Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Februar 1918 (Leipzig, Postkarte)


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11.II.18. Liebste Freundin! Die Haut, in der ich die letzte Woche gesteckt habe, war entschieden trotz des Ledermangels keinen Schuß Pulver wert. Die "Empfindungen links" steigerten sich zeitweise zu heftigen Schmerzen und breiteten sich über die ganze linke Seite, incl. Herzgegend aus. Dabei das Wunderbare, daß sie überhaupt nicht da sind, wenn ich in Gesellschaft bin, oder wenn ich liege. Also die richtige Hysterie. Die Folge war, daß ich auf den lumpigen Aufsatz, der 3 Stunden kosten sollte,
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| die ganze Woche verwenden mußte: ich habe ihn 3 mal neu formuliert u. das Ergebnis ist im ganzen nicht mehr als "eben genügend". Du kannst Dir denken, wie ich dadurch mit meiner Zeit in Not geraten bin, zumal ich abends jetzt grundsätzlich keine Feder anrühre, sondern nur Romanhaftes lese. Für diese Woche ist so viel angesetzt, die Leute wollen wieder so viel von mir, daß ich mit Wut bis oben hin voll bin. Heut in 8 Tagen geht es nach Ch. Vielleicht wird das Befinden dort besser. Aber "Audienzen" sind wohl schon 10 zugesagt. Gestern nach Bierns war ich bei Rohns, wo auch Günthers waren. - Die <ein Wort unleserlich> hast Du anscheinend recht zur Unzeit verkauft; wie alle spekulierenden Damen. Sie werden jetzt maßlos steigen. Was die russische Demokratie betrifft, so ist sie als Produkt durchaus ungesunder staatl. Entw. nicht als typisch zu betrachten. - Viele herzliche Grüße an die liebe Tante u. Dich. Ich hoffe, diese Woche doch einen Brief zustande zu bringen. Herzlichsten Dank für den Deinen u. alles Liebe von Deinem Eduard.
[li. Rand] Ein Dresdner Geheimrat fängt an, in Enthusiasmus über m. Seminarübungen zu geraten.