Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Juni 1918 (Leipzig)


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Leipzig, den 30. Juni 1918.
Liebste Freundin!
Du hast mich zum 27. mit so vielen Zeichen Deiner Liebe umfangen, daß ich es schwer ausgehalten habe, Dir nicht gleich zu schreiben. Ich liebe es aber auch wieder nicht, in eine unruhige Stunde zu verlegen, was die innersten und meist verschlossenen Gemächer meiner Existenz betrifft. Aus diesem Grunde habe ich auch Dein Nichtkommen leichter verschmerzt: es würde jetzt, wie mein Dienst liegt, zu leicht ein äußerliches und gehemmtes Beieinander geworden sein. Von meinen Hoffnungen auf eine Zeit, die uns wirklich gehört, später.
Deine Gaben erfüllten lauter geheime Wünsche, und ich vergleiche Dich längst der Stillingschen Vorsehung, die ohne jedes Zutun im rechten Augenblick das Nötige schafft. Die Träger zwar haben es nicht abwarten können: sie waren ganz plötzlich unverwendbar geworden. Doch sind die Neuanschaffungen jetzt nicht so für die Ewigkeit,
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| daß nicht bald wieder Bedarf wäre. Die Krawatte ist sehr nach meinem Geschmack. Von den Bürsten behalte ich die braune, wenn es Dir recht ist, da es mir hauptsächlich auf Haltbarkeit des Etuis ankommt; ich trage es neben dem Schlüsselbund. Sogar Chokolade hast Du noch! Die Wurst neulich war ein Festtagsessen; ich hatte sie erst im Kasten gelassen und hätte sie ohne Deinen Brief wahrscheinlich übersehen. Das Blatt von Adolf Wagner macht für eine Sache Propaganda, für die man mich oft gewinnen wollte, über die ich aber kein Urteil habe. Die Seife ist ohne Zweifel besser als die andre: ein solches Stück reicht bei mir außerdem 7 Wochen! Ich danke Dir für die Liebe und Mühe, die du mit all diesen Geschenken gehabt hast, und wünschte, Dir ähnliche Freude machen zu können. Aber Du kennst meine Ohnmacht im Sachlichen, – und es konzentriert sich immer mehr alles auf das, was der Tag fordert; zu mehr fehlt schon die Kraft.
Um nicht in "Rückblicken" stehen zu bleiben, berichte ich nur kurz über den Geburtstag sonst: 4 Torten und zahlreiche Blumen stehen [über der Zeile] bzw. standen auf dem Geburtstagstisch. Gleich früh empfing mich ein überaus niedlicher Rosenstock, eine Kirschtorte und ein mit Versen ge von Frau Direktor
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| geziertes kleines Kognacfläschchen von meinen aufmerksamen Hausgenossinen, die dann natürlich auch von den (leider nicht transportablen) Torten den "Löwen"anteil bekamen. Frl. Wezel sandte selbstgebackenes mit Rosen. Frl. Kiehm 1 Fl. Rotwein, Morgner, der wieder in Dresden ist, eine blumengeschmückte Torte, ebenso Frl. Dr. Zangenberg. Aus Königsberg 12 Eier, von Frl. Hilgenfeld 2 + 1 Stück Kuchen, von Charlottenburg Blumen u.s.w. Überschüttet haben mich natürlich Biermanns: von jedem Familiengliede Blumen, sein gerahmtes Bild, das Gruppenbild der Zentrale für Jugendfürsorge (mit mir) ungerahmt, den Golem mit Steiner-Prags Illustrationen (höchst spannend, sonst noch kein Urteil.), eine kl. Schrift v. Peter Behrens, Cigarillos, Scherztäfelchen etc. etc. Ich hatte natürlich auch für jeden etwas mitgebracht. Frau Biermann hatte gedichtet u. jeder erhob sich bei Tisch u. deklamierte.
Freitag hatte Str. nach alter Gewohnheit Geburtstag; ich sandte diesmal nur einen kl. Strauß und W. v. Scholz, Der See, da er an den Bodensee nach Gaimhofen zu s. Tochter reist. Das Seminar war sehr mangelhaft. Die Fahrt gestern nach Halle zur Frauenschule mit Frl. Kiehm u. Wezel war so eine Art Nachfeier. Doch
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| ist es ganz schrecklich, wie wenig man jetzt im Gehen leisten kann. Die Frauenschule ist mir durch das Gesehene mehr zum Problem geworden, nicht klarer.
Die Charlottenburger Frage habe ich noch in der Schwebe gelassen. Ich habe am Roßplatz eine Wohnung "auf dem Kicker", die mir der Lage nach gefallen würde. Frl. Kiehm soll sie ansehen. Es wäre eine nicht leichte, aber die allein sichere Lösung für m. Vater, wenn er nach L. käme. Der alte Oesterreich soll auch an Tübingen zunächst Freude gehabt haben. Wahrscheinlich aber wird er denken, wie immer: was nach 1 Jahr ist, ist mir gleich; zunächst mal alles beim Alten lassen. Und dazu bin ich ja auch (schon meinetwegen) geneigt. Der Vorlesungsertrag, den ich immer erst 3 Wochen vor Schluß als gesichert ansehe, erreicht beinahe 3000 M dieses Semester, mehr als erwartet. Ich werde dir aber in m. nächsten Brief einmal eine Monatsübersicht senden, aus der Du sehen wirst, daß meine Ausgaben meinen Einnahmen ungefähr die Wage halten.
