Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. April 1918 (Partenkirchen)


[1]
|
Partenkirchen, den 7. April 1918.
Liebste Freundin!
Deine beiden Briefe und die Karte aus der Bahn habe ich erhalten. Du bist nun wieder daheim und hast hoffentlich die liebe Tante gesund angetroffen. Den Scheusälern auf dem Möncheberg wird ja nichts passiert sein. Du sitzest also wieder beim Schneiden und Färben und Braten, und die kurze Osterfreude ist mal wieder vorüber.
Den Unternehmungsgeist der Familie Knaps finde ich großartig. Ich halte aber den Gedanken für ganz gut, d. h. für sie. Ob es für Dich später angenehm ist, den "Vorstand" so nahe zu haben, ist mir die Frage.*) [re. Rand] *) Der Name Stephani unten wird auch mir fehlen.
Heut ist zum ersten Mal ein külhler Tag mit echtem Aprilwetter. Mein Befinden folgt dem Barometer und ist im Moment nicht üppig. Aber die relative Stille muß ja doch günstig wirken. Ich habe den Artikels für den Kunstwart über den Aufstieg mit 21 Seiten
[2]
| vollendet und abgesandt. Einmal habe ich auch mit Frau Witting bei wunderbarstem Wetter und Licht einen Weg gemacht, der etwa 400 m in die Höhe führte und 3 Stunden dauerte. Doch soll das die Ausnahme bleiben. Jetzt lese ich etwas Werttheorie und erledige die Post, die sich in erträglichen Grenzen hält.
Jeden 2. Tag gehe ich zu Dora Thümmel. Die Ordnung im Hause ist miserabel. Ein übler Geruch von gebratenem Menschenfleisch, Farbe und Küche erschwert den Aufenthalt. Das "Zimmer" (mit 2 Betten) ist eigentlich eine Dachkammer der unhygienischten Art. Die Qualität der Schwestern erstreckt sich von einer minderwärtigen, die ich kennen lernte, nach unten. Die Tragik des Schicksals, nach 5 Monaten Liegen noch weitere 5 Monate vor sich zu haben, bis an ein Aufstehen zu denken ist, wird durch alles dies nicht gerade erleichtert. Frau Witting hat sehr viel getan, so z. B. einen Tisch machen lassen, der mit 4 Rädern auf den Bettstangen läuft. Auch Lebensmittel schleppt sie immer hinzu, was sehr nötig ist. Die Stimmung der Kranken ist relativ gut; doch ging aus ernsten Gesprächen, die wir das letzte
[3]
| Mal hatten, hervor, daß sie nicht bloß Temperament, sondern auch tapfere und bewußte Fassung ist.
Riehl fährt am 27.IV. zu Vorträgen nach Riga und Dorpat. Vorher aber soll die Zusammenkunft in Weimar stattfinden. Es ist also geplant, daß ich bis zum 18.IV hierbleibe und am 20.IV. in Weimar bin. Am 25. geht es nach Leipzig. Dort ist am 29. gemäß heut erhaltener Einladung die militärische Untersuchung.
Was ich verhüten wollte, ist doch geschehen: Agnes B. hat es nicht verstanden, einen Brief, den sie nicht beantworten konnte, unbeantwortet zu lassen, sondern hat mir das beiliegende läppische Zeug geschickt. Auch von Oesterreich und von Troeltsch lege ich eine Nachricht bei. Der letztere hat einen Artikel in den M.N.N., der zwar etwas mehr Energie zeigt, als seine Karte, aber sehr unbefriedigt läßt.
Von Frau Witting erwerbe ich ein paar fast neue Stiefel, die Hans nicht mehr passen, mir aber wie angegossen sitzen, zum Friedenspreise. Anderl liegt noch im Bett. Felizitas zeigt neben ihrem alten Kraftmenschentum gelegentlich kleine Blitze von geistigem Fortschritt. Die Abende, denen ich streng ½ 11
[4]
| ein Ende mache, gehören dem Gespräch oder der Musik. Übrigens habe ich Zeichnungen von Frau W. gesehen, die ein ganz ungewöhnliches technisches Können verraten.
Meine Neuralgien sind seit gestern wieder in bester Blüte. Sie waren nur totgesagt. Die Verpflegung ist infolge der freundschaftlichen Bevorzugung sehr reichlich; auch die Preise sind für mich erheblich herabgesetzt. Trotzdem stellt sich der Aufenthalt hier so hoch, daß er eben nur für kurze Zeit und bei ausnahmsweisen Ferienbewilligungen möglich ist. Denn ich leiste mir jeden Abend eine halbe Flasche Wein!
Frl. Th. schien gern eine Zeile von Dir zu haben. Sie hat Dir zu Weihnachten geschrieben. Ich glaube, wir haben darauf gemeinsam mit einer Karte aus Halle reagiert. Der kl. Scholz mit Frau schreibt aus der Schweiz. Aus Oesterreich erhalte ich einen in Gegenwart des früheren Unterrichtsministers gehaltenen Vortrag über die Epochen der staatsbürgerl. Erz. in Oe, der durch einen gleichnamigen Vortrag über preuß. Verhältnisse von mir angeregt worden ist. Und aus einem Saarwinkel kam ein 12 Seiten langer Bekenntnisbrief. - Mehr weiß ich nicht von meinem stillen Bergleben zu erzählen. Ich gedenke täglich unsres glücklichen Zusammenseins und grüße Dich wie die liebe Tante innig und dankbar Dein Eduard.