Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Mai 1918 (Leipzig)


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Leipzig, den 15. Mai 1918
Liebste Freundin!
Gestern Abend wurde ich durch die Zeitungsnotiz schmerzlich überrascht, daß mein ältester Freund, Franz Willmann, hier an einer Gehirnentzündung gestorben ist. Wir sind zusammen in die Schule gekommen, haben uns dann jahrelang nicht gesehen und haben uns nie eigentlich nahegestanden. Ich muß aber sagen, daß seine Treue immer viel größer war als meine. So hat er mich noch um Neujahr 1917 in Partenkirchen besucht, und sich auch hier stets bemüht, mit mir Verbindung zu halten. Auch für Dich war er aus der Entfernung lebhaft interessiert. - Ich werde morgen zu seiner Einäscherung gehen. - Danach - Gegensatz der Gefühle - ist Geburtstagsfeier bei Biermann.
Die Korrespondenz mit meinem Vater über die Finanzfrage habe ich von hier aus wieder aufgenommen. Er hat mir in 10 Seiten auseinandergesetzt, daß alles schön und gut sei. Ich muß aber sagen: 50 M wöchentliches Wirtschaftsgeld ist selbst für jetzige Zeiten zu viel. Denn ich brauche ja für das Entsprechende
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| kaum 7 M am Tag. Ich bin noch immer unentschlossen, ob es nicht besser ist, die Sache aufzugeben, ehe sie uferlos wird. Die Erörterung kam ins Rollen durch die Notwendigkeit, den Beitrag für den Verein j. Kaufleute zu bezahlen (20 M). Ich verlangte Austritt. Der ist auch erfolgt. Nun wendet sich der Verein in einem langen Schreiben an mich und zwingt mich zu langen Erörterungen. Da hast Du das System!
Ich muß also am 3. Feiertag nach Berlin, bin aber noch nie so unlustig hingegangen. Ob ich Dir etwas Besonderes zu sagen und zu zeigen habe? Zu sagen habe ich Dir immer etwas, und herbei wünsche ich Dich auch immer. Nur ist das klar: wenn wir die Gewißheit hätten, im August einige Wochen zusammenzusein, so würde es aus finanziellen und berufstaktischen Gründen besser sein, alle freie Zeit und Börsenkraft darauf zu konzentrieren. Ich habe mir ausgemalt, daß wir irgendwo nach Süddeutschland gehen, vielleicht in den Odenwald oder ein schwäbisches Landstädtchen in verlorener Lage. Denn für uns beide ist Essen jetzt wohl wichtiger als "Luft", und wo sie nicht gerade staubig oder rauh oder feucht ist, wird mir auch eine Ebenenluft ganz gut tun. Ohnehin werde ich ja wohl
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| auf 14 Tage bis 3 Wochen auch nach Partenkirchen müssen. Ich plane aber, in diesen Ferien die 2. Aufl. der Lebensformen zu machen, und Du sollst mir dabei helfen. Die Vorlesungen werden leider schon am 1. Oktober wieder beginnen. Mit Rücksicht darauf verzichte ich auf eine neue Vorlesung. - Sollte sich der politische und finanzielle Horizont sehr aufhellen oder sollte - was ich nicht hoffen will - dieser Ferienplan an einer anderen Notwendigkeit scheitern, so würde ich Dich bitten, auf einige Tage die Unbilden des Leipziger Lebens auf Dich zu nehmen. Ich sähe es sehr gern, wenn Du wieder einmal bei mir Vorlesung hörtest, was wohl seit 1914 nicht dagewesen ist.
Schreibe mir doch im Hinblick auf den 3. Juni, was für "Nordpolfahrten" die Tante etwa gemeint haben könnte und welche Ausgabe von Klara Schumann Bd. I und II. sie hat.
