Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Dezember 1917 (Leipzig)


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Leipzig, den 19. Dezember 1917.
Liebe Freundin!
Es ist doch gut, daß wir einmal das Letzte aussprechen. Schmerzen sind dabei nicht zu vermeiden. Ich überlasse Dir, zu entscheiden, ob ich Dir diese Schmerzen mutwillig verursache, oder ob sie uns zu einer neuen und tieferen Gemeinschaft führen.
Ich habe seit langem das Gefühl einer großen Veränderung in Dir und habe das wiederholt angedeutet. So noch zuletzt, als ich Dir sagte, daß ich bei aller Liebe für die gute Tante Dein Leben dort für eine Einbuße an eigner Existenz halte. Du bist in der Tat einsam, ohne Anregung, unter dem Druck einer zum Pessimismus neigenden Umgebung, und doch niemals für Dich, wie in Heidelberg.
Die für mich fühlbare Folge davon ist, daß ich nie Dein erstes Gefühl zu hören bekomme, sondern immer erst ein zweites und drittes. Den Tag über bist Du an eine rein naturwissenschaftliche Tätigkeit gebunden, die Dich unvermerkt in eine andre Welt hineinzieht
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| als die, in der ich lebe. Wenn Du mir dann schreibst, so ist es nicht der Wiederhall einer in mir flackernden und ringenden Idee, sondern Du fängst dann an, Dir darüber "Gedanken zu machen". Die spinnen sich erst während des Schreibens aus, und in langen Erwägungen kommst Du bisweilen am Schluß zu ganz anderen Ansichten als vorn, was mir wieder das Antworten darauf erschwert. Denn ich finde Deine Ansicht nicht, ich finde sehr oft Dich nicht.
Du sprichst ja schließlich dasselbe aus und schiebst es auf eine Ängstlichkeit, die ich in Dir durch häufige Ablehnungen erzeugt hätte. Mag sein. Ich freilich habe diese Differenz zuerst in der unglücklichen Anfangszeit des Krieges gefunden, die mich aus der Bahn warf und die auch Dir nicht möglich machte, mir wie sonst zu sagen:" Das ist Deine Bestimmung". Dazu kamen die schmerzlichen Mißverständnise in Erfurt und besonders in Cassel - daraus wurde eine "Kriegsatmosphäre", wahrscheinlich ohne Schuld des einen oder anderen. Ich muß jetzt alles noch einmal berühren. Du hast das gleiche Recht Deinerseits. Als die krankhafte Erregung meines Inneren in der Episode Susanne Conrad zum Ausbruch kam, habe ich stärker als je gefühlt, wie
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| ganz ich zu Dir gehöre. Ich habe Dir damals mein ganzes Herz ausgebreitet, wie Du es fordern konntest. Und als in mir alles klar und ruhig war, da kam Dein Telegramm, ich sollte nach Cassel kommen. Das schien mir so außer dem erreichten Zusammenhang, daß ich seitdem Deine Telegramme ein wenig fürchte.
In Freudenstadt fanden wir uns ganz wieder. Meinen Plato hast Du zwar etwas stiefmütterlich behandelt; aber Du warst zu sehr mit mir beschäftigt. Und es war damals mit mir recht schwer. Die letzten Tage in Leipzig bis zu dem Auseinandergehen in Naumburg standen unter dem Zeichen einer hochgradigen Nervosität bei mir. Die hatte ich bis Weihnachten noch nicht überwunden. Ich wagte nicht, Dir ganz klar zu sagen, daß ich ein Zusammentreffen in P. nicht für zweckmäßig hielte. So kam die Telegrammgeschichte, und dann der Felizitasstreit, bei dem Du ohne Deine Schuld meine Lage und Stimmung ganz falsch beurteilt hast. In Berka war dann alles klar und schön. In Dresden nach meinem Gefühl auch, obwohl wir viel Geschäftliches beraten mußten. Aber an Deinen Briefen fühlte ich eine eingetretene Entfernung.
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Und die schiebe ich immer wieder auf das eine: Mangel an Selbstvertrauen, an impulsiver Kraft, "Dich selbst" zu betonen, Dein Leben zu leben - eine schmerzlich berührende allgemeine Resignation. Im Gegensatz dazu ist in mir eine Aktivität, die sich selbst verzehrt, und sich nach einem frischen, ursprünglichen Echo sehnt. "Unmittelbarkeit", das ist es. Laß uns doch tausendfach aufeinanderprallen, das ist einmal Schicksal des Lebendigen. Aber lebendig müssen wir bleiben. Nicht der Konflikt ist das Schlimme, sondern daß diese Konflikte nicht an der rechten Stelle sitzen. Ich erwarte von Dir nicht ein Verstehen meiner Projekte in dem Sinne, daß Du sie recensierst oder mir eine abgerundete Meinung sagst, sondern die Unmittelbarkeit des Mitlebens, die auch in mir wieder etwas entzündet. So war es früher zwischen uns. Und damals ergab sich Antwort auf Antwort in unserm Briefwechsel von selbst. Gehemmt bin ich aber, wenn mich irgend etwas frisch erfüllt, wovon ich gern schriebe, und ich soll dann Punkt für Punkt nachsehen, worauf ich etwa zu antworten habe: ob es denn besser geht und was ich zu dem Artikel sage oder so. Denn da es in Deinem Leben unvermeidlich gleichförmig aussieht, so ist es nicht anders: die Anreize kommen von mir, und
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| ich möchte dann spüren, daß Du meine Welt mit mir lebst.
