Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. April 1918 (Leipzig)


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Leipzig, den 26. April 1918.
Liebste Freundin!
Ich habe heut Vormittag 4 Menschen geprüft und (mit Abstufung) glücklich gemacht. Ich habe Nachmittags in der Sprechstunde 36 Menschen empfangen und daraus einen neuen Famulus gewählt. Ich habe die erstickende Leipziger Luft geatmet und eben noch in Nietzsche gelesen, wie immer anfangs mit dem Reiz des Packenden, Großen, Revolutionären; dann ratlos, unbefriedigt, ermüdend.
Als ich nach Hause kam, fand ich Dein Packet. Die Wäsche habe ich kaum angesehen, um mich auf Brief und Bild zu stürzen. Und beides hat mich so glücklich gemacht, daß ich gleich schreibe. Die lieben Heidelberger Erinnerungen - ewige Gegenwart! Habe ich nicht auf dem Bild eine Jugendlichkeit, an die ich kaum noch glaubte? Es ist die Wirkung der heimatlichen Luft: doppelt heimatlich - mit Dir in Heidelberg.
Meine Wege sind schwer. Ich möchte mich einmal bis in die Tiefe aussprechen können. Aber
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| das geht ja nicht in Briefen, vielleicht nicht in Worten. Eigentlich bin ich in einer großen inneren Verwirrung aus Weimar gekommen. Es war echte Liebe, die mich umgab. Der immer gleiche Vater Riehl - morgen wird er 74 - bei aller Frische der Teilnahme an mir und der Welt stark alternd: ich konnte nicht eigentlich mit ihm "philosophieren". Mutter Sofie Riehl angegriffen durch Zahnschmerzen. Der Tag zerissen, unbestimmt. Gespräche von einer Intensität, die mich aufrieb - Analysen, denen gegenüber ich versage. Der Mensch ist ein großes Rätsel. Ich durchschaue ihn nur von Seiten, die mir "liegen". Wie ist es möglich: diese Überlegenheit und diese innere Labilität? Ich fand kein Ausruhen. Bisweilen ein Blick für das Reale, ein Blick in die Seele, der staunen macht. Dann ein Verschlossensein für nächste Wirklichkeiten, das alles irreal macht.
Wohin treibe ich, habe ich mich fragen müssen. Seit kurzem erscheint mir die Grundkraft meiner Seele, dieses Heranziehen von Menschen und Hingeben an Menschen fast wie ein Verhängnis. Denn es ist kaum einer, der, nachdem man das Beste, Wahrste gegeben
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| hat, nicht darüber hinaus das Unmögliche verlangte. Das macht müde und wirft in sich zurück. Ob Du mich verstehst? Ich rede in Andeutungen, ich muß es, weil eigentlich ja nichts in mir geschehen ist, als daß ein Auge in mir aufgegangen ist.
Die Möglichkeiten des Menschen sind zahllos. Was unsre Umwelt ist, was wir selbst sind - es mag das Resultat eines Weges sein, an stelle dessen auch jeder andre möglich gewesen wäre. Unser Denken, unsre Moral, unsre Werte - in ihnen allen steckt etwas von Zufall oder Konvention. Aber nachdem sie so sind, sind sie unentrinnbar so. Und nicht anders der Mensch selbst: Er ist, was er geworden ist. Aber es steht nicht in seinem Belieben, außerdem noch ein andrer zu sein. Man nimmt ihn zunächst freudig, wie er sich gibt. Und man ist dann enttäuscht, weil er nur er Selbst ("ich selbst") ist. Ich habe etwas das Gefühl, daß man auch an mir herumzerrt, von allen Seiten. Die freie Fülle meines Gebens wendet sich zum Geiz - denn ich brauche Stille und Ruhe, um nicht von dem Wege der stillen Reifung abzukommen.
Du darfst nicht denken, daß mir irgend ein handgreiflicher
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| Schmerz widerfahren ist: ich zittere mehr vor der Zukunft, wo man mir sagen wird, daß auch ich zu denen gehöre, die "enttäuschen."
Ein kleiner Zug statt vieler: Ich ging von Partenkirchen mit dem Gefühl, den Menschen dort gewesen zu sein, was ich jedem nach seiner Art zu sein vermag. Frau Witting schreibt mir, daß Frl. Thümmel bei ihrem ersten Besuch nicht ein Wort über mich gesagt hat. Was heißt das?
