Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Dezember 1917 (Leipzig)


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Leipzig, den 7. Dezember 1917.
nach dem Seminar.
Liebste Freundin!
Es ist zwar schon ½ 11 durch, und der Stoff ebenso groß als die Müdigkeit. Ich möchte aber doch versuchen, noch den Anschluß zum Sonntag zu erreichen, und beginne mit dem Erzählen.
Am tiefsten bewegt hat mich in der letzten Zeit, was auch Dich an dem Brief der Dora Thümmel bewegen wird. Ich habe - vom Standpunkt des Laien - sehr zu Partenkirchen geraten, bin mir aber klar, daß die Kur dort sehr lange dauern würde und daß sie versuchen müßte, dort Privatstunden (z. B. bei Felicitas?) zu bekommen. Ferner lege ich den Brief von Otto Verse bei, der Dir erklärt, weshalb Deine liebe Liebesgabe zurückkam, was ja schließlich ganz gut war. Noch einmal innigen Dank.
Frau Witting war vom Sonnabend den 24. bis Montag den 3. hier. Da nicht gerade viel Dringendes vorlag, konnte ich ihr genug Zeit widmen. Freilich war es die ganzen 9 Tage lang so stürmisch, daß sie
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| nicht einmal das Völkerschlachtdenkmal zu sehen bekommen hat. Wir waren größtenteils zum Essen zusammen, zuletzt fast regelmäßig in der Bavaria. Sie wohnte im "Deutschen Hause" (ef. März 1915) Das Zusammensein war sehr schön und harmonisch. Es hat mich erfrischt und doch habe ich mich nicht dabei erkältet (was etwas sagen will.) Weniger gut war die Harmonie mit den Damen Götze, wie das ja immer gewesen ist, wenn sich ein Fürsorger in den häuslichen Kreis mischte. Doch ging es auch hier mit einigen spitzen Bemerkungen ab. Frau Witting brachte im Handkoffer (!) 12 Weckgläser mit erlesenen Braten in Fett, ½ Ente, Gänseschmalz, Äpfel und noch allerhand Dinge. Du wirst nun glauben, daß ich in Schwelgerei verfalle. Aber ich muß leider sagen, daß es hier jetzt sehr, sehr dürftig wird, im Hause und auch in der Bavaria. Mein Appetit aber wird immer beser. Übrigens hat sich heute auch der brave Kellner in der Bavaria von mir verabschiedet (u. mir alle seine Kartoffelmarken geschenkt) der liebe Mensch wird mir fehlen.
Natürlich ist trotz allem in den 9 Tagen viel liegen geblieben, und es geht nun scharf her. Das Private tritt in den Hintergrund. Vor allem muß ich endlich die neue Denkschrift für Berlin machen, hoffentlich schon morgen
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| bis Montag. Und dann soll bis zum 8.I der Festbeitrag für Volkelt geschrieben werden, was einfach unmöglich ist. Endlich liegt ein Ms von 700 Seiten da, das ich aus Gefälligkeit lesen soll.
Ich war heut Abend am Bhf und habe die Züge nach Nordhausen und nach Gotha studiert. Aber das Ergebnis stimmt mich traurig. Es scheint in 2 Tagen nicht zu gehen. Dazu kommt der Anschlag, daß man zu Weihnachten auf Mitkommen nicht rechnen darf, und die Angst vor den ungeheizten Personenzügen, die ich nach Gera kennen lernte. Vor dem 22. ist nicht dran zu denken. Aber mir scheint besser, den 29.- 31. [über der Zeile] vorm ins Auge zu fassen, und darüber möchte ich Deine Meinung hören.
Sehr angenehm wäre mir, wenn Du die beiden kl. Geschenke für Heinz und Caecilie mir abnehmen könntest. Allerdings dürfen nach dem 17. Wertpakete nicht mehr geschickt werden. Fast fände ich es am besten, wenn man dies Jahr an die respektiven Eltern einen kl. Geldbetrag schicken könnte. Aber das ist gegen den guten Ton. So belaste ich also Dich mit dieser Sorge. Es bleibt mir noch tausenderlei. Da ich am 24. zu Biermanns gehe (am liebsten bliebe ich allein), so kommen 6 Biermanns, 2 Götzes, 4 Riehls zu den anderen alten Verpflichtungen.
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| Und mir fällt schon bei großer Auswahl schwer etwas ein. Mein Vertragsvorschlag, daß wir unter uns nur kleine Zeichen des Gedenkens austauschen, hat bei Dir nie etwas gefruchtet, und so werde ich wohl wie immer im Hintertreffen bleiben. Aber unser Zusammentreffen wäre mir lieber als das Hintertreffen.
Einige kl. literarische Anrempelungen habe ich erlebt: von Richard Schmidt, dem 2. Frauenhochschuldirektor, gegen meine Berliner Rede. Den werde ich mir bei Gelegenheit vornehmen u. über Politik belehren, obwohl er 3 Bände darüber geschrieben hat. Und Max Weber sagt im "Logos", daß er den Beitrag zu den "Werturteilen in der Nationalökonomie" von diesem, "auch von ihm geschätzten Philosophen" „merkwürdig schwach, weil nicht zur Klarheit gediehen“ finde. Also habe auch ich m. Censur weg.
Die Vorlesungen florieren bei stabilem Besuch [über der Zeile] z. Z. etwas besser. Die Leute in den Platoübungen habe ich mir sehr gut erzogen und erlebe daran das bestgelungene Seminar, das ich in Leipzig gehalten habe. Wieder stehen einige tüchtige Student innen an der Spitze.
