Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Juni 1918 (Leipzig)


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Leipzig, den 11. Juni 1918.
Liebste Freundin!
Deine lieben Briefe haben neuerdings etwas "Durchschnittliches"; denn wenn ich sie aufgemacht habe, zerfallen sie in der Regel in drei Teile. Das hindert aber nicht, daß ich sie "ganz" in mein Herz aufnehme.
Bist Du nun auch nach der Habichtswalder Höhe gezogen, oder nur die Tante? Du hast doch keinen Urlaub! So sehr üppig kann ich mir übrigens die Verpflegung in dem Habichtskäfig nicht denken. Ich hoffe aber, daß es das Richtige für die Tante ist.
Deine Cousine Eggenstein hat mir nicht sonderlich gefallen; es war diese robuste, Cigaretten rauchende Art, die ich nicht liebe, weil sie potenziertes Burschentum ist. Von mir aus kann sie in Amerika bleiben.
Was sind das für schreckliche Gedanken mit dem Telephonieren? Ich, der ich nicht um die Ecke telephoniere, sollte ein Ferngespräch leichtfertig herbeiführen? Nun, damit Du Deinen Willen hast: Ich heiße
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| 2793 Nebenstelle und bin zwischen ½ 2 und 3 zu Hause; aber wehe dem, der mich da weckt.
Gegen die Rhön habe ich noch nichts gesagt. Ich habe aber gedacht, daß sie öde und klimatisch schlecht sein soll. Für Vorausbestellen bin ich garnicht. Lieber nehme ich ein Experimentieren auf mich. Aber es raubt mir die Vorfreude, wenn ich denken soll, daß ich in 7 Wochen wohin muß, was ich garnicht kenne und eigentlich auch nicht gesucht habe. Im Hôtel kommen wir immer noch unter, und dann suchen wir, wie s. Z. auf der Reichenau. Etwas anderes wäre es, wenn man an einem Ort, den wir beide aus der Entfernung lieben, etwas notorisch Gutes wüßte. Ich will bekennen, daß mir in einer unbewegten Stunde ein Gedanke an Freudenstadt kam, daß ich ihn aber sehr energisch bekämpft habe, damit wir nicht vor der Zeit einseitig werden.
Meinem Kopf geht es infolge langer systematischer Schonung etwas besser. Dafür aber kommt jetzt eine Periode gehäufter Arbeit. Doch ich will erst
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| von den vergangenen Tagen erzählen.
Es war eigentlich nur ein stärkerer Lichtblick: ein Sonnabend Abend bei Kruegers. Die Frau ist so anziehend natürlich und einfach geistig, daß das Zusammensein allein dadurch veredelt wird. Auch er ist ein lieber Mensch mit hübschen (kleinen) Gedanken, und ein herrlicher Charakter. Denke Dir, ich habe auf Frau K.s Anregung mit ihm vierhändig Symphonien von Mozart und Haydn gespielt! Es war 1, als ich nach Haus kam, und davon habe ich mich um so schwerer erholt, als ich eine Stunde Nachts zu Fuß gehen mußte. Leider ist K. auch gar nicht auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit; deshalb werden wir uns nicht so oft sehen, wie ich wünschte.
An diesem Sonnabend kam Knauer mit Frau auf der Durchreise von Elster nach Berlin. Wir besuchten das Völkersch.-Denkmal und gerieten über die greulichen Figuren in solche Heiterkeit, daß sie bis in den Ratskeller nachwirkte. Besonders Frau K. taute mehr und mehr auf und offenbarte sonst verschlossene Falten des Herzens. Sie wollen
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| ihren Sohn Henner in Ragaz besuchen; doch ist er ja noch militärpflichtig, und zwar arbeitsw., obwohl völlige Ruine. Auch K. fühlte sich sehr glücklich, und zum Abschied gab es 2 Küßchen.