Den Balkon habe ich hier noch nicht benutzt. Es ist immer zu tun, obwohl ich mir das Semester sozusagen "leicht" gemacht habe. In der Bavaria esse ich immer noch sehr gut, brauche aber für Essen mit 1 Glas Wein und Trinkgeld täglich beinahe 5 M. Mein Auditorium besteht aus ⅔ Wiberluit, ⅓ Invaliden. Im Pestalozzi habe ich jedenfalls keine "Lichter". Im Herbart kann ich es
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| noch nicht übersehen. Eine Hörerin des vorigen Jahres schickt mir aus heiterem Himmel 12 Eier. Man braucht es. Als die Philosophen am Montag zur Beratung der Vorlesungen zusammenwaren, war es ein wirklich jammervoller Anblick. Die älteren Leute klappen eben zusammen. Hingegen sind die Mitteilungen, die uns der Dir bekannte Poetter gestern in dem Schulausschuß machte, hinsichtlich der Kinder nicht eigentlich beängstigend (wenn sie stimmen!)
Riehl ist sehr befriedigt wieder da. Der Erfolg soll sehr tiefgehend gewesen sein.
Götz scheint, nach dem Eindruck der letzten Fakultätssitzung, die er schwänzte, mit dem Plenum bereits ganz zerfallen. Hingegen studiert bei mir eine - Dozentin der Frauenhochschule im - 1. Semester, und 2 Studierende habe ich gutes, aber dummes Luder auch wieder zu meinen Übungen zugelassen.
Die Luft in Leipzig ist die alte. Man stirbt manchmal ein paar mall am Tage.
Mir ist eingefallen, daß ich doch nicht so dumm sein werde, die Zeichnungen selbst zu machen, wenn ich eine Zeichnerin in der Familie habe. Ich schicke Dir also die Unterlagen, auch den jetzigen Brief, den ich allerdings selbst "beantworte", und meine verbesserten Skizzen. Außerdem kommt als Drucksache der Bogen, wo die Zeichnungen hineinsollen.
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| Danach mußt Du bitte die Größe berechnen. Ich danke Dir herzlich. Honorar zahle ich nicht!
Außerdem muß ich noch ein paar wirtschaftliche Sorgen vor Dir ausbreiten. Einen Bezugsschein habe ich glücklich. Also kann ich nach Pfingsten für schweres Geld einen Anzug kaufen. Nun habe ich ein paar sonst noch brauchbare Beinkleider, die an unzweckmäßiger Stelle durchsichtig geworden sind. Ob man die jetzt reparieren lassen kann? - Bis jetzt habe ich mit den von Dir gespendeten Seifestücken gereicht. Doch ist das letzte im Gange. Hast Du eine besonders günstige Bezugsquelle? Dann würde ich Dir m. Seifenkarte schicken, verbitte mir aber sehr energisch die geschenkweise Überlassung. Geschenkweise möchte ich nämlich zum 27.6. mit Rücksicht auf die lausige Zeit eine kleine Taschenbürste in haltbarem Etui haben, um die widerspenstigen Philosophenlocken, "so lange sie noch warm sind, zu schmieden."
Die Korrekturen für den Kunstwartaufsatz habe ich gelesen. Jetzt steht nur noch der Druck der Denkschrift aus. Vom Minister höre ich nichts mehr. Er macht wohl Politik. Doch ist die Sitzung am 21. unter Reinhardt. Der D. A. hat nicht einmal eine Ansichtskarte gesandt.
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Deine Lösung der Frage Böhm hat mir einen ganzen Kronleuchter aufgesteckt: Es ist die einzige Erklärung, bei der er nicht völlig läppisch da steht.
2. Feiertag bin ich zu Kaffee bei Krueger. So nett manches ist: man gehört hier nie sich selbst. Daß ich die Eltern Pelargus besucht habe, habe ich auch noch nicht geschrieben. Elisabeth Borries u. Grete Thümmel fahren im August nach Partenkirchen. Vorher soll aber E. B. Frau Riehl besuchen.
Meine Nachrichten verlieren sich in Mosaik. Sie spiegeln Dir das Leben meines Tages: immer erledigen, immer aufarbeiten. Zum Denken ist da wenig Zeit. Aber daß ich an Dich denke, siehst Du doch aus diesem Kraut- und Rübenzeug. Schreibe mir, wie es mit Frau Weise war. Die Zeichnungen aber sende gleich an den Beck.
Ich schließe mit innigsten Grüßen, die wohl zugleich auch Pfingstgrüße sein müssen für Dich und die Tante
Dein
Eduard.