Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. April 1918 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 17. April 1918.
Liebste Freundin!
Deine lieben Nachrichten umfaßten eine Fülle von Schicksalen: Frau Stephani, Frau Weise, Frl . Bell - ich habe an allem Anteil genommen, ohne daß ich jetzt im einzelnen darauf eingehe. Deine Arbeitsgesellschaft wird also vom 1. Mai an eine ganz andre sein; hoffentlich kommt eine Verbesserung für den persönlichen Verkehr dabei heraus. Dein Professor scheint ein alter Ekel sein zu können; aber die <unleserliches Wort> war für mich von vornherein - Frau Eggenstein! Ob Anderls Lungenentzündung ansteckend ist, weiß ich nicht. Sie war schon vorbei, doch sind wieder kleine Fieberrückfälle aufgetreten. Der arme Kerl liegt jetzt 3 Wochen! Und Oesterreich ist in Berlin. Seine Mutter leidet an verschleppter Rippenfell- u. Lungenentzündung (ca 72!!); doch hoffen 2 Ärzte, sie durchbringen zu können. Er schreibt mir jetzt alle 3 Tage. Die Dresdner Sache ist noch unentschieden. Es scheint, daß Cassirer gewisse
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| Chancen hat; doch möchte ich alles in allem Oest.s Aussichten noch nicht ungünstig nennen. Leider werde ich garnicht mehr gefragt. - Nieschling hat auch geschrieben und läßt Dich grüßen.
Mein schönes und gleichförmiges Leben hier geht übermorgen zu Ende. Es war in der Tat eine ungewöhnlich von den Umständen begünstigte Zeit: gutes Wetter (das mich oft an unsern Reichenaufrühling 1914 erinnerte), wenig Arbeit, keine störende Gesellschaft. Ich habe nur etwas Werttheorie gearbeitet, L. Adultera gelesen u. die Korrekturen des Volkelt-Aufsatzes begonnen. Trotzdem steht das subjektive Befinden zu diesen äußeren Bedingungen in keinem Verhältnis. Ich habe wohl etwas zugenommen und bin verbrannt. Aber die Nerven plagen mich hier mehr als z. B. in Cassel. Die Empfindungen links haben zugenommen. Temperatur nachm. bei fiebrigem Empfinden rektal 36,8. Ich weiß nicht, was das Ganze soll. Es ist ja wahr, daß die häufigen Besuche im Sonnenheil meine Aufmerksamkeit in unnötiger Weise nach der Tuberkolseite konzentrieren.
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Auch der übliche Seelendruck hat nicht gefehlt. Mein Vater schrieb wieder voll von Anklagen gegen Paula und von Nöten in finanzieller Hinsicht. Daraufhin habe ich erklärt (postwendend), daß am 1. Oktober der Haushalt aufgelöst werden müsse u. er entweder nach Leipzig übersiedeln oder bei einer Familie Wohnung nehmen müsse. Auch sonst habe ich einige Dinge, die zu den beliebten Scheinwesen gehören, einmal mit dem rechten Namen genannt. Die erste Antwort ging um die wichtigsten Punkte herum; die zweite vom nächsten Tage zeigte wenigstens, daß meine Absicht wohl verstanden war. Ich lasse nun das Ganze absichtlich in der Schwebe. Wir müssen darüber noch beraten; es ist nämlich wirklich nicht möglich, 5500 M jährlich aus dem Gefühl zu geben, daß die leiseste eintretende Komplikation noch weitere Hunderte kosten muß. Immerhin habe ich gelernt, diese Dinge ohne tiefere Gemütserschütterung zu behandeln.
An der "Denkschrift" habe ich noch sorgfältig gefeilt. Sie liegt zur Absendung bereit da, kann aber nicht abgehen - weil Mutter Goetze den ersten Schnupper
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| in ihrer Praxis gemacht hat. Seit dem 5.IV. liegt nämlich in L. ein Wertpacket vom Berliner Ministerium. Sie hat es mir erst am 11. mitgeteilt. Kein Mensch kann wissen, ob nicht Eiliges und Wichtiges drin ist - vielleicht Randnotizen zum Exemplar des Ministers oder dgl. Ich habe um Hersendung gebeten - aber bis heute ist das Ding bei den jetzigen Beförderungsverhältnissen noch nicht da. Und wenn es kommt, ist es vielleicht irgend ein Schmarren. (Bei dieser Gelegenheit bitte ich Dich, das Paket mit den hinterlassenen Sachen vielleicht Anfang nächster Woche abzusenden.)