Am Sonntag großer Massentee bei Seeligers, mindestens 9 Ordinarien mit Frau; gegenseitiges Anschreien bis zur Erschöpfung. Gestern kam die Nachricht, daß Greifswald besetzt worden ist, was Biermann sehr deprimiert. (Nebenbei: Die Chancen v. Oesterreich sollen nicht schlecht sein; doch habe ich für ihn jetzt auch in Kiel Schritte getan.) Heute besuchte mich Schulrat Seyfert, M. d. 2. Kammer, wegen Vorberatung der Landesschulkonferenz. Seine Mitteilungen über die Ministerien bestätigten meinen Eindruck. Übrigens ist eine Anfrage gekommen wegen Vereinigung der pädagogischen Seminare: in aller Vorsicht kann ich hier die Reform vorbereiten, die ich dem hohen Min. "zur wohlwollenden Prüfung" vorlegen sollte.
Hast Du nicht die Drucksache erhalten, auf der Maiers Ruf nach Heidelberg stand? Frau Riehl schreibt, daß er vielleicht annimmt. Dann würde Göttingen frei werden.
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Es tut mir sehr leid, daß ich dir von der Linie meiner geistigen Arbeit nur Andeutungen machen kann. Aber der Brief würde sonst endlos werden. Ich lese für die "Lebensformen" Jung Stillings Lebensgeschichte mit Genuß und großem Ertrag: der eigentümliche Typus religiöser Motivation bringt mich auf ganz neue Perspektiven. Überhaupt fühle ich immer deutlicher: ich habe die neue Psychologie, die die andern suchen. William Stern zwar hat mir einen gereizten Brief geschrieben, auf den ich ihm gleich gehörig gedient habe.
Gewisse Vorgänge bringen mich dazu, den Vorstoß auf Reform der Lehrerbildung in Preußen vielleicht schon bald zu unternehmen. Dazu bedarf es jedoch noch einiger Studien.
Ich soll in den Vorstand des Fröbelverbandes gewählt werden. Ziehen bittet mich, anzunehmen: ein neuer Schlag für die H.f.F. Der GOR. Pallat hat die Sache Pelargus-Wezel sehr freundlich in die Hand genommen. Die beiden Gesuche sollen durch mich eingereicht werden: mit allen Zeugnissen gibt das ein Paket. Zwischen dem Hause Pelargus und mir infolgedessen reger Besuch hin und her.
Die beiden Drucksachen erbitte ich zurück. Den Brief
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| von Thiele lege ich wegen des auf W. Böhm bezüglichen Passus bei. Von Kerschensteiner habe ich schon lange nichts mehr gehört.
Die Vorlesungen und Übungen laufen gut. Nur ist der Stoff überall zu umfangreich. In der Päd. bin ich eben bei W. v. Humboldt angekommen. Große Talente fehlen in den Übungen, obwohl Anneliese Gaudig dabei sitzt.
Ich habe einen kleinen Aufsatz über Fröbel geschrieben, der nach meiner bescheidenen Auffassung meisterhaft geworden ist. Die beiden andern hingegen kommen immer noch nicht.
Es ist sehr betrüblich, daß Cassel so weit und Dein Dienst so ferienlos ist. Denn bei der Buntheit meiner Tage ist es garnicht möglich, den Zusammenhang im Äußern zu bewahren. Manches ist nicht wert, daß man es schreibt, und doch gehört es zum Bilde des Ganzen.
Dein Druckfehlerfund ist mir "sehr fatal." Ich habe von der Versetzung der 2 Zeilen, wenn sie stattgefunden hat, tatsächlich nichts bemerkt. Da ich kein Ex. mehr habe, kann ich auch nichts feststellen. Die Arbeit ist ungeheuer schwer, und ich fühle selbst, daß das Ganze noch nicht heraus
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|gekommen ist. Aber in dieser Gegend liegt es, und ich fände nicht, daß andre weiter sind.
Strindberg scheint für uns beide nichts zu sein. Vielleicht kannst Du mal an Ruskin oder an Pascal (Gedanken) heran, das wird Dir besser sein. Hier sind Expressionisten zu sehen; über diese Richtung sprach Krueger neulich sehr gut.
Am 6. Juli spreche ich im Verein studierender Frauen über "Die Frau in der Wissenschaft." Es wird dort auch von Dir die Rede sein.
Morgen ist Pestalozzi. Ich muß schließen. Dein Packet erwarte ich mit Freude: es hat für mich einen "Bedürfniswert", keinen "Normwert". Sei innigst gegrüßt von Deinem für alles dankbaren
Eduard.

[] Gute Besserung für die Schulter!