<unleserlicher Name> hat mit mir in Berlin bei Paulsen studiert u. wir haben später noch korrespondiert. (Er ist Katholik.) Ich kann mich aber beim besten Willen nicht mehr auf ihn
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| besinnen.
Das Wagnerprojekt kann nicht zur Ausführung kommen, weil es zu viel Zeit kosten würde. Wir werden darüber reden. Musik ist eine sehr konkrete Sprache. Frau Witting hat mir nach dem Vortrag der Appassionata, ehe wir uns kannten, in verblüffender Weise meinen Charakter gedeutet.
Der Schmerz links oben hält an, obwohl ich schon 2 mal das Bensonpflaster (mit einem leidlichen momentanen Erfolg) angewandt habe. Es gibt aber auch andre Schmerzen. Sie stammen aus dem Verhältnis zu den Menschen, ich meine: zu meinen Menschen. Man verlangt zu viel von mir. Ich kann nicht bei einer Tätigkeit, die alle Kräfte in Anspruch nimmt, Briefe, die ich oft schreibe, weil ich muß, daß man sie "verlangt" , also eilig und im ungünstigsten Moment, noch mehr nuancieren, als ich es ohnehin tue und als es aus meinem Herzen kommt. Ich reibe mich dabei auf, und befriedige doch nie. Bestimmteres kann ich nicht sagen. Du ahnst, wen ich meine.
Auch Du mußt Nachsicht mit mir haben. Ich habe in den letzten Tagen viel über uns nachgedacht und würde Dir gern sagen, was ich nach diesen langen, bangen Kriegsjahren denke. Ich habe das ziemlich deutliche Gefühl, daß ich Dich in vielem dauernd enttäusche.
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| Ich muß dann aber daran denken, wie es während der Vollendung des großen Humboldt war. Damals hatten meine Freunde mich beinahe aufgegeben - als einen, der ungewisse Wege ginge. Auch jetzt ist vieles in mir im Werden und im Abschluß. Ob ich es herausbringe, ist eine Frage der Zeit und Gesundheit. Besonders der letzteren. Die Folge in mir ist eine gewisse Ungeduld. Ich bin - das kannst Du mir glauben - auch in der Stellung zu den Zeitereignissen ein ganzes Stück weiter als die Mehrzahl. Aber ich bringe das jetzt noch nicht zusammenhängend heraus. Deshalb werde ich viel mißverstanden und bin dann ärgerlich, da in mir doch alles gut zusammenhängt. Da mußt Du nun Nachsicht üben. Es war lange keine Gelegenheit, größere Fragen in Ruhe zu erörtern. Das Bedürfnis, ein Buch von den 6en, die in m. Kopf arbeiten, vor dem Untergang durch Niederschrift zu retten, wird immer stärker. Aber bisher ist es bei den Partenkirchner Bruchstücken geblieben. Wenn wir wenigstens die einmal zusammenhängend lesen könnten. Der Egoismus des Schaffenden ist für die andern nie erfreulich. R. Wagner hat ihn reichlich gehabt. Aber wie will man anders den schmerzenreichen Prozeß des zur-Welt-bringens
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| zu Ende führen? Es ist meine Schuld, daß weiß ich genau, wenn ich Dich mir ein wenig entschwinden fühle. Denn um mich zu verstehen, weißt Du zu wenig von dem, was mich bewegt, was mir fehlt, was ich sehe und doch noch suche. Das wird erst besser werden, wenn sich einmal wieder etwas kristallisiert. Im Augenblick agitiert mich wieder die Psychologie, deren heutiges Elend gen Himmel schreit, und der ich wohl helfen könnte, wenn ich den einen Punkt gefunden hätte, der immer noch unklar ist: das Band zwischen Seele und geistiger Welt. Da sitzt es. Aber wer sagt es?
Thiele ist wieder im Westen und läßt Dich grüßen. Mir scheint, daß wir doch besser stehen, als ich je zu hoffen gewagt hatte. Nun wird wohl im Westen auch Großes geschehen. Wenn nur das Große mitzuerleben nicht so fürchterlich wäre!
Von Nieschling habe ich nichts gehört. Wenn Du für ihn u. Ludwig eine Kleinigkeit auftreiben könntest wäre das ja sehr schön. Ursula Ludwig wird besser über Berlin besorgt; ebenso die beiden Runges.
Der Stoff ist noch lange nicht erschöpft. Aber ich muß
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| morgen furchtbar fleißig sein. So breche ich hier ab und hoffe auf Nordhausen. Wie denkst Du über den 29.? Und darf ich gewiß sein, daß Du Hindernisse, die sich erst später etwa ergeben, nicht übel deuten würdest? Ich habe wenig Entschlußkraft; aber wie ich mich freuen würde, das bedarf doch keiner Worte. Über die Züge verständigen wir uns wohl noch. Die Strümpfe würde ich gern schicken. Aber es fehlt gänzlich an Zeit, und dieser Brief war mir wichtiger.
Sage mir auch wie es der lieben Tante geht. Herzlichste Grüße in Dankbarkeit u. Liebe
Dein
Eduard.
Lehner-Nürnberg war auf der Reise ins Feld hier u. hat mit uns Montag 26. in Bavaria gegessen. Auch sonst manche ganz alte Studenten wieder aufgetaucht.