Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, [25.] Dezember 1917


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Laß mich in der Winternacht
Wieder zu Dir kommen.
Ach, ich weiß, die Liebe wacht,
Ist noch nicht verglommen.
Laß den vollen Liebesschein
Aus dem Herzen dringen,
Schließ mich in Dein Leben ein,
Gib mir neue Schwingen.
Schwingen, die ins neue Land
Uns hinübertragen,
Wenn am trauten Neckarstrand
Alte Trümmer klagen.
Wende nicht den Blick zurück:
Altes kehrt nicht wieder;
Wohl durchhallt vergangnes Glück
Wehmutvolle Lieder.
Aber in den Jubelklang
Immer neuen Lebens
Mische Deiner Seele Sang
Fröhlich ihres Gebens!
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Laß, wie jedes neue Jahr
Jesus neu erschienen,
Uns am herrlichen Altar
Neuer Zeiten dienen.
Sprenge mit verjüngter Kraft
Dieses Eises Rinde,
Daß, was in mir wirkt und schafft,
Seine Heimat finde!
Und ich will zu Dir, wie einst,
Meine Seele bringen.
Was du jubelst, was Du weinst,
Wird in mir erklingen.
Leben aber, sei gelobt!
Ach, aus Deinen Schalen
Strömt auch mir – die Lippe bebt –
Seligkeit und Qualen.
Laß der Ströme wilden Schwall,
Laß der Töne Klingen
Sich in reinem Widerhall
Liebevoll durchdringen!
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Dann, wie einst, am Neckarstrand
Und am Seegestade,
Folgst Du mir in unser Land,
Fühl' ich Deine Gnade!
Weihnachten 1917.
Eduard.