Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. April 1918 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 1. April 1918.
Liebste Freundin!
Aus Deinem lieben Brief ersehe ich mit Betrübnis, daß Du Dir sehr viele Sorgen um mich gemacht hast und gleich nach meiner Abreise einem Pessimismus verfallen bist, zu dem m. E. kein objektiver Anlaß vorliegt. Ich schreibe diese Zeilen (nach Cassel, da ich die Frankfurter Adresse absolut verschwitzt habe) schon wieder auf dem sonnigen Balkon und bin im alten Partenkirchner Leben drin. Die Nacht zum Sonnabend blieb ich im Bahnhofhôtel, für recht teures Geld; um 10 war ich hier im Hause und erschien sehr unerwartet. Frau Witting hatte viel zu erzählen, Felizitas behandelt mich - unverändert - wie eine große Puppe, und der arme Anderl liegt mit einer Lungenentzündung im Bett. Gestern Nachm. war ich auch zum 1. Mal bei Frl. Th.
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| Die in den Briefen und in Frau Wittings Schilderungen zu tage tretende Zuversicht ist, wie ich vermutete, in Wahrheit doch mehr tapferes Zusammenbeißen der Zähne. In 5 Monaten frühestens zum 1. Mal aufstehen! Bis dahin allerhand quälende Behandlungen, schlechter Wohnraum, mangelhafte Schwester u. sonst genug Mängel. Die große Neuigkeit aber war, daß Willy Böhm sich (mit einer seiner Lehrerinnen) verlobt hat. Er hat es mir nicht mitgeteilt. Da gleichzeitig die Knauersche schule als Privatschule aufgehört hat zu existieren, so ist also meine Beziehung zu beiden Anstalten endgiltig gelöst und ein Stück Vergangenheit mehr begraben.
Ich esse des Abends mit Frau Witting und Felizitas und genieße eine Fülle von freundschaftlichen Vergünstigungen. Die Preise hier sind abnorm gestiegen. Z. B. dieser Briefbogen mit Kouvert - von mangelhaftester Sorte - kostet 10 Pf. Von Frau Riehl fand ich 2 Briefe, die sie leider wieder in sehr erregter, etwas fieberhafter Stimmung zeigen. Sie macht mir Vorwürfe, daß ich in den Ostertrubel
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| hinein gereist bin. Troeltsch bittet mich, über ein andres Thema zu reden (der Minister schreibt mir seine völlige Billigung meiner Gründe); aber ich habe ihn gefragt, ob denn durchaus geredet werden muß.
Die Odyssee war ja nicht stärkend, aber interessant. Wie viele Truppen nach Lothringen unterwegs! Mir war das Liebste daran, daß wir wieder einmal in Heidelberg zusammen sein konnten, wo wir doch eigentlich wurzeln. Ich nehme dies (und auch meine Fahrt bis 1 Stunde vor den Bodensee) als ein gutes Omen, daß all die fremden Quellen, die auch in unser Leben hineingegriffen haben, nun einmal zurücktreten werden. Das "Klima" war eben Jahrelang nicht günstig für uns. Diesem Frühling aber glaube ich anzusehen, daß er wieder alles heilen wird. Unsre Tage in Cassel und in Heidelberg waren für mich beglückend schön, und ich wünschte, daß sie auch in Dir einen Ton der Gewißheit zurückließen.
Von meinem Vater fand ich hier einen Brief;
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| er hat sich einen Tag nicht ganz wohlgefühlt. Die heutige Post war ein ganzer Berg. Darunter übrigens auch die Mitteilung des Eisenbahnverkehrsamtes, daß mir die 3 M auf der Bonner Reise zu Unrecht abgenommen worden sind. Dies also die Auskunft der 4. Instanz!!
Es ist hier fast unangenehm warm. Heute Nachmittag will ich wieder ins Sonnenheil. Steigen will ich nicht. Hingegen beginnen die "Aufstieg"gedanken mich immer stärker zu fesseln. Hoffentlich kann ich sie bald fixieren, wenn ich - Papier bekomme. Auch dieser Brief wird aus Papiernot nur kurz; sonst müßte ich ja noch einen Sechser an Dich wenden. Ich hoffe aber von Deiner Reise Gutes zu hören und bitte Dich, der lieben Tante noch einmal zu sagen, wie glücklich ich in ihrem Heim und unter ihrer gütigen Fürsorge gewesen bin. Steige nicht gleich wieder zu scharf in die Arbeit: ich liebe die Bazillen garnicht, zumal nach den Eindrücken des Sonnenheils. Viel liebe herzliche Grüße in täglichem Gedenken
Dein
Eduard.