Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Januar 1918 (Leipzig)


[1]
|
Leipzig, den 4. Januar 1918.
Liebste Freundin!
Der Eisenbahndämon hat zu wege gebracht, daß ich von Dir am Silvesterabend Abschied nahm, ohne Dir ein gutes neues Jahr zu wünschen. Eigentlich sollte man das Selbstverständliche auch nicht sagen, um Zeit für das andre zu behalten. Aber es ist doch eine gute alte Sitte. So hole ich es dann nach und bitte Dich, mir im neuen Jahr wie in den früheren mein Sonnenschein zu bleiben. Ich verspreche auch, keine Türen ins Schloß zu schmeißen. Ganz im Sinne Deines lieben Briefes, den ich inzwischen erhielt. Ich warte ängstlich auf eine Nachricht, wie Deine Rückfahrt war. Denn die Verkehrszustände werden immer schlimmer. Hier ist auf die Elektrische jedenfalls nicht mehr zu rechnen.
Ich habe das neue Jahr mit allerhand kleinen Verdrießlichkeiten begonnen. In Leipzig fand ich einen Brief von Willy Böhm, der sich mir für Tage wie Reif auf die Seele legte. Auf dreijährig wiederholte herzliche und versöhnliche Glückwünsche zu seinem Geburtstag (24.XII.) antwortet er mir auch diesmal in einem gönnerhaften und schulmeisterlichen Ton. Du kennst die Vorgeschichte; ich habe sie Dir in Freudenstadt erzählt. Seine plumpe Anrempelung, "warum ich Dora Th. nicht heirate" hätte doch wohl nur in mir ein Gefühl der Kränkung zurücklassen können. Zwischen Dora Th. und mir ist nie eine Unklarheit von mir
[2]
| gelassen worden; in mir selbst auch nie die leiseste Spur einer solchen Unklarheit gewesen. Aber vielleicht tue ich dem eitlen Fant zu viel Ehre, wenn ich dabei verweile.
Am 2. Januar verlor ich von 5 Hundertmarkscheinen einen, ohne das ich bis heute eine Ahnung habe, wo und wie das kam. Ich gebe mir Mühe, mich nicht zu ärgern. Aber es ist doch ein Betrag.
Am 3. Januar wollte ich um 8 die Vorlesungen beginnen und fand in der Universität eine Temperatur von 4°, im Seminar von 7°. Nun brach in mir die lange angesammelte Wut über diese Schlamperei durch. Ich telegraphierte die Tatsache nach Dresden und ließ dann sofort einen Bericht folgen, worin ich darauf hinwies, daß alle Variétés und Cafés hier Heizung und Beleuchtung haben. Daran knüpfte ich eine Schilderung des Notstandes der hiesigen Studentenschaft, alles in einem etwas "deutlichen" Ton. Bekomme ich dafür eine Nase (gepflastert wird hier nicht) – so "gehe ich nach Berlin."
Ich habe infolgedessen 3 freie Tage. 3 freie Tage! Was darin für ein Reichtum liegt, kannst Du kaum ermessen. Ich habe doch so eigentlich keine Ferien gehabt. Alle meine Sachen von 1917 liegen ungeordnet. Nun kann ich auch an die Volkeltfestschrift herangehen. Allerdings zeigt sich meine bekannte Augensache wieder. Sie ist eine Folge der Winteranstrengung. Im letzten Jahr blieb sie aus.
Diesen Augenblick kam ein Brief von Kerschensteiner, in dem er nicht eigentlich abrät. Er rät aber so viele Vorsichtsbedingungen, das die Sache praktisch nicht möglich sein wird. Ich kann Die den Brief noch nicht schicken, weil ich ihn mir noch einmal genau überlegen muß. Inzwischen habe ich einen (auf ganz andres
[3]
| bezüglichen) Brief von Reinhardt bekommen. Ich habe geantwortet und dabei das Problem berührt. Vielleicht äußert auch er sich noch.
Eine Unmenge Neujahrswünsche sind auch diesmal eingegangen. Frau Paulsen dankt auch dir. Von Nieschling nichts. Ich bin zum Delegierten im geschäftsführenden Ausschuss des Bundes deutscher Gelehrte und Künstler in Berlin ernannt worden. Löwenthal noch in Magdeburg. Vortrag in Stuttgart habe ich abgelehnt. Schröbler auf Urlaub in Glauchau. Ich schreibe dies aus den Akten ab, daher das Durcheinander.
Wie geht es denn der unvollkommenden Scheibe? War sie sehr wütend auf mich?
Die Theorie des Verstehens kommt vielleicht diesmal doch unter Dach. Das Wichtige ist der Begriff des Sinnes. Es gibt das Körperliche, das Pyramidale. Das Symbol ist ausgezeichnet. Es gibt in ihm 3 Projektionsrichtungen. Vielleicht kannst Du Dir unter folgenden 3 Namen etwas denken. 1) das Psychophysische (= bisherige Psychologie, alles auf den Leib und die körperlichen Natur bezogen.) 2) das Idnophysische = die neue Psychologie, Teilhaben des Ich am Sinn und an der gemeinsamen Geisteswelt. 3) das Ideophysische = Bedeutungslehre, Symbolik, die sich für Sprache, Kunst, Religion u.s.w. sehr verschieden gestaltet und ohne 2) natürlich nur abstrakte Gesichtspunkte ergibt. Diese 3 Reiche habe ich schon in Partenkirchen, August, entdeckt. Dem Sinn bzw. der Kultur, ist es eigentümlich, daß er durch alle 3 hindurchreicht. Die Bänder zwischen Subjektfunktionen (Ich, Psyche) und der objektiven (teils physischen, teils ideellen Welt) sind die Träger des Verstehens. Denn das absolut Subjektive ist unverständlich. Daher bleibt auch jeder im letzten unverstanden.
[4]
|
Den entscheidenden Brief nach Berlin schreibe ich erst am 7.I. Inzwischen kannst Du mal herkommen und meine Broschüren ordnen. Der Famulus ist dazu zu dumm. Ich weiß nicht mehr, wo ich mit all dem Zeug hin soll. Ich vernichte nach Möglichkeit. Aber oft genug muß ich Altes suchen, und – ich finde es fast immer.
Aus Memel kam ein Klumpen Butter, aus Bayern ein gr. Dose Gänseschmalz. So arbeiten Norden und Süden an meinem psychophysischen System. Dir ist das Ideophysische vorbehalten. Ich weiß nicht, was schöner ist, Deine Kalendermalerei (eigentlich mehr ideophysisch) oder Deine Äpfel. Die Chokolade kommt ins Museum, zu der Seife.
Ich will jetzt esse gehen. Hoffentlich bist Du in Halle-Dieskau nicht verhungert. Schreibe bald, auch wie Du die Tante trafst, und sage ihr viel Inniges von mir zu Neujahr. Ich habe nicht geschrieben. Denn ich bin an der Grenze meiner (ideophysischen) Schreibfähigkeit. Daher auch schluß.
Innigst Dein
Eduard.

[] Am Benjamin ist die Inschrift das Beste. Der Inhalt eignet sich als Gegengeschenk zu Hermanns Dürer.