Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1918 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 23.II.18.
Liebste Freundin!
Ich hoffe von der Kaiserlichen Post, daß sie noch Kraft genug besitzt, um Dir diesen Brief am 25. morgens zu bringen, damit er Dir sehr viel Liebes sagt. Mit welchen Wünschen ich Deiner gedenke, dies auszuführen ist kaum nötig, und auch nicht möglich, da wir dem Schicksal nichts abringen, es sei denn in unsrem Innern. Deshalb ist das erste der Sonnenschein in uns, ein Feuer, das täglich schwer zu hüten ist, das wir aber um so mehr hüten müssen, als es draußen damit nach wie vor schlecht bestellt ist. Wir wollen wie stets zusammenhalten und das Kommende gemeinsam tragen. Auch Gesundheit wünsche ich Dir
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| dazu, und sie hängt wieder nicht wenig von den gefüllten Tellern und Schüsseln ab, die hier recht fehlen.
Von Leipzig erhältst Du nach alter, fast eintöniger Gewohnheit ein Buch; ich glaube gewiß zu sein, daß es Dich interessieren wird, und bitte Dich nur, auf Grund der augenblicklichen Verhältnisse zu verzeihen, daß keine Widmung drin steht. Diese Tatsache soll mir ein Ansporn sein, recht lebhaft darauf zu sinnen, daß ich sie bald selbst einschreiben kann.
Mein Brief über Berlin muß sich auf Stichworte beschränken, da sich die "Ereignisse" gleichsam drängen. Bis zum 19. mittags bist Du orientiert. Der Besuch des Vortrags überstieg in der Tat nicht 100, doch war ich getröstet, als ich in der ersten Reihe Kerschensteiners weißen Kopf sah und bald darauf in der 2. Riehl, Frau Riehl und Adelheid. Außerdem manche
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| Honoratioren, aber auch Tuchels, Marg. Thümmel, Marg. Borries, die Schwester von Lisa, deren liebliches Zuhörergesicht sehr wohltuend war. Ich sprach 1 Stunden 25 Min. ohne Pause, und es gelang mir (auch nach fremdem Urteil) gut. Nach dem Vortrag eilte Kersch. nach Hause, weil er Fieber hatte; ich drückte nur meinem Schulkameraden Hilgenberg die Hand und blieb dann allein, weil niemand annahm, daß ich für ihn Zeit hätte. Abends war ich bei Riehls, wie überhaupt die ersten 3 Tage fast ganz. Denn zu Hause war es nach dem ersten Zwischenfall für mich fast unerträglich, und erst jetzt hat sich ein einigermaßen normales Verhältnis gebildet.
Mittwoch Nachm. besuchte ich Kersch. in Grunewald vergeblich. Von dort ging ich bei scharfer Kälte nach Steglitz, traf aber Frau Paulsen nicht. Donnerstag Nachm. war ich bei Knauers. Er sehr leidend, sie äußerlich unverändert. Er gibt Ostern die Schule auf, um sich zu schonen. Hörte viel Interessantes
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| über Berliner Schulverhältnisse. Ein Teil der Schülerinnen kommt nach "Sophien" zu Buchenau. Beim Abschied am Alexanderplatz flog mir mein neuer Hut für 15 M in den Dreck.
Gestern früh um 10 erschien hier Kerschensteiner und war sehr nett. Wir fuhren in die Stadt, er in den Reichstag, ich ins Ministerium. Dort besuchte ich 1) Frl. Sprengel (Frauenschulen) 2 Otto Braun (Hilfsarbeiter für die Interniertenkurse in der Schweiz; in Davos oder St. Gallen zu sprechen, habe ich zunächst abgelehnt.) 3) Becker (Universitäten) Mit diesem war es sehr politisch u. interessant. Doch kann ich schriftlich darüber nichts sagen. Am 4. März werde ich mit ihm in der "Deutschen Gesellschaft" essen. Beim Minister, der im Landtag sehr zu tun hat, habe ich nur meine Ankunft angezeigt. Um 2 holte ich Kerschensteiner im Reichstagsgebäude ab. Wir aßen im schwarzen Ferkel, jeder 13 M mit Kaffee, und gingen hungrig fort. Dann
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|war ich wieder bei Riehls.
Nebenher läuft natürlich viel Korrespondenz, und ich weiß gar nicht, wann ich die Vorträge fertig machen soll. Es ist ein Schimmer von Hoffnung, Oesterreich nach Dresden zu bringen, wenn er nur ein besserer Redner wäre. Greifswald für Biermann unentschieden u. unsicher. Die Angelegenheit v. Frl. Wezel habe ich auch im Ministerium geklärt.
Das Wetter war meist sehr ungünstig. In den Wohnungen 10-12° R. Berlin zeigt alle Spuren von Verfall und Not. Heinrich Scholz u. Jaeger haben, wie ich höre, finanziell recht große Sorgen. Ich begreife es. Denn man gibt märchenhaft viel aus.
Alle Philosophie bleibt hier natürlich dahinten. Der Volkeltaufsatz ist kurz vor Schluß stecken geblieben. - Frau Riehl fragt wie immer sehr herzlich nach Dir und wird Dir bald schreiben.
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| Das sind die wesentlichsten äußeren Tatsachen.
Wie gern führe ich einmal nach Rhönhausen. Aber das Wetter ist gar nicht danach, und Zeit fehlt auch. War ich doch noch nicht einmal bei meinem Onkel. Dafür habe ich der Tante Imhülsen in Berlin 00. zum 75. Geburtstag persönlich gratuliert.
Man fühlt hier die stärkere politische Luft. Man ist auch zu Plänen und Organisationen angeregter. Aber betrübend war, was K. gestern aus dem Reichstag mitbrachte: daß wir in den letzten Monaten mehr Uboote verloren haben, als wir bauen.
Wie wirst Du nun Deinen Geburtstag verleben? Ohne eine Flasche Wein! Da hast Du es bei mir besser gehabt. Aber auch damit ist es hier aus. Hoffentlich in guter Stimmung und in Zuversicht. Ich werde
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| sehr an Dich denken am Montag und wünsche Dir einen erfreulichen Tag!
Das habe ich noch vergessen, daß der sächs. Min. mir seine Absicht mitgeteilt hat, auf Grund meines Semesterberichtes im Frieden 15-20 Kandidaten jährlich zum Studium bei mir zu beurlauben.
Lebe wohl und sei mit der lieben Tante innigst gegrüßt von Deinem
in Liebe an Dich denkenden
Eduard.