Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. März 1918 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 6. März 1918.
Liebste Freundin!
Eigentlich wollte ich heute Nachmittag meinen Onkel besuchen und dann um 8 den Vortrag von Lenz im Zentralinstitut hören. Da ich aber - ohne sonstige Spuren von Mißbefinden - vormittags etwas schwindlig war und mich überanstrengt fühle, habe ich das Programm abgeändert und bin um 8 nach Hause gekommen, um gegen 9 mein Privatgemach aufzusuchen. Dies zur Erklärung für den Inhalt des folgenden, das zwar nicht "Schwindel" ist, aber vielleicht etwas dürftig.
Der Inhalt dieser Tage hat freilich nicht zu wünschen übrig gelassen. Am Sonntag war ich von 1 Uhr an bei Riehls; nachmittags fuhr ich nach Dahlem zu einer Frau v. Schnitzler, Freundin von Frau Witting, Mutter zweier Freunde von Felizitas - Konvenienzbesuch. Abends dann wieder bei Riehls. Montag Vormittag habe ich mich erst vorbereitet. Dann fuhr ich ins Ministerium
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| zu einer Besuchstournee. Zuerst suchte ich (unter geschäftlichen Vorwänden) die beiden Herren aus der Volksschulabteilung (U III) auf, die laut vertraulicher Mitteilung gegen meine Berufung gewesen waren, die G.O.R.R. Hinze und Schwartz. Beide sehr liebenswürdig - ich beobachtete und bildete mir mein Urteil. Reinhardt, jetzt "Wirklicher" G.O.R. traf ich nicht; ich wollte ihm danken für den Brief, den ich Dir beilege. Er ist eine ehrliche Haut und- die andern sind noch schlechter. Dann flanierte ich von 1-2 Linden, Passage, Friedrichstr, schrieb auf der Post 3 Briefe und ging um 2 wieder aufs Ministerium, um Bercker (Universitätspersonalreferent) für das verabredete Diner abzuholen. Er führte mich in die Deutsche Gesellschaft (einem vornehmen Klub in der Wilhelmstr), wo man für 6,50 M sehr preiswert ißt. Wie erwartet, ließ er mich reden und sondierte: ich habe mein System nicht verschwiegen, weil so etwas keinen Sinn hat; aber im Persönlichen war ich sehr vorsichtig. Beim Tee unten entdeckten wir manche hervorragende Persönlichkeit; besonders
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| denjenigen Philosophen, der mich jetzt am meisten interessiert, Max Scheler. Nachdem Becker fortgegangen war, sprach ich mit diesem noch ¾ Stunden sehr anregend. Dann fuhr ich zu Riehls, philosophierte mit ihm, und nach dem Abendessen fuhr ich mit ihm in die Stadt zum "Vortragsabend", zu dem der Minister und Frau Dr. Schmidt eingeladen hatten. Großer Empfang. 270 Herren. Staatsministerium (u. a. Payer), Reichstag, Abgeordhaus, Kunst, Schule, Kirche - allerhand u. sehr wenig Bekannte. Vor dem Vortrag - ½ Stunde über Stickstoff - sprach ich nur Wilamowitz. Nachher erhielt ich vom Herrn v. Gleihen Aufforderung, zu Pfingsten neben den Unterstaatssekretären bei einer kulturpolit. Kundgebung zu reden. Sehr bald kam der Minister zu mir - legte Riehl in wenig zarter Weise nahe, daß ich sein geeigneter Nachfolger wäre - schleifte mich dann zu einem Buffet, stellte mich unterwegs 2 Gymnasialdirektoren (die es für zweckmäßig hielten, Bekanntschaft mit mir zu heucheln) und Exc. Dryander vor, und verabredete Audienz Mittwoch 10 Uhr. Zuletzt sprach ich in wachsender Verständigung
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| mit Hinze und Schwarz, auch Reinhard. Grüßte Harnack. Um ½ 12 zu hause, um ½ 1 im Bett.