Elisabeth Lüpke hat mir einen langen Brief voll innerer Nöte geschrieben. Der Großvater u. die 3 Mädchen gehen jetzt auseinander - Gott sei Dank!
Heute ist mir mitgeteilt worden, daß ich in den Vorstand der „Gesellschaft für deutsche Schul- u. Erziehungsgeschichte“ gewählt worden bin. (7 Mitglieder, ich als Nachfolger von Matthias.) Gleichzeitig erhielt ich die Tagesordnung für die Tagung des Deutschen Bundes etc. Da bin ich mal schlau gewesen! Denn von dem versprochenen Glanz ist nichts zu merken. Noch schlauer war ich wohl, als ich nicht am 1. April nach Wien ging. Denn die Dinge liegen
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| dort so, daß ein Patriot heut seine Stellung niederlegen mußte.
Am Freitag hoffe ich Baierl in München zu treffen. Daß Kerschensteiner nach Dorpat u. Riga geht, schrieb ich wohl schon.
Ich liebäugele mit dem Gedanken, mir im Sommer eine "Privatzeit" an 4 Abenden nach dem Abendbrot zu gönnen. Ob es wohl gelingen wird? Wahrscheinlich nicht! Aber das ist sicher, daß ich nicht wieder so viel Kraft in die Vorlesungen hineinstecken darf.
Felizitas ist bisweilen sehr lieb und reizend. Sie hängt auf ihre Art an mir unsäglich. Aber das Problem der "Bildsamkeit" kann ich hier eingehend studieren. Alle drei sind eigentlich nicht bildsam. Sie haben zu viel vom starren Bauernwesen in sich, um von ihren zarteren Gemütsseiten einen erheblichen Gebrauch zu machen. Diese fehlen aber keineswegs.
Ich weiß nicht, ob ich alle Fragen in Deinem lieben Brief geles beantwortet habe. Ich habe ihn
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| oft gelesen - jetzt ist er aber schon verpackt. In dem Aufsatz wirst Du Näheres über das Wie der neuen Einrichtung kaum gefunden haben. Das ist nämlich ganz individuell, für die Baugewerkler anders als für die Maschinenbauer. Hier liegt eine Aufgabe. Die Hauptsache ist, daß man den Ansatzpunkt am Berufsinteresse überhaupt zugebe. Viele tun es nicht, weil ihnen diese reale Welt bei ihrer literarischen Art zu fern liegt. Aber ich predige immer wieder, daß die Gelehrten das neue Deutschland nicht nach sich beurteilen dürfen.
In München werde ich Deiner doppelt gedenken. Unsere kurzen Frühlingstage waren - auch ohne die Reichenau - ein schöner Anfang der schönen Zeit. Möge sie uns nun in den Frieden führen, wie damals in den Krieg. Mir ist so. Und ich bin zuversichtlich im Glauben an Dich, wie ich Deine Treue immer um mich fühle.
Viel Herzliches und Liebes auch an die Tante von Deinem
Eduard.

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Im Augenblick, wie ich den Brief schließen will, kommen Deine lieben Zeilen vom 15.IV. Ich hatte nicht gedacht, daß es mit der Großmutter Knaps so schlimm steht. Gewiß, sie wird fehlen – man nimmt so ungern Abschied von den Gliedern des alten Kreises, zumal jetzt, wo man alles Liebe, wenn möglich, über den Krieg hinwegretten möchte. Auch die andre trübe Nachricht fühle ich mit Dir, ohne den Gefallenen zu kennen. Es bleibt eben
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| der große Abgrund zwischen Einzelleben u. nationaler Selbsterhaltung. Die arme Lili hatte schon mit dem unerfreulichen Lose der Schwester ihr Teil zu tragen. Sage ihr, daß ich herzlich teilnehme.
Das Buch von Naumann schicke bitte mit. Hoffentlich komme ich mal zum Lesen.
Dein Urteil über die Stellung zur Reichstagsresolution scheint mir sehr das Richtige zu treffen. Du bist jetzt mehr in der Politik als ich Landmann. Noch einmal viel Herzliches u. laß Dich nicht wieder <li. Rand> drücken.