Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Januar 1918 (Leipzig)


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Leipzig, den 26. Januar 1918.
Liebste Freundin!
Seit 8 Tagen haben wir Frühling; Ihr wahrscheinlich auch. Im Augenblick (um 2½) sitzt ich bei offenem Fenster, notgedrungen, denn draußend sind 13½°R., drinnen infolge des Dauerbrandofens 20°. Die Sache ist zwar etwas unheimlich; es scheint aber, als wollte der liebe Gott den Menschen etwas Liebes tun, nachdem sie mit Staatsleuten ohne Verstand und Rentmeistern ohne Kohlen gestraft hat. – Ich komme nicht gerade viel zum Genuß der Herrlichkeit; Du wahrscheinlich auch nicht. Bei mir sind die bekannten Semesterschlußsymptome, d. h. verdoppelte Arbeit und Spuren von Überarbeitung. Letztere habe ich mir am letzten Sonnabend bis Montag durch scharfes Nachdenken und Ausarbeiten in den bekannten erkenntnistheoretischen Fragen zugezogen. Ich bin nun zwar der Sache wieder ein großes Stück näher gekommen, habe aber auch "die Nase voll". Dazu kam eine giftig langweilige Habilitationsarbeit über die Seehafentarife und eine Dissertation. In der nächsten Woche muß ich mindestens 2 Vorlesungen einlegen. Mit der Päd. komme ich gut zu Ende, mit der Phil. d. Gesch. bleibe ich jämmerlich stecken. Die Übungen kommen zu einem ordnungsgemäßen Abschluß. Die Besucherzahlen sind: Päd. 139(!), Phil. 105. Üb. ca 45.
Ich wende mich nun dem übrigen Nachrichtenteil zu. Dora Thümmel ist mit vielen Mühen, aber doch gut im Sonnenheil des Dr. Bardenheuer (Kainzenbad) angekommen; Frau W. hat sie schon 2mal besucht und sie selbst schrieb eine Karte.
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| Die Dauer der Kur wird auf 2 Jahre veranschlagt. Wie viel Geduld gehört dazu! Felizitas hat sich sofort wieder eifersüchtig gezeigt; sie hat den Teufel im Leibe. – Ob ich etwas Begründetes in dem Verhalten von Böhm sehe? Ich möchte das so ausdrücken: So viel er von solchen Sachen sehen und verstehen kann, das würde ihm ein Recht geben zu seinem Verhalten.x) [li. Rand] x) nicht einmal das und dann! Ich sehe darin eine große Unverschämtheit, über die ich so bald nicht hinwegkomme. Im übrigen ist er allerdings nicht der Maßstab, an dem ich mich messe.
Der Minister hat sehr freundlich und herzlich geantwortet. Ich kann das Original nicht auf Reisen schicken; schreibe es vielleicht später ab. Er nimmt meine Dienste gern an, wünscht sie aber zu honorieren. Außerdem hofft er, daß ich mich einer Berufung nach Preußen, sobald sie sich ermöglichen ließe, nicht widersetzen würde. Diese müßte allerdings der sächs. Regierung ordnungsmäßig angezeigt werden. Vorläufig wolle er ihr keine Mitteilung machen, da sie doch wohl einer Beschäftigung Bedenken entgegensetzen würde, die mich dem Leipziger Hauptamt entzöge. Ich habe geantwortet, daß ich auf das Honorar weniger "Wert lege", aber auf die Mitteilung an Schmaltz, weil ein entsprechender Wunsch seitens der sächs. Regierung nicht erfüllt worden wäre. Übrigens hat die s. Reg. auf meinen Heizalarm mit einer Verstellung der Tatsachen geantwortet; ich habe darin allerdings manches Unzutreffende gefunden, jedoch den guten Willen anerkannt.
In der "Deutschen Schule" von heute ist ein langer Artikel Natorps über "Begabung und Studium", so durchgängig anerkennend, daß ich mich bemühen muß, nicht übermütig zu werden. Ein Lob von den Marburgern! Wer hätte das gedacht.