Z. B: ich schreibe von der letzten Konferenz beim Minister: Du sagst: nanu, ich denke, die Oberlehrer sind glücklich aus der Lebensfremdheit heraus gebracht. Das hat mich gefördert. Darauf habe ich die ganze neue Denkschrift aufgebaut. Oder: Du stellst Betrachtungen über das politische Gebiet an, von denen ich nicht einmal verstehe, ob sie gegen mich oder für mich gerichtet sind. Damit habe ich wenig machen können. Oder: Wagner ist Dir menschlich unsymphatisch. Warum das sagen, wenn ich eben anfange, für ihn warm zu werden? - Du findest in der Musik keine Gedanken. Nun gut; das werde ich Dir nie übelnehmen. Denn es ist ja so. Oder: Du schreibst Briefe lang vom Umsichgreifen der Tuberkulose. Wozu, wenn ich selbst mühsam den Gedanken an die latenten Biester in mir zurückdränge? Und wozu das sagen von den Paketen und Strümpfen, wenn es mir das Gefühl der Selbstverständlichkeit, mit solchen Lasten des Lebens zu Dir zu kommen, nehmen muß? Das war wirklich nicht hübsch.
Du wirst nun sagen: Wer kann das vorher wissen,
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| was Dir recht ist? So ist es nicht gemeint. Ich möchte, daß Du auflebst, daß Du Deiner Wirkung auf mich und unsrer einzigartigen Beziehung gewiß bist, daß Du vor den Leuten stolz auf mich bist - nicht, daß Du Dich in ein Schneckenhaus zurückziehst. Die trübe Schilderung von Deinem jetzigen Leben ist nur zu wahr. Aber nicht ich allein bin schuld daran, sondern ein Mangel an Selbstvertrauen und Vertrauen zu mir. Ibsen ist Dir nicht lieb. Du könntest viel von ihm lernen. "Du kannst kein Echo finden, wo Du es nicht weckst" - das gilt von Dir so wie von mir.
Als ich rein philosophisch beschäftigt war, bist Du mit mir gegangen. Jetzt, wo ich Kulturfragen vorhabe, die Dir alle zugänglich sind, da ist es mir manchmal, als ob Du nur über sie reflektiertest, statt sie zu reflektieren. Ist das die Wirkung des Mikroskopes? Macht es mikroskopisch? Ich wünschte, daß Du auch mal wieder etwas lesen könntest, was in meinen Arbeitszusammenhang gehört, und daß man darüber seine Gedanken austauschen kann; daß ich auch von den
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| "reizbaren" Menschen meiner Umgebung Dir wieder ein Bild geben könnte, ohne daß Du dächtest: er hat jetzt merkwürdige Symphatien. Ich möchte auch meine nervösen Sorgen wie früher zu Dir bringen können und annehmen dürfen, daß Du nicht verletzt bist, wenn ein Brief mal aus solcher Stimmung kommt oder - ausbleibt. Denn im ganzen ist doch mein Tag nicht leicht: was muß ich alles in ihm unterbringen, und ich bin, Du magst lachen, trotz allem einer der gleichmäßigsten Menschen der Welt, mit einer absoluten Selbstbeherrschung, ausgenommen da, wo ich selbst mal mein Menschliches sprechen lassen möchte; dazu ist hier in L. weiß Gott nicht ein Mensch, denn wie Biermann zuzuhören versteht, weißt Du.
Aber Resignation und Reflexion sind jetzt die beiden Tonarten, aus denen sich die Melodie Deines Lebens webt, und um Deiner selbst willen muß ich Dir sagen, daß Du von diesem Wege umkehren solltest, daß Du es mußt, wenn Du nicht vorzeitig altern willst. Laß Heidelberg wieder in Dir aufwachen. Es ist keine Einbildung, daß Du damals anders warst und schriebst.
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19.XII.17.
