Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Mai 1918 (Leipzig)


[1]
|
Leipzig, den 3. Mai 1918. 10 Uhr abends
Liebste Freundin!
Auf Deinen lieben und schönen Brief muß ich Dir doch heut Abend noch antworten, obwohl nach dem Tagewerk von 8 Uhr früh bis 9 Uhr abends nicht sehr viel von mir übrig ist. Du hast mich ganz verstanden; und Du hast auch recht: man bleibt zuletzt, der man ist. Nur ist eine Gefahr, daß man aus Symphatie und Liebe eine Zeitlang mitgeht, und dann aber entdeckt: ganz so bin ich nicht, wollte ich nicht, konnte ich nicht.
Viel neue Eindrücke drängen sich vor. Die erste Woche ist immer angreifend, wie das Einfädeln beim Nähen: man muß so viele Gedanken und Einrichtungen zunächst in einen ordentlichen Gang bringen. Der Besuch ist stärker als im letzten Semester. Zahlen kann ich noch nicht nennen: das Sommerauditorium war in der Werttheorie ganz voll, (bleibt aber nicht so.); in der Pädagogik mußte ich in das große Winterauditorium umziehen. In den kleinen Übungen über Pestalozzi sind nur 12 zugelassen; in den eben begonnenen über Herbart 50. Der neue Famulus macht sich gut. Ich fühle wieder meine
[2]
| sichere Herrschaft über einen großen Kreis wie über die einzelnen, und meine hiesige amtliche Aufgabe erscheint mir als direkt für mich geschaffen: die "Sache liegt mir". An ihr will ich arbeiten; leider bleiben so viele gute Dissertationen, die die Vielseitigkeit meiner Anregungen zeigen, jetzt ungedruckt. Auch ist die Leibesfülle, die ich durch Nichtstun und Fütterung, beide von seltener Art, erreicht hatte, schon wieder im Abzug. Ich reise nicht zu den beiden (übrigens kollidierenden) Tagungen am 10.-13. Mai in Berlin: damit gebe ich wohl den Deutschen Ausschuß endgiltig aus der Hand und versäume den Eintritt in den Berliner Kreis von Notabilitäten. Aber ich bin kein Ausstellungsstück, und was haben beide: der D. A. und "Deutsche Bund Gelehrter u. Künstler" denn geleistet? Ich habe das dunkle Gefühl, daß ich die Kontinuität meiner Arbeit hier nicht stören soll. Auch brauche ich für die Werttheorie noch Ruhe.
Die Ankunft des "Armen Heinrich" wird eine große Freude für die Familie gewesen sein, besonders auch für Frau Eggenstein. Was ist denn gegen den "Holzapfel"? Er galt doch bisher nicht als so holzig? - Das Tannenkirch liegt nach meinem Führer bei Kandern, ganz im südlichen Baden. Da werden wir wohl noch eine Weile warten müssen. Aber ich bin gern dabei, "zur gegebenen Zeit" via Basel, Tuttlingen, Waldshut nach der Reichenau zu steuern.
[3]
|
Wann wird diese Zeit sein? Gerüchte schwirren umher. Deine Pleßaffäre hat zum Gegenstück, daß die Operation bei Amiens durch das Ausbleiben der österreich. Offensive gegen Italien gestört sein soll (?) Rühlmann behauptet, nach frz. Zeitungen wären wir dort durch gewesen, aber die Reiterei hätte gefehlt, und Foch habe die Nacht noch einmal geflickt. Unsere Verluste sind groß. Aber die der Franzosen sollen jedes Maß überschreiten. Eigentlich lauten die fremden Zeitungsberichte besser als unsre letzten Heeresberichte.
Ich lege Dir eine Karte vom alten Böhm bei, auf die ich mit näherer Begründung geantwortet habe, daß ich den Besuch absichtlich unterlassen habe. - Wie merkwürdig: Frau Witting ist ganz außer sich über die "Unergiebigkeit" von Dora Thümmel, über ihr handgreifliches Unbekanntsein mit meiner Person. Halte ich das mit Deinem Urteil zusammen und nehme dazu gewisse eigne Eindrücke von Tagen, an denen ich früher nicht aufgelegt war, so ist es in der Tat wohl so, daß ich mal wieder mehr gesehen habe, als ist. Es ist und bleibt übrig ein braver, treuer Mensch. Aber für mich hat sie kein feineres Organ, noch weniger für meine Schriften.