Ich habe dafür einen Artikel gegen Richard Schmidt geschrieben, in dem nach berühmter Art wieder lauter Perlen im Kleinhandel verschleudert sind. Ich glaube, daß wir in der Entwicklung unsres politischen Denkens weit zurück sind. Wenn die
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| Staatsrechtler und Politiker noch nicht fühlen, daß wir in eine sozialistische Epoche eintreten, wenn sie den tiefen Unterschied des individualistischen Liberalismus und des organisierten Sozialismus nicht spüren, so weiß ich nicht, mit welchen Zeichen die Zeit reden soll. Diese Überbietung des Liberalismus (nicht die Beseitigung der Individualität) durch überindividuelle Bindung ist der Geist unsrer Tage. Daß die Vaterlandspartei das verkennt, ist ihre Schuld; denn in gefahrvollen Tagen darf man nicht nach dem bloßen Gefühlsimpuls handeln. Die Ideen von 1870 sind nicht die Ideen von 1917. Wir sind nahe daran, nachdem wir den äußeren Feind besiegt haben, an der Übermacht der inneren Opposition zu scheitern. Diese Offensive, das glaube mir, ist die letzte, die gemacht wird. Im Mai haben wir Waffenstillstand auf allen Fronten auf allen Fronten. Deshalb allerdings hängt von dieser Offensive nicht nur das Schicksal Deutschlands, sondern die künftige Gestalt der Welt ab. Ich habe auch dem Minister geschrieben, daß das Fehlen jeder bestimmten Parole von oben quälend empfunden wird. Aber man hat keine, man wagt sie nicht zu haben.
Im sächs. Landtag ist der Minister wegen der Berufung von Pohle angegriffen worden, hat sich verteidigt, aber den indirekten Urheber, Bücher, noch einen Dank votiert. Am selben Tage verlangte ein konservativer Abgeordneter Einrichtung eines Instituts für Jugendkunde a. d. Un. im Zusammenhang mit dem Institut des Leipziger Lehrerseminars. Das ist ein Kenner.
Was nun das Philosophische betrifft, so habe ich viel von Husserl gelernt und übernommen. Einen Zentralgedanken (bei mir) bildet die Lehre von der Existenz in drei Reihen zugleich: physisch, psychisch, ideell, aus jedem einen Ausschnitt herausschneidend. Das gilt von dem einzelnen Wort z. B., aber
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| auch von der ganzen Kultur. Dafür folgendes Symbol:
<Zeichnung eines Dreiecks mit einem darübergelegtem Kreis, aus dem die 3 Ecken hervorragen> <unter dem Dreieck> psychisch <li. Schenkel> physisch <re. Schenkel> Sinn.
Für das Verstehen komme ich immer mehr dahin, ein gemeinsames, objektives Geistiges über dem subjektiv Psychischen anzunehmen. Wir verstehen nicht nur aus dem physischen Symbol heraus (das meistens garnicht gegeben ist; wer hat Caesars Gesicht gesehen, als er den Rubicon überschritt?) sondern aus der ganzen objektiven Situation heraus; von hier senken wir die Sonde in das Subjekt, wobei wir mutatis mutandis unsre eignen Erlebnisformen unterlegen. Die vor 8 Tagen gefundenen Formulierungen scheinen mir doch größtenteils endgiltig zu sein. Nur ist die Sache noch nicht fertig.
Habt Ihr euer Loch im Dach geflickt, oder laßt Ihr nun die Sonne hindurch und hineinscheinen? Morgen gehe ich (nach Biermann) zu Strümpell, da werde ich nach Deinen Zeichen<Wortteil unleserlich> fragen. Frl. Kiehm <2 unleserl. Buchst.> einen Rahmen für die Kerschensteinerbilder besorgt: 3 M. Eine lumpige Kravatte kostet jetzt 4,50 M. Eben rauche ich eine Cigarre wie eine Stopfnadel für 20 Pf. Was macht Kursk-Kiew? Da stockt wohl der Verkehr?
Ich vergaß eben zu erwähnen, daß der Min. mir anscheinend eine besondere Stellung zugedacht hatte. Vielleicht Direktor des "Zentralinstituts für Erz. u. Unt?" Eine Bemerkung klang vielsagend. Die Vorträge dort beginnen am 19.  Bis dahin muß ich 1) für Volkelt schreiben 2) einen Aufsatz für die preuß. Fortbildungsschullehrerzeitung. 3) Vorbereiten für Berlin und Barmen. Wegen der Reisefrage will ich morgen mit Strümpell reden. Meine Reklamation ist bis 30.IX. verlängert. – Jetzt will ich einen Kand. besuchen, der vor dem Examen wegen Rippenfellentzünd. (?) zurückgetreten ist. Er wohnt in Lpzg Schönefeld → → → . Und Du stiftest einen Apfel dazu.
Was hörst du von Frankfurt u. Heidelberg? Ich grüße Dich und <li. Rand> die Tante innig. Dein Eduard.
[re. Rand] In Dresden ist Elsenhans (Phil u. Päd.) gestorben. Ich werde bei Walzel für Oestereich Interesse zu wecken suchen. Otto Braun habe ich auf die Liste in Basel gebracht. Er ist <Kopf> zeitweiliger Hilfsarbeiter im Berl. Ministerium
[re. Rand S. 1] Heute bekam ich von unbekannter Hand ein Buch von Rabindranath Tagore mit einem schönen Gedicht.