Und dann das andre: warum muß bei jedem Gefühl des Besitzes das mir Fremde mitklingen: "wenn doch kein andrer mit mir teilte"? Und ich höre dies auch bei solchen hindurchklingen, die das Gegenteil versichern und gewiß auch zu Zeiten beweisen. Aber muß das sein? Dann wäre es besser, niemandem zu gehören.
Mein Befinden war die letzte Zeit sehr gut. P. hat nachgewirkt: ich habe sichtbar zugenommen, bin frisch und habe auch die ganze Zeit in Weimar nichts von meinen zahlreichen Empfindungen gespürt. Vielleicht zu gut für die Vorstellung am 29.IV. Hier begann natürlich schon ein Stechen im Arm; es wird nicht lange dauern. Das Semester setzt mit einer Intensität ein, die fast an die Friedenstage erinnert: gleich in der ersten Sprechstunde 33 Anmeldungen
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| für die Übungen.
Biermanns haben mir herrliche Nelken aufgebaut. Marianne Götze ist wegen einer erheblichen Nasenoperation in der Klinik. Ein (wiederum) neues Dienstmädchen scheint sich besser zu entwickeln, als sie an äußerer Intelligenz verrät.
Die arme Tante tut mir sehr leid. Muß ein Gebiß gemacht werden, oder weshalb diese Marter?
Nieschling schreibt aus der vordersten Linie bei Béthme. - Die Denkschrift ist fort, wird aber erst Ende Mai gedruckt. Die Pallas Athene ist eine der ersten Abgüsse von dem Jubiläumsgeschenk für den Minister. Sie ist schon wieder hier, nachdem sie an der bayrischen Grenze "unter Kriegsrecht" geöffnet worden ist, die Arme, die doch gar kein Fleisch, nicht einmal Platz für Knochen hat!
Muthesius habe ich zweimal im neuen Hause besucht. Warum erkundigen sich diese Menschen nicht nach Dir? Auch er war abends im Elefanten - recht kleinstädtisch langweilig. Riehl nahm nach vielem Gähnen Reißaus. Im Goethehaus bin ich auch gewesen; es ist ganz neu eingerichtet; dann einmal in Belvedere und einen Abend still allein philosophierend im Park; sonst nur ein paar blühende Bäume und der alte Friedhof. Das war alles von Weimar.
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Morgner ist nicht hier; hat anscheinend in Dresden eine Vertretung übernehmen müssen. So ist es bei den meisten Studenten jetzt. Gott sei Dank, muß man sagen; denn wo sollten sie das viele Geld sonst jetzt hernehmen?
In Wildungen sollen so lächerlich niedrige Pensionspreise sein. Hast Du davon auch gehört? Fräulein Burgheim schreibt sehr glücklich aus Gießen. Frl. Pelargus ist im Sommer als stellvertretende Lehrerin am Zweighaus des Pestalozzi-Fröbelhauses im Harz.
Das Messer sieht wunderbar nett aus. Ich werde es nicht in die Tasche stecken können, damit die schöne Malerei nicht verlöscht. Was sie sagt, ist in mir unauslöschlich. Was Du mit der Umrahmung der Heidelberger Bilder meintest, ließ mich die "olle Schlange" wählen, der ich sonst auch nicht zugetan bin. Aber als Symbol des Unauflöslichen und in der Tiefe wandellos Ruhenden ist sie mir recht. Hätte ich Dich im Park bei mir gehabt! Dieser Ort wirkt doch immer veredelnd, und von Nietzsche sehnt man sich zu Goethe, der alles und mehr hat, als jener sucht.
Ich muß abbrechen. Ich bin ja mit allen Kollegs und Übungen noch völlig im Rückstande. Zu erzählen
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| hätte ich noch viel, z. B. auch von der befremdenden Tatsache, daß sich in der Stille an den meisten deutschen Universitäten internationale Studentenvereine gebildet haben. Die Anregung soll - von der Westschweiz kommen? Ist das eine neue Idee, oder eine neue deutsche Dummheit? Jedenfalls eine Unzeitgemäßheit.
Es ist sehr spät. Gute Nacht, mein Liebes. Ich danke Dir, und will mich an den Heidelberger Bildern aufrichten, wenn es um mich herum zu verworren wird.
In täglichem Gedenken
Dein
Eduard.