Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Februar 1918 (Leipzig)


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Leipzig, den 4. Februar 1918.
Liebe Freundin!
Wenn ich erst heute schreibe, obwohl der Bau am Freitag Abend geschlossen worden ist, so hat das seinen Grund in einem ganz schauderhaften physischen Zusammenklappen, das mich zwang, 3 Tage lang auch auf die leichteste geistige Tätigkeit zu verzichten. Seit 10 Tagen sind auch die seltsamen Empfindungen links wieder da. Bis dahin waren sie so verschwunden, daß ich am 27.I. bei Strümpell auf eine Untersuchung verzichtete. Er meinte, wenn kein Husten aufträte, wäre das die Hauptsache. Schmerzen seien zu vieldeutig. Von Husten ist keine Rede. Aber merkwürdig ist die Sache doch. Ich hoffe, in den nächsten
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| 14 Tagen mit den Nerven wieder etwas in die Höhe zu kommen. Im Augenblick reichen sie nicht einmal zu einem vernünftigen Brief.
Da ich gerade bei Strümpell bin, will ich Dir doch auch erzählen, daß ich von den Zeichnungen anfing. Er holte das Manuskript und die Zeichnungen aus dem Schreibtisch und sagte:" Ja, wer bezahlt denn das?" - Da hast Du mal wieder ein Beispiel für die Teilnahme der Welt an unsren intensivsten Mühen. Er hat Rosenblath geschrieben, es sei jetzt gar kein Gedanke an die Herstellung der Abbildungen: die würden einschließlich des Druckes etwa 5000 M kosten. Dann fragte Str. sehr interessiert nach Dir und Deinem Tun; aber über die Zeichnungen habe ich genausoviel gehört, wie ich meistens über meine Aufsätze höre, d. h. eigentlich nichts.
Was nun die bunten Zeichnungen [über der Zeile] Kreise betrifft, so habe ich derartige Gedanken auch verfolgt. Sie
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| führen aber irre. Denn man darf nicht aus einem Schema herauslesen, was nur aus der Sache herausgelesen werden kann. Die 3 Elemente des Symbols sagen genug; darüber hinaus darf man es nicht pressen. Das Politische und Soziale kann ja z. B. nur durch die Verbindungslinien (u. die zugehörigen Dreiecke) der Kreise bezeichnet werden. Aber alles weitere ist unfruchtbar und entstellt nur die strenge Fassung des Gedankens.
"Phantasien aus Auerbachs Keller" habe ich die Sendung genannt, weil es lauter dummes Zeug war, was drinstand, wie Du bemerkt haben wirst.
Den Pestalozzi lese ich jetzt auch mit Interesse. Mich stört das ewige spannende Präsens, obwohl nie etwas Spannendes vorfällt.
Ob Biermann zu meiner Ablehnungetwas gesagt hat? Mein Gott, das ist doch da wie in ganz Leipzig: von einem Interesse für
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| meine Angelegenheiten ist nicht die Rede. Wenn er damals so energisch half, so war das eben eine sichtbare Kalamität. Von irgend einer Form seelischer Gemeinschaft ist nicht die Spur; ich nehme aber, was in dem Verhältnis drinliegt, mit Dank, weil es trotz allem noch das tiefste in Leipzig ist.
Am letzten Donnerstag habe ich von 8-9 gelesen, 9-10 geprüft, 10-11 für den Nachm. vorbereitet, 11-12 geprüft, 2-½ 4 weiter vorbereitet, 4-5 Vorlesung, 5-6 Literatur zur ganzen Vorlesung [über der Zeile] vorgetragen, 6-½ 8 Sprechstunde ½ 9-11 Vorbereitung für den nächsten Tag. Der hatte es dann auch noch in sich. Überall habe ich den Hof erreicht; in der Phil. d. Gesch. allerdings mit Mühe und Not. Die Übungen haben stark gewirkt. Wiederholt wurde mir versichert, es sei "das schönste Semester gewesen." Na ja, ich habe genug von mir selbst dabei zugesetzt.
