelheiten aber fehlt mir eben die Kenntnis der Einzelheiten.
Ich habe vom Semester eigentlich genug. Deshalb ist es mir sehr lieb, daß durch den Besuch von Frau Witting vom Sonnabend ff. eine kleine Pause
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| eintreten muß. Denn mein Kopf streikt jetzt doch schon oft genug.
"Hadlichsche Art." Du wünscht darüber eine Belehrung. Merkwürdig, daß Du Dich getroffen gefühlt hast. Die Tante rechne ich bestimmt nicht dazu; eigentlich nur die Herren. Und gemeint ist die Neigung, Sätze zu bestreiten, die entweder ganz scherzhaft, oder nur nebenbei gesagt waren oder aber so feststehen, daß man sie nicht bestreiten kann.Hermann würde ein Buch schreiben z. B. um zu zeigen, daß jetzt nicht alle Leute mager werden oder daß dies moralisch ganz belanglos ist. Walther weist alle Verdienste der Kriegsentbehrungen von sich. Oder: Hermann, der nach s. Bildern bedrohlich gealtert ist, bestreitet meine Ansicht, daß wir älter werden und nicht frischer. - Ob Du mit in diesen Hexenkessel kommst, hängt von Dir ab. Die Neigung, zunächst den Kopf zu schütteln und abzulehnen, hast Du allerdings. Was tut es, daß R. Wagner maßlosen Selbstkultus trieb? Er war groß genug dazu, und was ich bei ihm suche, wird ja wohl ein Innerliches sein.
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Der Minister hat mir wieder einen 4 Seiten langen Brief geschrieben, der in mancher Hinsicht ganz interessant ist (aber wiederum vertraulich), auch insofern, als er meinen grundsätzlichen Brief völlig ignoriert. Da nun der letzte beinahe nichts sachlich Wichtiges enthält, wollte er mir dadurch sagen: Ich kann Dir antworten, aber nicht darauf? Oder ist sein Gedächtnis nur für seine Gedankenreihen entwickelt? [re. daneben] NB. er läßt 400 Exemplare meines Artikels herstellen.
Was hast Du über Nordhausen herausbekommen? Ich habe auf der Fahrt nach Gera (wo ich Muthesius Deine Berkaer Bilder versprechen mußte) in dem ungeheizten Bummelzug sehr gefroren, trotzdem ich eine Decke mithatte. In den Weihnachtstagen zu reisen, scheint mir diesmal nicht erlaubt und nicht rätlich. Aber vorher oder nachher würde es doch möglich sein, wenn die Züge passen. Und eine solche Begegnung scheint mir wichtiger als der Stuhl, auf dem ich doch nur allein sitzen kann. Du weißt ja, daß ich mich über so etwas, wenn es da ist, sehr freue; daß ich aber einen krankhaften Geiz habe in allem, was meine häuslichen Bequemlichkeiten betrifft. Wenn wir den Frieden schon hätten, oder sicher in Aussicht hätten, würde ich ja sagen. So aber bitte ich Dich, meine "Scheu" zu verstehen.
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| Du weißt ja, aus welchen Erlebnissen sie erwachsen ist. Trotz meiner großen Einnahmen - die Zahlen habe ich Dir das letzte Mal geschrieben,- bleibt merkwürdigerweise nichts übrig. Wohin soll das?
Montag war ich mal wieder in der Paeonia, ein erster Versuch zu abendlichem Ausgehen. Der am Sonnabend war mißglückt: als ich in die Garderobe des Theaters wohl vorbereitet im Klavierauszug der "Walküre" kam, erfuhr ich, daß man mir ein Billet zum Tage zu vor verkauft hatte! - Freitag Nachm. bin ich beim Kollegen Wackernagel (Frau: Ilse v. Stach.) Montag kommt Lehner (Nürnberg) auf der Durchreise. - Riehl neigt etwas zu Erkältungen und rheumatischen Anfällen neuerdings. Auch Str. klagt über solche Erscheinungen, eine Folge seiner Wohnung, wenn er mich konsultieren sollte.