Mir ist so, als ob irgendwelche Hemmnisse in die Ferienzeit hineinfallen würden: sei es nun Umzug, spanische Krankheit, Reiseeinschränkung oder was sonst. Und Du wirst ja meine Abneigung zur Bindung im voraus wohl verstanden haben. Immerhin höre ich jetzt Schreckliches. Der
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| alte Dr. Müller spricht von einer Art Fremdenverfolgung in Württemberg: er war in Tübingen noch am besten zufrieden. In der "Linde" Freudenstadt 10 M Pension bei erträglichen Leistungen. Meine Neigung für Gersfeld hat sich erhöht, seit ich Zeit fand, es auf der Karte zu suchen; es liegt bequem an der Strecke, Benary ist dort u. erholt sich, und – meine romantischen Wünsche schlummern allmählich vor dem Zwang der Realität ein.
Damit bin ich nun bei der Philosophie. Ich habe am letzten Sonnabend und Sonntag für das Wertkolleg stundenlang nachgedacht über das immer noch fehlende Prinzip, aus dem die Lebensformen ableitbar wären (den deduktiven Weg im Gegensatz zum historisch-deskriptiven.) Natürlich habe ich ihn nicht gefunden; aber ich bin ein Stück weiter gekommen. Daß nämlich ein solches Prinzip nicht zu finden ist, liegt daran, daß die verschiedenen Wertgebiete in doppelter Hinsicht nicht auf einer Ebene liegen: es gehören dazu verschiedene Sphären der Egoität und verschiedene Sphären der Distanz von der Realität. Das ist nun noch nicht ganz heraus, weist aber in weite Perspektiven.
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Die Ichhaftigkeit des Ökonomen ist eine viel stärkere als die des Phantasiemenschen, und diese stärker als die des Gelehrten. Ferner: nur der erste lebt in der nackten Sphäre der Realität, die andern umkleiden sie: die Künst [über der Streichung] das Ästhetische fällt (auch beim Naturschönen, nicht in die Schicht des Realen, sondern des Imaginativen (nicht Imaginären.); die Wissenschaft (auch vom Realen) fällt immer in die Schicht des Ideellen. Hier haben wir also verschiedene Gegenstandszonen; verschiedene Umkleidungen oder Unterbauungen der Realität (cf. "Phantasie u. Weltanschauung") Mit dem Religiösen bin ich noch nicht im Reinen. Aber der Weg ist gefunden! Dadurch verschieben sich nun die Fassungen der Lebensformen, sie werden aber auch viel tiefer, und man kann jetzt viele Phänomene erklären, die bei der bisherigen einfachen Fassung nicht einmal bemerkt wurden. Es ist doch ein Faden ohne Ende, den ich 1914 angesponnen habe.
Kannst Du verstehen, wie quälend es ist, wenn in solche geistigen Geburtsstunden nun allerhand äußere Kleinigkeiten hineinwirken: das Kolleg, die Korrespondenz etc. Ja, kannst Du es verzeihen, wenn ich selbst Dir dann
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| manchmal entrückt erscheine, was ja immer nur Schein sein kann? Ich denke doch, daß wir die Sache im August zusammen so weit fördern, daß ich vielleicht im Winter zur Neuausgabe komme. Freilich, das ungeheure autobiographische Material wartet auch auf Verarbeitung. Frl. Wezel erzählt immer, wie unsäglich sich Krueger mit seiner Elementarpsychologie quält; ich bin doch der einzige, der die neue, zukunftreiche Psychologie hat. Soll ich sie nicht auch herausbringen?
Nicht freilich habe ich immer die psychologische Erklärung für den wirklichen Menschen. Kannst Du es verstehen, wenn Dir jemand sagt, Vater Borries habe Untreue im Amt begangen, sei es auch auf nervöser Basis? Die Tochter war bei Frau Riehl; zugleich mit ihrem Bericht sandten sie die traurige Nachricht, über die dann aus Sonnenheil noch Einzelheiten kamen.
Ebensowenig ertrage ich eine zu tief gehende Analyse am lebendigen Menschen, komme sie auch aus Liebe: es gibt Notwendigkeiten im eignen Innern, über die man sich selber keine Rechenschaft geben kann, weil sie zu tief mit dem verwachsen sind, was das Sein des Menschen selber ist, das einfache, unwandelbare Sein.
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Aus der Fülle der Briefe, unter denen ich nur ganz wenige alte Freunde vermisse (unter uns: Heidelberg! Umzug!) erzähle ich heut weiter keine Einzelheiten. Ich muß noch für morgen schwierige Sachen lesen und dann auch über den Vortrag: Die "Frau in der Wissenschaft" nachdenken. Dabei ist mein Zustand wechselnd: es ist eben niemals ein plus da. Das Gehirn wird zu sehr ausgepreßt. Das kannst Du Dir gar nicht denken, wie das ist, wenn man immer muß, zur bestimmten Stunde, für den bestimmten Menschen, weil man allenthalben gebraucht wird.
Die liebe Tante wird nun bald zurückkehren. Ihre Marschleistung ist staunenswert. Aber ich fühle es ihr nach, wenn sie am liebsten zu Hause bleibt. Der Sommer ist übrigens ebenso viel wert wie unsre Politik, an die man nicht ohne Wut denken kann. Ich bin jetzt bald "vaterlandsparteireif."
Die "Hochschule f. F." spullte mal wieder einige Tage. Meine beiden Aufsätze: im Kunstwart u. in der Monatsschrift – wollen nicht herauskommen. – Kersch. schrieb gestern eigenhändig ein paar Zeilen. Schrieb ich, daß er in 5–6 Wochen nach Tegernsee will, wo ich ihn dann besuchen soll?
Noch einmal innigsten Dank und tausend herzliche Grüße
Dein Eduard   A E I.