Wir sind in ein unglückseliges Geleise gekommen. Und es ist doch wahr, daß Du Dich von den andern Menschen um mich herum stören läßt. Das habe ich früher so dankbar empfunden, daß ich von meinen Schülerinnen unbefangen mit Dir reden konnte. Seitdem mehr Erwachsene um mich sind, ist es anders geworden. Die Leute sind Dir fern, weil Du nicht, wie ich, ein angeborenes Interesse für die Menschen hast. Das aber ist meine Naturwissenschaft und mein Mikroskop, und ich kann dabei unglücklicherweise selbst nicht unterscheiden, wie viel daran persönliche Neigung ist und wie viel "Seelsorge". Aber ich habe das Verlangen, auch das mit Dir zu teilen.
Da Dir mein Plan einer Begegnung auf halbem Wege nicht sympatisch ist, so müssen wir wohl auf etwas andres denken. Es kommt hinzu, daß ich schon wieder vom Minister in geheimer Sache nach Berlin eingeladen bin. Ich habe mich für den 27. oder 28. zur Verfügung gestellt. Wählt er den 28., so würde ich wahrscheinlich den Anschluß nicht mehr erreichen. Du hast recht, daß das Ganze sehr anstrengend und unruhig wäre. Überlege nur einmal, ob Du Anfang Januar auf ein paar Tage fortkommen willst u. kannst, am besten von Sonnabend früh bis Mittwoch Abend: das sind
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| meine freieren Tage. Nur müßte dann von vornherein dafür gesorgt werden, daß nicht Biermanns und Götzes sich um uns reißen. Der 5. und der 12. Januar wären die ersten Möglichkeiten. Ich richte mich ein, wenn Du es machen kannst.
Ein sehr längliches Paket von Dir ist schon seit Tagen da, aber uneröffnet. Meines ist noch nicht abgegangen, weil der Buchhändler mich von Tag zu Tag vertröstet, das Gewünschte werde noch kommen. Es wird mir nicht leicht werden, mich zu freuen, solange ich nicht weiß, ob Du diesen Brief verstehst und ob wir uns in einem Sinne wiederfinden, den ich für zeitlos gehalten habe.
Meine Denkschrift ist fertig und wird abgeschrieben. Ich bin rastlos tätig gewesen, und werde doch in den paar Ferientagen bis zum 3.I. unsäglich viel Unerledigtes erledigen müssen. Weihnachten ist für mich ein "teures" Fest. 6 Biermanns, 4 Riehls und ungefähr 15 Einzeladressen allein von hier aus - das ist genug, auch schon für das Nachdenken. Dazu kommen andre Sorgen. Es ist immer dasselbe Lied.
Auch heut ist es schon spät nach einem angreifenden Tag. Ich bitte Dich, lies diesen Brief im Gedenken
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| an früher. Ich habe gestern in älteren Briefen von Dir aus dem Sommer 1914 gelesen, als wir uns noch "Sie" nannten. Mir schien, als läge darin ein ganz andrer Zug. Es war wenige Monate nach der Reichenau, die damals den Gipfel der Schönheit hatte. In mir leben diese Bilder noch. Sollten sie in Dir erstorben sein, weil dieses oder jenes einzelne geschah? Ich meine, Einzelheiten sollten für uns nichts bedeuten; nur der ganze Mensch kann entscheiden, und ich bitte Dich, daß Du Dich wieder zu diesem meinem ganzen Menschen zurückfindest.
Ich plane eine Arbeit, halb polemischen Charakters, unter dem Titel: "Eine neue Beleuchtung von Kants Ethik." Diese ist nämlich immer nur vom methodischen Standpunkte gewürdigt worden, als das Novum einer "formalen" Ethik. Um den Inhalt hat sich außer Simmel kaum jemand gekümmert. Und doch muß doch auch dieser Gewaltige einem Typus angehören. Ich will nun zeigen, daß es sich um den politischen Grundtypus handelt. Dazu stimmen die Begriffe Freiheit (= Macht über sich selbst) und "allgemeine" Gesetzgebung; denn zur Macht gehört die Selbstbindung an Regeln. Es stimmt dazu eben auch die Inhaltlosigkeit. Denn das Politische als solches hat keinen Inhalt, sondern es hat nur die Grundform der Macht zum Inhalt. Es muß nun untersucht werden, wie dieser Typus zum Liberalismus u. zum Sozialismus steht. Der erstere hat die Macht der Persönlichkeit unter dem Namen "Freiheit" der Macht des Staates gegenübergestellt. Der zweite kennt doch wieder eine andre Macht: die der sozialen Regelgebung. Beides ist in Kant. Daß er selbst das nicht gewußt hat, tut nichts. Man versteht jeden nur, indem man über ihn hinaus geht.
Die Briefe u.s.w. haben mich interessiert. Der des Bodensees ist besonders gewinnend und schön. Herzlichen Dank und
alte treue Weihnachtsgrüße
Dein
Eduard.