Über die wunderbar reparierten alten Strümpfe habe ich mich sehr gefreut. Ich komme nun mit der zaghaften Anfrage, ob es für Dich sehr mühsam ist, auch andre in dieser Weise zu behandeln? Dann gebe ich die 4 Paar, die schon wieder schadhaft sind, der "Dame von oben", die sonst meine Reparaturen besorgt.
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Siegellack gibt es hier auch nicht mehr zu kaufen. Cambrai macht mir seit gestern Sorge. Italien lehrt die Konsequenzen einer einzigen Durchbruchstelle. Das würde alle unsre Hoffnungen zerstören. Die Unruhen auf der Flotte sollen nicht so unerheblich gewesen sein. Ob Thorbecke auch ein Opfer des Mißmutes der Mannschaften über das Wohlleben der Offiziere geworden ist?
Rickert hat den Ruf nach Wien erhalten. Ich glaube nicht, daß er annimmt. Sobald aber dieser Fall eintritt, müssen wir eingehend beraten u. ev. handeln. Denn das Klima ist hier für mich geradezu eine Beeinträchtigung des Lebens. Andrerseits freue ich mich an dem Ausbau des Seminars, das jetzt so reiche Mittel hat und aus dem ich, wenn ich eine energische Regierung hätte (die ich nicht habe), ein sächsisches „Zentralinstitut für Erz. u. Unterricht“ machen könnte. Das Studentenmaterial ist jetzt schlechter als je, und auch dies wäre wohl in Heidelberg besser.
Wie geht es bei Weises? Von Georgs Arbeiten liest man öfter in der Zeitung. - Von Oesterreich höre ich
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| garnichts. Das bringt mich auf die Weihnachtsfrage. Da ich dies Jahr nicht verbannt bin, quäle ich Dich nicht mit dem Besorgen. Aber vielleicht hast Du Einfälle für Heinz, Ursula, Caecilie? Denn mir fällt nie so was ein.
Hoetzsch hat auf der Reise nach Cassel seine 2 verloren. Konfisziert als Kriegsgewinn? Wo der unselige Hofmann ist, weiß ich nicht.
Für das Licht danke ich noch besonders. Man freut sich schon, so etwas mal wieder zu sehen. Aber das Licht, das Du mir hinsichtlich der Staatsidee aufstecken wolltest, das hat bei mir schon gebrannt. Natürlich ist ein Staat wirksam nur als Kulturhülle, aufgebaut auf einer Lebenstotalität. Ich will doch mit meinen Abstraktionen nur sagen: wer den Staat will, muß eben sein Specificum wollen: Macht, und in dieser Form alles andre; aber nicht eine Liebesgemeinschaft oder einen Handelsverein. Und wer Wissenschaft will, darf nicht Kunst verlangen oder Religion, sondern deren Gehalt eben in der Form des Wissens. Geschichtliche Ereignisse sind nie abstrakte Vorgänge, sondern immer totale. Die Abstraktionen
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| sind wissenschaftlich, zum Zweck des Verstehens. Daß das Ethische erst in der Konkretisierung entsteht, habe ich Dir doch selbst in Berka auf der Bank auseinandergesetzt.
Nelly Pelargus war neulich hier. Sie ist gesund und zufrieden. Ich soll durchaus etwas für Ferd. Avenarius schreiben, über den "Aufstieg". Und für die Int. Monatsschr. über " Kerschensteiner", und für die "Fortbildungsschule" auch etwas. Kurz, ich habe Bestellungen genug, trotz der Papiernot.
Das ist ein sehr langer, aber auch ein sehr schlecht geordneter Brief. Habe Nachsicht. In meinem Kopf sieht es eben nicht besser aus.
Noch einmal danke ich Dir für alle Gaben und Mühen und bin mit herzlichen Grüßen auch an die liebe Tante
Dein
Eduard.