Am 19. beginnen die Vorträge um 4 in Berlin (bis 6.) Forts. am 26., 5. u. 12.III. am 28.II. in Bremen. Ich denke vom 18. bis
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| 27. in Berlin zu bleiben. Dafür brauche ich nun einen tragbaren leichten Koffer. Und ich möchte Dich fragen, ob Du meinen 1) entbehren kannst 2) ihn per Post vielleicht leer hierherschicken könntest? Andernfalls muß ich für die paar Sachen etwas von Götzes borgen.
Frau Witting hat mir 2 Briefe über D. Th.s Ankunft in P. geschrieben. Auch diese selbst. Hoffentlich ist es das Rechte. Bis jetzt lauten die Nachrichten zufrieden. Über die Stellen in R. Wagners Biographie, die sich auf die Herkunft von Frau W. beziehen, kann ich nichts schreiben; die Sache einmal mündlich. - Das alte Ekel Dr Müller, der 6 Wochen in P. war u. bei Wigger für täglich 28 M wohnte, auch von Frau W. zum Kaffee eingeladen wurde, berichtete mir zum Dank auf offener Postkarte u. persönlich, daß die Verpflegung in der P. Witting nach allgemeinem Urteil erbärmlich sei. Ich habe noch garkeine
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| Reisepläne gemacht; habe aber die Absicht zu fahren und möchte bestimmt, wenn es vernünftig u. möglich ist, auch Cassel bereisen. Doch sei dies gesagt, als ob es nicht gesagt wäre.
Eine Cigarre, knapp so lang wie die Briefseite breit, u. dünn u. schlecht kostet 30 Pf. Das sind auch Zeichen der Zeit. Alkohol bekomme ich fast garnicht mehr. Damit mag meine extreme Erschöpfung zusammenhängen. Denn ich war sonst dran gewöhnt.
Am Sonnabend habe ich zum ersten Mal bei einer Habilitation aktiv mitgewirkt. Bücher hingegen scheint die Absicht zu haben, zu sterben.
Muthesius hat sich gewiß über die Bilder gefreut u. nach Deiner Adresse gefragt. Ich habe ihm noch nicht geschrieben. Er will wieder einen Artikel haben. Ich bin immer nur
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| da, um nach der Bestellung der andern zu schreiben. Von Berlin seit dem Antwortschreiben des Ministers, das ich wohl schon erwähnte, nichts.
Ludwig hofft hierher kommen zu können auf der Reise nach Berlin. Reumuth u. Richter sind beide da. Den Famulus Krönke werde ich nun hoffentlich los. Dumm 6 Schichten stark, und auf dem Boden ein Satz von Bösartigkeit.
Aus Deinen Bemerkungen über "das Leben als Ganzes" entnehme ich als Resultat, daß Du es auch nicht als ganz gegeben annimmst, wie es ja selbstverständlich ist, wenn man unter dem Leben nicht nur den individuellen Erlebniszusammenhang versteht.
Für Tieferes fehlt mir heute der Kopf. Du mußt Nachsicht haben. Die Ferien sind ja auch nur Scheinmanöver - 3 Examina mit 3 Arbeiten u. eine Fülle anderer Dinge
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| liegen schon fest. Mein Puls war morgens wieder 52. Fieber ist nie. Im übrigen untersuche ich mich natürlich ebenso ununterbrochen auf Schwindsucht, wie früher auf Nerven oder Blinddarm.
Hast Du denn von Nieschling auch nichts gehört? Es ist doch fast merkwürdig. Allerdings scheint im Westen etwas nahe bevorzustehen. Unsre Frontreden sind alle telegraphisch abbestellt.
Ein andermal vernünftiger. Heute nur die innigsten Grüße und Wünsche von Deinem
Eduard.