Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Februar 1918 (Leipzig)


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Leipzig, den 15. Februar 1918. 11½ nachts.
Liebste Freundin!
Sie irren sehr, wenn Sie glauben, daß der Volkelt-Aufsatz schon fertig war. Ich habe nur ein kleines Parergon für die Preußische Fortbildungsschullehrerzeitung gemeint, das mir so viel Mühe gemacht hat. Der andre Aufsatz ist beinahe fertig, aber eben doch noch nicht ganz, und er wird mich bis zum 15.III. mit den nötigen Unterbrechungen beschäftigen.
Schmerzen scheinen an der Tagesordnung zu sein. Es tut mir sehr, sehr leid, daß Du sowohl von Deiner Hinfälligkeit wie von Deinem üppigen Leben zu leiden hast. Mir hat Kampferspiritus etwas geholfen. Franzbranntwein zog nicht mehr. Es kam dann eine Langsamkeit des Pulses hinzu, die offenbar mit dem Südwind zusammenhing: morgens 50, abends 58 bei 36,5 Temperatur (Achsel.) Alles ist mit dem kälteren Wetter sofort wesentlich besser geworden. Ich habe relativ gefeiert und dabei erst empfunden, wie ich mich mit dieser Frohn- und Terminarbeit menschlich schädige.
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Frau Witting schreibt sehr ausführlich über D. Th. Die Verpflegung in Kainzenbad-<Ort unleserlich> ist danach noch schlechter als ihr Ruf, das Zimmer, die Gesellschaft sehr übel. Die Stimmung der Patienten und das Allgemeinbefinden dabei gut. Frau W. sorgt auch mit Lebensmitteln für sie; ich habe ein paar Bücher geschickt. Frau W. findet D. Th. intelligent, lieb, symphatisch und alles, kommt ihr aber menschlich nicht näher. Vor allem findet sie, daß sie keine Ahnung hat, wer ich bin, d. h. nicht der Professor Sp. und das stimmt eigentlich mit meinen Beobachtungen. Es ist aber auch wieder gut, daß D. Th. eine gewisse Seite der Sensibilität nicht besitzt; sie würde sonst über diese Zeit nicht hinwegkommen. Es ist in ihr etwas, das ich Wandervogelnatur nennen möchte.
Den Aufsatz von Arnold Ruge habe ich durchflogen. Üble Professorenmanier; immer lehrhaft, immer kritisch. Und was leistet er für diese Zeit? <unleserlicher Name> hat mir alle "Webers" geschickt. Auch daran habe ich nicht viel Freude. Götz und die andern Historiker liegen sich hier in politicis so in den Haaren, wie es kaum mit Lamprecht der Fall war. Es ist kurz vor dem Prozeß.
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Morgner sieht immer noch nicht blühend aus. Heut vor 8 Tagen habe ich ihm und dem Famulus a. D. Richter, der in Freiburg beim Flak ist, ein kleines Abendessen mit Wein (!) im Bayrischen Bhf gegeben, das mir wenig bekommen ist. Sonntag war ich bei Rohns.
Ich muß jetzt an die Vorträge denken. Nach allen Nachrichten erwartet man mich mindestens in Berlin mit der äußersten Spannung. Zahllose Menschen haben bereits um "Audienzen" gebeten. Im Ministerium muß ich fast bei jeder Tür in Geschäften einkehren. Wohnen kann ich in der Pestalozzistr. Essen muß ich im Gasthaus. Ich bekomme aber gerade jetzt so bodenlos viel geschenkt, daß es fast an Belästigung grenzt. Butter und Eier habe ich in Fülle. Einen Teil lasse ich nach Berlin senden. Der Koffer ist noch nicht da. Für den Schlüssel herzlichen Dank.
Über mein Kommen laß mich nichts Bestimmtes versprechen. Es muß genügen, daß es, wenn es möglich ist, zwischen dem 15.III u. dem 20.IV ist. Aber ich bin nicht frisch genug, um heute schon mit Entschiedenheit etwas zu wollen.
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Nach den Stenogrammen habe ich in der sächsischen Kammer eine erhebliche Rolle gespielt. Ein Konservativer will alle Leipziger Institute zu einem Päd. Generalinstitut unter "Führung unsres hervorragenden Vertreters der Pädagogik an der Universität L." vereinigen. Nicht übel, die Leipziger Lehrerzeitung druckt:" unter Führung unsrer hervorragenden Vertreter an d. Un. L." und denkt dabei an Brahn. Le mensonge dans la politique! Corriger la fortune. Aber die Herren Lehrer nehmen sich selbst das Beste, was sie an mir haben können. So will die Comenius-Bibliothek, ein Unternehmen des L.L.V., ein Gutachten von mir für die Regierung über ihre Güte. Aber von meinen Schriften kaufen sie nichts!
Bei Riehls sind alle 3 Frauen, besonders Adelheid, krank. Weshalb ein Gruß von Dir Frau Riehl behelligen sollte, ist mir unklar.
Diese Handschrift ist nicht nur Resultat meiner Müdigkeit. Frau Direktor hat, in der Einsicht, daß mir der Alkohol fehlt, eine Flasche Johannisbeerwein besorgt. Er hat mich besoffen gemacht. Daher Schluß. Im ganzen geht es doch aufwärts. Ich hoffe auch mit Dir! Viel Freude hatte ich am philos. Examen einer Urenkelin von Süvern. Überhaupt fühle ich im Moment eine starke Welle akademischer Symphatie. Ich bin ja hier der einzige Philosoph.
<li. Rand.>
In herzlicher Liebe grüßt Dich Dein Eduard