Dienstag Vorm. Vorbereitung auf den 3. Zentralinstitutsabend. Um 12 Empfang eines mit der Habilitation in Leipzig drohenden ungeeigneten Bewerbers. 1 Uhr Mittag bei Koch. - Die beiden Vorträge gelangen mir ausgezeichnet. Knauer u. Frau waren anwesend, Kerschenst. in München. Treulich wieder 3 Riehls. Neu vorgestellt wurde mir der Ministerialdirektor v. Seefeld aus dem Handelsministerium, der mit dem Geheimrat Kühne aus dem gleichen Ressort zu den regelmäßigen Zuhörern gehört. (Fortbildungsschulen!) Nachdem ich noch die Kindergartenheroine Gertr. Pappenheim begrüßt hatte, arbeitete ich mich zu Elisabeth und Margareta Borries hindurch, über deren liebliche Gestalten ich vom ersten Tage Freude gehabt hatte. Ich verschleppte sie zu Telschow und hatte mit ihnen 1 Stunde reiner Seligkeit. Beide, äußerlich sehr ungleich, sind bezaubernd herangeblüht und taten mir auch durch ihr sicheres, ruhiges, herzliches Wesen sehr wohl. Lisa hat bei der ZEG monatlich 300 M. Marg. hat ihr Lehrerinnenexamen gemacht. Wir sprachen
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| viel von alten Zeiten, von Frl. Thümmel, und es war sehr schön. Dann zu Riehls, wo noch ein andrer Besuch war. Um ½ 12 im Bett.
Heute um 10 beim Minister. Ich wurde zu einer internen Beratung (mit geheimen Gegenstand) hinzugezogen, neben den Räten Reinhard, Hinze, Pallat. Die Sache lag mir, ohne Vorbereitung, ausgezeichnet. Exc. ist seit den letzten 3 Monaten sichtbar gewachsen und erfaßt die Sachen klar und energisch. (Die fatale Art dieses Kreises, immer 3 Themata zugleich zu behandeln, blieb freilich auch diesmal.) Aus U III kam der Widerstand, der nicht nur persönlich, sondern System ist, subaltern und reaktionär. Ich paßte wie ein Schießhund auf und ritt bei gegebener Gelegenheit die erste große Attacke. "Die unhistorische Denkweise der Volksschullehrer wird nachgerade zu einer Landesgefahr." Exc. horchte auf, Hinze bestritt alles. Die Schranke ist gefallen, der Minister ist auf diesen wichtigsten Punkt aufmerksam geworden und wird ihn verfolgen. An meiner Stelle kommen 2 Hilfsarbeiter, der eine davon wird der richtige Mann werden (NB. glänzende Karriere.) Es war noch von Einzelheiten die Rede. Der Kurs ist gut.
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| Meine Denkschrift wird gedruckt.
Nach dieser Unterredung wurde mir etwas schlapp, wie schon berichtet. Ich habe seit heute beschlossen, nicht nach L. zu fahren, weil die Messe so ungeheuer besucht sein soll, daß ich am Montag schwer zurückkäme. Bis zum 13.III. mindestens bleibe ich also hier.
Danach tendiere ich auf 1 Woche nach Leipzig, und möchte - unbestimmt in welcher Reihenfolge und ohne feste Zusage - Cassel, Partenkirchen, Weimar aufsuchen. Vor den Preisen der Reise graut mir etwas. Aber reisen werde ich wohl müssen.
Daß der Onkel Euch wieder verläßt, ist recht traurig für Euch, für die Tante, aber auch für Dich. Deine Isolierung ist und bleibt eine wirkliche Schädigung Deines Lebens. Die paar Tage in Cassel würden sehr beschränkt werden, wenn Du nicht Urlaub hast. Ich darf natürlich nicht zur Fahnenflucht raten. Indessen - -
Die Regelung im Osten ist ein weltgeschichtlicher Erfolg von beispielloser Größe. Wären wir nicht so müde, würden wir stärker fühlen, daß wir etwas Unmögliches wirklich gesehen haben. Leider aber werden unsre Nachkommen erst wieder so frisch sein, um sich an dem Erfolg zu freuen. Wir sind etwas ausgepumpt. - Dies mein Bericht. Ich habe Sehnsucht, von Dir zu hören. Meine beiden Karten aus der <re. Rand> Zwischenzeit wirst Du erhalten haben. Viel herzliche Grüße Euch beiden Dein Eduard.

[re. Rand S. 1] Graf Yorck wünscht von mir Durchsicht des von Mulert fertig gestellten Schleiermacher.
[li. Rand S. 1] Vertretung v. Elsenhans - Dresden angeboten - abgelehnt.