Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Januar 1918 (Leipzig)


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Leipzig, den 12. Januar 1918. Wochenschluß.
Liebe Freundin!
Deinen lieben Brief vom 3. Januar habe ich vor mir. Für die Bilder, die mich sehr herzlich anmuten und auf denen mir nur der Inhaber des 3. Regenschirms fehlt, besorgt Frl. Kiehm einen Rahmen, und dann kommen sie ins Seminar, – in dem ich nun hausen bleibe!!
Wenn ich Zeit hätte zur Beschäftigung mit mir selbst, so wäre es mir in diesen letzten Tagen sonderbar ergangen. Solche Entscheidungen sind immer mit einer Generalselbstrevision verbunden, und man kommt dabei im Lauf der Jahre zu klaren Ansichten über sich selbst. An der Pflicht abzulehnen, habe ich eigentlich nicht mehr gezweifelt. Ich schrieb noch an Reinhardt in Beantwortung einer seiner Briefe und stellte ihm meine inneren Zweifel an meiner Bestimmung für das Ministerium dar. Er brauchte nicht zu antworten. Daß er es aber nicht getan hat, beweist mir, daß er meine Ablehnung verwindet. Und unter diesem Eindruck habe ich gehandelt. Ich lege Dir die 3 bedeutsamen Briefe von Kerschensteiner, Muthesius und Borchardt bei. (Wenn Kersch. Dir nicht selbst geschrieben hat, muß man seine Antwort reichlich sachlich nennen.) An einem gut disponierten Abend habe ich darauf das beiliegende Konzept an den Minister entworfen, das natürlich mehr enthält als eine bloße Ablehnung. Es ist darin viel Selbstporträt, auch mancher Wink, und für einen energischen Staatsmann die Möglichkeit, trotzdem zu sagen und zu handeln
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| nach dem Prinzip: "Ich muß Dich haben."
Aber in alledem liegt nicht das Sonderbare. Vielmehr darin, daß ich um die gleiche Zeit wieder deutlich empfand, daß ich auch nicht eigentlich zum Philosophen bestimmt bin. Ich habe lesend und schreibend die Theorie des Verstehens weiter verfolgt. Und durch die Konsequenz des Niederschreibens (schon deshalb soll man nicht diktieren!) kam ich auf Gesichtspunkte, die in meinen früheren Erwägungen keine Rolle gespielt haben. Sie sind aber grundlegend. Sie würden meinen ganzen Standpunkt umkrempeln und gewisse Schwierigkeiten beseitigen, die mir immer wieder an allen Ecken begegnet sind, wie es eben bei prinzipiellen Fehlern zu sein pflegt. Um dieselbe Zeit fand ich nun in den Schriften von Max Scheler das, was ich suche, schon in gewissem Sinne durchgeführt. Scheler geht von der Phänomenologie Husserls aus, von der ich auch schon viel aufgenommen habe und zu der sich die neuste Philosophe immer deutlicher bekennt, obwohl ältere Leute wie Wundt und Riehl darin nur eine Scholastik sehen. Die Schreibart Schelers beweist, daß auch er mit den Sachen noch nicht systematisch fertig ist, sondern nur einen Reichtum fruktifiziert, der sich ihm auftat und eigentlich jedem auftun mußte, der mit dem Husserlschen Standpunkt Ernst macht.
Ich deute hier nur den sachlichen Hauptpunkt an: Verstehen ist ganz etwas andres als seelische Deutung des Physischen. Es gibt eine Bewußtseinslage, in der uns fremdes Innenleben ebenso nahesteht wie das eigne. Die Differenzierung in Selbsterlebtes und Fremderlebnisse ist erst ein später Akt. Das Psychische in mir ist nicht Ausgangspunkt (so ist es ja auch!) sondern erst Produkt. Daraus erklärt es sich, daß wir fremdes Seelenleben verstehen, nicht nur eignes.
Mag nun hieran auch viel einzuschränken u. zu nuanzieren sein, so ist die Sache jedenfalls im Kern richtig; denn bei
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| scharfem Nachdenken kam ich auf Ähnliches und manches wird überhaupt nur unter solchen Annahmen begreiflich.
"Worauf ich hinauswill, ist nun dieses" (Volkelt:) Ich habe keine Lust, mich philosophisch noch einmal völlig umzubauen. Dies ist ein Beweis, daß ich zu dem Handwerk auch nicht geboren bin. Die Frage ist gar nicht allein: Beamter oder Gelehrter, sondern Pädagog oder Philosoph? Es ist nicht möglich, nur "so weit" Philosoph zu sein, wie man es für die Päd. braucht. Ich bin auch kein schlechter Denker; denn, wie Du siehst, komme ich all den verborgenen Fehlern auf die Spur, wenn ich mir Mühe gebe. Aber die subtile phänomenologische Arbeit, wie sie Husserl u. Scheler leisten, die würde mich töten. Ich muß dem Leben näher bleiben, und das ist, philosophisch genommen, immer Ungründlichkeit. Am wenigsten ist es mir jetzt lieb, für einen Artikel zur Volkeltfestschrift eine neue Philosophie anzuziehen. Aber was bleibt mir übrig?
