Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Dezember 1917 (Leipzig)


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Leipzig, den 14. Dezember 1917.
nach dem Seminar
Liebe Freundin!
In meiner Antwort auf Deinen lieben Brief muß ich mich heute auf das beschränken, was die Pläne der nächsten Tage betrifft. Ich muß bekennen, daß ich über Deine veränderten Vorschläge sehr betroffen bin; denn ich sehe ganz ohne meine Schuld neue Komplikationen. Wenn ich "reisen" könnte, so wäre ja wohl nach alter Gewohnheit Berlin in Betracht gekommen, gleichviel, mit welchem Grade innerer Anteilnahme. Jedenfalls habe ich dort erklärt, daß ich nicht reise. Auch vor meinem eignen Gefühl ist es richtig, Schnellzüge jetzt nach Möglichkeit nicht zu belasten. Wenn ich jetzt nach Cassel führe, so würde das heißen, Riehls vor eine Tatsache stellen, die ich ihnen garnicht begreiflich machen kann, da ohne jede Diskussion festgesetzt war: zu Weihnachten nicht. Mein Plan ging daher dahin, außerhalb der Weihnachtstage [über der Zeile] mit Dir ein "Treffen", in Gestalt eines Ausfluges, herbeizuführen, ja ich wollte dies, um die hochgradige Empfindlichkeit, die wohl eine Folge der bedrohlichen Herzkrankheit ist,
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| zu schonen, nicht ausdrücklich erwähnen, wenn kein Anlaß dazu kommt. Ob Du mich darin verstehst, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich nicht anders kann, so schön es auch wäre, einmal wieder im alten Cassel zusammenzusein. Von den andern Gründen: den maßlos überfüllten Schnellzügen in den Weihnachtstagen selbst, will ich schweigen, weil ja wahrscheinlich die Personenzüge auch nicht leer sein werden.
Ich bin jetzt etwas erschöpft und finde die geeigneten Worte nicht. Laß mich also kurz auf die Hauptsache eingehen: Ich wüßte gern, ob Dir ein Zusammensein vom 29. mittags bis 31. vorm. in Nordhausen, Gotha oder Erfurt recht wäre? Wenn nicht, so kommen später nur noch Sonnabend u. Sonntag in Betracht. Darüber müßtest Du mir dann Vorschläge machen und ich würde bemüht sein, die Tage frei zu halten.
Der lieben Tante danke ich herzlich für ihre Güte. Sie wird einsehen, daß es jetzt so nicht möglich ist.
Für die beiden Pakete an Nieschling¹) [Fuß] ¹) 234. Inf. div. Stab. und Ludwig²) [Fuß] ²) Vfw. 1. Garde Res. Rg. 3. Komp. ist es leider zu spät geworden. Ich hatte vergessen, daß Du die Adressen nicht hast. Ohnehin sind es die letzten Pakete und Strümpfe, mit denen ich Dich bemühe;
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| denn dieselbe Empfindung, die Du ausgesprochen hast, hatte ich auch, ohne sie auszusprechen. Nur Dein Anerbieten ließ mich nachher gegen diese Empfindung handeln.
Unseren Gesprächen, die wir hoffentlich bald haben können, möchte ich nicht vorgreifen. Wir haben uns mündlich immer besser verständigt als schriftlich. Daß unser Briefwechsel nur noch der Schatten dessen ist, was er war, das fühle ich lange, und ich erinnere Dich an das Gedicht von St. Kathrein, das ich Dir vor 3 Jahren aus tiefster Seelennot sandte. Es wäre frevelhaft, wenn ich behauptete, daß Du nicht mit aller Treue zu mir gehalten hättest. Aber zweierlei beginnt mich zu quälen: ob ich das bin, den Du da meinst, oder ob Du eine irrige Vorstellung von mir hast. Und dann dies: Briefwechsel beruht doch auf zweien. Ich gebe zu, daß ich oft in Eile und Müdigkeit schreiben mußte. Aber auch Deine Briefe sind meistens müde, und das, worauf Du eine Antwort suchst, ist bisweilen so gefaßt, daß ich es nicht verstehe. Hinter dieser Müdigkeit steckt aber etwas andres, das ich nach wie vor Zweifel nenne. Und dagegen ist allerdings nichts zu machen: denn der Unglaube zerstört alles. Du
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| solltest nicht leugnen, daß ein Funke von solchem Unglauben in Dir ist. Gegen den bin ich machtlos. Daher meine Bitten, die sich immer wiederholen: Du möchtest einmal wieder ein unreflektiertes Vertrauen zu mir fassen. Aber daran hindert Dich etwas, das ich kenne, aber nicht nenne.
Ich sage das (wie Du) in aller Liebe und mit dem redlichen Wunsch, diese Wolken zu verbannen. Dazu gehört aber, daß auch in Dir ein einziges Mal wieder der alte Ton anklingt, den ich von Heidelberg und der Reichenau im Ohr habe und den ich wohl hören würde, wenn er käme. Denn darin geht es mir, wie Dir mit den Paketen u. Strümpfen: Die Versicherung, daß Du zu finden "wärest", die ist eben doch Symptom eines anderen als des unmittelbaren Sichfindens oder Gebens. Es ist kein Zufall, daß wir gerade zu Weihnachten immer auf solche Gedanken kommen: wir fühlen dann doppelt, wie es einst war. Du - was sich aus mir nicht herauswagt. Ich - daß meine innere Welt Dir nicht mehr ein Organisches, Selbstverständliches ist, in der Du Dich auch auf Grund weniger Worte hineinfandest, sondern ein Unverstandenes. Deshalb hoffe ich sehnlichst, daß Du in irgend einer Weise die Begegnung möglich machen wirst. Ich grüße Dich herzlich, guter Tage eingedenk
Dein
Eduard.

[re. Rand S. 3] Ich habe heut 12 x 2 Bücher ins Feld gesandt. Die neue Denkschrift ist beinahe fertig.