Was hast Du denn an Nieschling zu schicken? Ich wüßte garnichts, was wir noch hätten, die im Felde nicht. Aber wenn Du mal was weißt, so bin ich natürlich mit dem
[4]
| Herzen dabei. Nur mußt Du es von m. Konto abziehen. (Res. Inf. Reg. 206./III. Bat.)
Morgen Nachm. werde ich mit Frl . Kiehm, Frl. Wezel und Frl. Pelargus einen Frühlingsspaziergang in der Richtung auf Schkeuditz machen. Weißt Du, daß wir da mal an einem Frühlingssonntag waren?
Ich habe vor - entgegen den Verlockungen von Riehls - zu Pfingsten nicht zu reisen. Schon deshalb, weil es in den Feiertagen selbst einfach nicht möglich sein wird. Und vom Mittwoch bis Sonntag lohnt nicht recht. Wie denkst Du nun über "unsere Zukunft"? Ich würde mich herzlich freuen, wenn Du - etwa in den Tagen vom 22.- 26. - Lust hättest, hierherzukommen; oder auch später während des Semesters, da es ja doch nicht in die Feiertage fallen kann. Wenn Du aber dadurch den Haupturlaub im Sommer verkürzen solltest, so hielte ich es nicht für zweckmäßig. Denn mehr hätten wir noch, wenn wir im August zusammen irgendwo sein könnten. Ich dachte - vorbehaltlich andrer Notwendigkeiten, im August zu reisen und dann noch einmal im Oktober. Den September aber wollte ich einmal arbeiten - schon wegen des Winterkollegs. (Voraussetzung, daß das W.S. nicht am 1.X. beginnt.)
Es betrübt mich, daß der Onkel mit Götz solche Reklame treibt. Hier hat er seine Vorlesungen noch nicht angefangen; es heißt, er leide an Gesichtsrose. In Wahrheit scheint er sich als politischer Marodeur herumzutreiben. Er sollte seinen Dienst tun! Was kann denn das noch für Wissenschaft sein!
[5]
|
Habe ich Dir geschrieben, daß ich von Frau Witting ein paar neue, für Hans angeschaffte Stiefel, die mir wie angegossen sitzen, für 20 M gekauft habe? Das ist doch Glück. Aber nun muß ich mir einen neuen Anzug machen lassen. Das ist ein Gegenstand von 250 M. Alles ist teuer. Mittags komme ich unter 5 M nicht mehr fort. Die Elektrische pro Tag 60-75 Pf, die Zigarren 1,20 M. Rechne aus, wie sich das summiert!
Unsre Politik ist keine Glücksbude! Die Schweinerei im Osten ist im besten Gange. Und Preußen klappt in 2 Hälften auseinander, von denen jede recht hat; es fragt sich eben, von wo man's sieht. Im ganzen glaube ich, daß man hinsichtlich des Wahlrechts heute eben keine Wahl mehr hat. Man müßte Gegengewichte schaffen durch Reform der Presse, des Lehrerstandes und der allgemeinen politischen Beeinflussung von oben. Anders geht's nicht.
Oesterreich macht mir Sorge. Er nimmt den Vater und die Möbel mit nach Tübingen. Ich würde ihm so gern sagen, ob er in Dresden ernsthafte Aussicht hat, fürchte aber, durch eine Anfrage etwas zu verderben.
Du merkst, daß meine Gedanken hin und herspringen. Ich muß wohl oder übel Schluß machen. Aber einen Mittelpunkt haben diese Gedanken doch: das
[6]
| bist Du; und ich weiß, daß alles zwischen uns so ist, wie Du es in Deinem Brief sagst: d. h. es ist nichts zwischen uns, sondern wir sind eins, und ich wünschte nur, daß weniger Raum zwischen uns wäre. Denn der Krieg macht selbst die Strecke Cassel-Leipzig zu einer weiten Entfernung.
Der lieben Tante hättest Du von der Decke nichts sagen sollen: ich hatte das längst vergessen, und sie macht sich nun Gedanken. Ich weiß nur noch, daß es bei Euch in Cassel lieb und schön war wie stets. Die schmerzhafte Zeit ist doch bei der Zahnersatzgeschichte nun wohl vorüber?
Lebe wohl und sei innig gegrüßt
Dein
Eduard.

Ich las Strindberg "Totentanz" - qualvoll greulich. Das ist nicht - meine Welt.