Meine Lebensformen (die offenbar den Zeitgenossen auch so viel bedeuten und – selbständig verbreitet – zahlreiche Auflagen erleben würden), werden im Ergebnis kaum gefährdet. Aber der Weg dahin muß ganz anders sein. Er geht, um im Bilde zu bleiben (und wie längst in meiner Sendung liegt) von der Pyramide zu den Kreisen, nicht von den Kreisen zur Pyramide, auch nicht von der Basis zu den Kreisen. (NB: es ist ganz gleichgiltig, wie viel Seiten die Pyramide hat: an sich müßten es zahllose sein, da es zahllose Individuen gibt. Richtig wäre es wohl, sich mit dreien zu begnügen, da dies zur Repräsentation der geistigen Wechselwirkung zwischen Individuen genügt.)
In mein Nachdenken hierüber mischen sich immer wieder "Lebensfragen". Nachdenken über Menschen, über pädagogische Organisationen, über Aufsätze, die man eigentlich in die Zeit
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| hinwerfen sollte. Es ist auch kein Zweifel, daß ich trotz dieser philosophischen Ungründlichkeit stärker wirke als die Gründlichen, nicht nur extensiver, sondern auch intensiver; denn die besten Köpfe hier halten doch zu mir. Aber es ist da etwas, was mich nicht befriedigt, weil es, in unsrer Sprache ausgedrückt, eine Unklarheit oder eine Halbheit in meiner Lebensform bedeutet.
Zwei Aufsätze über 1) einen <unleserl. Wort> Pl Lehrplan für die höheren Schulen – entstanden aus der Entscheidung btr. des Ministeriums, – und 2) über "nationale Elementarbildung, Berufsbildung, Allgemeinbildung" (auch eine Pyramide) konnte ich über all diesen Nöten noch nicht in Angriff nehmen. Ich werde vielleicht ein ander Mal darüber schreiben.
Die Einteilung bei Kerschensteiner ist:
kontemplativ
     /         |  \
theor.     ästh. rel.
      1        2  3
aktiv
     /        |  \
egozentrisch sozial asozial = sachlich
     /        |  \     /        |  \     /        |  \
theor.     ästh.  rel.   "   "   "   "        "   "
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merkwürdig, nicht? Das Buch schicke ich dir später mal. Du kommst jetzt doch nicht dazu. Es ist nicht leicht zu lesen.
In Deinem Brief steht nicht, wo du in Halle gewohnt hast?
Jetzt kommen Personalnachrichten.
Von Ludwig nichts. Ich habe Wundt besucht, der auch den Fall Berlin für erwägenswert hielt! Er war etwas
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| erkältet und nicht sehr optimistisch, wozu in den Tagen auch kein Grund war. Frl. Wezel war hier u. erzählte viel zur Charakteristik v. G. B., die die Ungründlichkeit mit mir teilt. Ich habe Frl. W. ins Berliner Ministerium geschickt u. sie hat dort mit Auguste Sprengel eine dicke, aussichtsreiche Freundschaft geschlossen. Biermann Mittwoch beim König, ist jetzt stark erkältet. Daher morgen frei. Kohlennot besser. Exc. Wach ist mit einer großen Beschwerde hinter mir hergehinkt. Das Ministerium hat sich, entweder auf Grund der Beschwerde oder auf Grund des beiligenden Artikels der N.N., meiner erinnert und mir die Verfügungen geschickt, um die ich – im März 1916 gebeten hatte. Guter Wille ist nach Kant der Beste.
In 3 Wochen ist Semesterschluß. Wie ich die Zeit brauche! Mit den Berliner u. Bonner Vorträgen muß zunächst die neue Aufl. der Lebensformen gemacht werden. Aber Du siehst, der Baugrund ist sumpfig.
Über den Eindruck der Denkschrift noch nichts aus Berlin. Zu meinem Säkularartikel hat mir kein Mensch unter 400 ein freundliches Wort gesagt. Dafür knüpften alte Freunde aus dem Felde wieder an, kommen zu Besuch (erste Friedenstauben.)
Jetzt muß ich mal schleunigst schließen. Nur das will ich Dir noch sagen, wie ich Dir für die Bilder dankbar bin und für den mir vielsagenden Hintergrund, Du bekommst auch nächstens Strümpfe, sogar ungewaschen.
Hoffentlich hast du Dich bei dem mörderlichen Wetter nicht erkältet. Ich muß jetzt manchmal 4 mal gehen, da die Elektrische versagt, und mache es Dir nach mit einem Schmerz in der Ferse, freilich nur beim Laufen. Lieber wäre es <li. Rand> mir freilich beim Singen. Viel Liebes und gutes Dein Eduard.
[Kopf] Über den Fall Willy Böhm komme ich schlecht weg. Es ist persönlich.