Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Mai 1918 (Leipzig)


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Leipzig, 23. Mai 1918.
Liebste Freundin!
An meinem Fenster sind 29° R. Ich weiß nicht, ob ich das Ende dieses Briefes erlebe, und will ihn daher nur kurz anlegen, als Antwort auf die lieben Zeilen, die ich am Dienstag um ½ 11 in der Pestalozzistr. vorfand.
Meine Reise nach Berlin (Fahrgeld III. Dzug 12,50 + II. Pz. 12 9,50) war jedenfalls überflüssig. Von Sachsen war der Oberschulrat Müller gekommen, den ich hier täglich "genießen" kann, u. von den andern Gruppen niemand. Also 7 Teilnehmer: WGORR. Reinhardt, Geh. Archivrat Schuster, G.R.R. Schwartz (einmal von mir schlecht rezensiert), Stadtschulrat v. Berlin Reimann, der Begabtenfex, Prof. Hermann, Müller, Spranger. Vorher, gleich nach der Ankunft, war ich bei Lili Dröscher wegen der Frauenschule u. des Falles Pelargus- Wezel. Dann bei Riehls, wo ich ihn sehr erfrischt fand nach Riga: Bei R.s aß ich Mittag. Abends Schoppen am Nollendorfplatz. Der Minister ist beurlaubt, nichts Neues zu erfahren.
Sehr gefürchtet habe ich mich vor der Pestalozzistr. Doch kam es zu einer ganz vernünftigen Aussprache. Ich habe auch Paula ernstlich ins Gewissen geredet. Sie gefällt mir wenig; läuft zu Frau Jahn, und klagt, daß sie Hunger leide, weil es zu wenig Brot gebe! Ich bin zu dem
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| mit Dir übereinstimmenden Ergebnis gekommen, daß jetzt alles beim alten bleiben muß, bzw. daß ich eben noch mehr geben muß, da man mir versichert, 50 M Wirtschaftsgeld sei nicht zu viel. Wenn mein Vater weiter so altert, ist es nicht mehr auf sehr lange. Er war sehr weich, und von Opposition ist jedenfalls nicht die Rede.
Ich habe dann noch bei Riehls ein paar Stunden verlebt, fuhr 4.32 ab, war 10 hier u. aß in der Bavaria. Jetzt bedaure ich, nicht ein wenig gereist zu sein. Die Luft ist qualvoll hier, u. ich bin etwas im Kopf überarbeitet, während ich die lokalisierten Schmerzen links in P. gelassen habe. Unsre Pläne wollen wir auf den August einstellen. Was man in den Zeitungen von Reisemöglichkeiten liest, klingt nicht erbaulich. Mehr als 3 Wochen dürfen wir nirgends bleiben. In Bayern wohl 4. Wenn wir so am 6. reisen, erreichen wir ja den 31. noch! Doch muß dies alles in der Schwebe bleiben. Horche nur herum: ich bin auf Bad Boll bei Stuttgart u. auf das Städtchen Hall hingewiesen worden. Wir haben dafür ja aber noch Zeit. Überhaupt - was liegt dazwischen!
Für die Zeichnungen danke ich herzlichst. Sie sind sehr schön u. kunstfertig. Ich habe die spitzere Pyramide gewählt u. auf das quadratische Erscheinen von A B C D verzichtet. Deine Honorarforderungen sind hoch. Ich glaube, es genügt, wenn ich Dir die fehlenden Korrekturbogen auch noch "schenke."
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Hans Heyse ist in Heiden, wo wir immer hinwollten. Er hat bereits eine A.karte geschrieben. Von der Schwester bekam ich einen ganzen Kasten Frühlingsblumen. Morgner ist auch wieder hier. Es ist aber ganz qualvoll ihm zu zuhören. Der militärische Dienst entgeistet ihn zusehends.
Felizitas kommt Oktober in ein - Kloster in Polling. D. Thümmel wird Dir schon noch schreiben. Sie stellte es s. Z. so hin, als ob Du auf ihren Weihnachtsbrief nicht geantwortet hättest. Was weiß ich? Ich habe nur gedacht, einem Patienten kann man schon etwas extra geben. Die Wittingschen Schilderungen sind nicht gerade sehr symphatisch; ich will aber bei meinem eignen Gefühl stehen bleiben. Willy Böhm heiratet diese Woche. Eins ist ihm jedenfalls gelungen: mich ergiebig zu kränken. Zwischen Elisabeth Borries u. Frau Riehl besteht gar keine Beziehung. Es soll aber auf Wunsch der letzteren eine werden.
Muthesius hättest Du, als ordentlicher Geschäftsmann, damals Deine Adresse schreiben sollen. Er hat nach ihr gefragt, u. da mußte ich natürlich schreiben: es genügt auch der Dank durch mich. Jetzt wird er zur Rache für 1000 Gefälligkeiten benutzt.
Vom D. A. höre ich nichts. Troeltsch ist in Berlin wegen seines Defaitismus vollkommen unten durch. In der Fakultät ist er mit Meinecke zusammen fast
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| geächtet, u. Wilamowitz sagt: den Kerl grüß’ ich nicht mehr.
Was ich vom vertieften Bündnis halte? Ich hoffe, daß die Sache vor endgültigem Kriegsende auch zur Regelung kommt, d.h. daß Deutsche u. Magijaren in Ungarn gegen die Slawen zum Bürgerkrieg kommen, das Reich auseinanderfällt und die Dynastie Habsburg verschwindet. Es gehört - zu meiner Orientpolitik.
Jetzt das ganz Geschäftliche: 1) Von der Seife zu 3 M schicke bitte 1 Probe auf m. Rechnung. 2) Ich sende 2 oder 3 defekte Beinkleider als Nachnahmepacket u. bitte Dich, dafür zu sorgen, daß das Hellgraue bald repariert wird. Ich bin nämlich wirklich mit den Anzügen in Verlegenheit u. trage bei 29° winterliche Sachen. 3) Könntest Du nicht successive für mich Zigarren hamstern? Die hiesigen für 40 Pf. sind gesundheitsschädlich. Vielleicht findest Du noch etwas, was als Tabak gilt; was es sonst ist, ist unter heutigen Verhältnissen gleichgiltig. 40 Pf und nicht zu klein, sondern mittel. Ab November soll es gar nichts mehr geben.
Meine Nerven sind infolge des fehlenden Alkohols u. des schlechten Tabaks rebellisch. Ich kann nicht mehr so arbeiten u. denken, wie im vorigen Jahr. Und dabei stehen noch 2 ¼ Monate bevor.
Heut erhielt ich die Aufforderung, den Zyklus des Zentralinstitutes, der auf eine Idee v. mir aufgebaut ist, am 23.X. zu eröffnen.
Für die Lebensformen habe ich jetzt einen Zettelkasten angelegt. Ich will viel Autobiographien lesen. Achte auch Du in Deiner Lektüre auf passende Beispiele. Jetzt will ich nach Cröbern, morgen Frau B.s Geburtstag. Steuern ca. 19500 M. Kriegsnotspende 60 M. Verzeih diese Sammlung von Stumpfsinn u. sei innig gegrüßt von Deinem Eduard.
[Kopf] Ich danke dir sehr, daß Du mir in m. Wirtschaftsnöten helfen willst!
[li. Rand] Wo ist <Wort unleserlich>? Ist es nicht <Wort unleserlich>?