Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Juli 1918 (Leipzig)


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Leipzig, den 14. Juli 1918.
Liebste Freundin!
Deine beiden lieben Briefe möchte ich gern so beantworten, daß Du mit mir recht zufrieden bist. Doch fürchte ich, dies in einem Punkte nicht zu erreichen, nämlich hinsichtlich der endgiltigen Verabredung. Die Sache liegt nämlich so: Bis zum 2. August will und muß ich lesen. Es ist dann das Früheste, wenn ich am 5. August fortkäme. Und eigentlich hatte ich gedacht, daß es am besten wäre, wenn ich erst allein ein Unterkommen suchte und Du dann am 10. oder 11. nachkämest, dann hätten wir nur ruhige Zeit zusammen, die Anstrengung fiele für Dich fort, und für mich ist sie nicht so schlimm, weil ich ja länger Ferien habe (u. öfter!) Nur weiß ich nicht, wo ich suchen soll. Und seit heut kommt nun ein andres dazu, das ich ganz kurz vorher bereisen muß.
Du weißt, es ist die Jahreszeit, wo ich – meinen üblichen Ruf bekomme. Riehls haben es nun in ihrer unversieglichen Liebe und Güte so gedacht, daß ich möglicherweise in Göttingen auf die Liste komme.
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| Geschieht dies, so tut der Minister gewiß alles, was ich wünsche, die Frage ist also mehr als die Wiener, sie ist ein reales Gebilde. Und die Antwort hängt doch [über der Zeile] mit davon ab, wie mir die Stadt zusagt. Deshalb will ich sie mir einmal incognito ansehen; ich würde also am 5. oder 6. am besten erst nach Göttingen fahren, dort nur ein paar Stunden bleiben u. wenn möglich zur Nacht schon in Cassel sein. Das aber würde nicht hindern, daß Du im Interesse seiner Ausnützung doch erst am 10. Urlaub nähmest.
Und nun – wohin? Ich habe meinen Vater gebeten, Benary wegen Gersfeld zu befragen. Du hast natürlich ganz recht gehabt, daß man dies sehr vorausbestellen muß. Aber auch ich habe recht gehabt, daß ich das bei meiner Natur und meiner unbestimmten Zeiteinteilung (s. u.) nicht kann. Nun scheint mir, daß Bekanntschaft am Orte manches erleichtern würde u. mindestens vor – Ausweisung schützt. Mittenberg, sagt mir unser Chinese, der dort eine Besitzung hat, ist z. B. schon leergefressen! Meine Gedanken sind noch immer auf ein kleines württembergisches Landstädtchen mit ein wenig Wald gerichtet. Wir marschieren ja jetzt nicht so viel. Wie ist es mit Clever-Sulzbach z. B. Daneben tauchen 3 Namen in mir auf: Heidelberg, Freudenstadt, Reichenau. Ich müßte Deine
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| Ansicht hören. Wenn wir in Heidelberg eine hübsche Wohnung fänden, würden wir dort gewiß zusammen glücklich sein. Die Speisekarte in der Reichspost z. B. war noch mäßig im Preise und reichlich (zu Ostern.) Freudenstadt würde ich nur schätzen ohne Heinzelmann. Wenn diese besetzt haben und der Lindenwirt uns wohlwill, könnten wir vielleicht in der Linde billig wohnen. Endlich – warum fürchten wir die Reichenau? Man könnte doch mindestens eine Karte mit Rückantwort an Weltes riskieren, unter Betonung, daß wir nichts Besonderes verlangen, nur eben satt werden wollen. Willst Du das mal probieren? Natürlich nur, wenn es Dir richtig scheint, was auch für das übrige Voraussetzung ist.
Ein Punkt ist bei allem zu bedenken: es muß billig sein; d. h. man müßte mit 12 M Pension (was heute billig ist) auskommen. Denn ich bin in Berlin so engagiert, daß ich keine großen Sprünge machen kann. Nach vielen aufregenden Auseinandersetzungen, die durch ein kategorisches Telegramm meines Vaters wieder einen gereizten Charakter erhielten, habe ich nun in 1200 M Miete gewilligt. Die Wohnung ist bereits von Reflektanten besichtigt worden, da die Wirtin den Zettel sofort herausgehängt hatte. Es war mal wieder, kannst Du mir glauben, so unerfreulich wie möglich.
Um mit der Reisefrage abzuschließen: ich bin im Fall Deines Einverständnisses nicht abgeneigt, in der
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| württemberg. Neckargegend zu suchen u. Dich dann telegraphisch zu rufen.
Falls Großmutter Knaps das Zeitliche segnet, mußt Du ja wohl nach Heidelberg? Ich mache darauf aufmerksam, daß Vater Böhm nach ähnlichem Anfall vor 2 Jahren heute noch lebt. – Dass Anna Weise in Deiner Nähe ist, höre ich gern; aber ich finde, daß Du ebenso unruhig lebst wie ich. Trotzdem ist es mir in den letzten 2 Wochen besser gegangen als lange. Die Hörsäle sind von der „Krippe“ gelichtet. Ich habe sie, glaube ich, 2 Stunden gehabt u. bin (mindestens bis jetzt) sonst verschont. Der Vortrag vor den Studentinnen war mir ein lieber Abend, nur sehr anstrengend: 8 – ½ 10 gesprochen, 1 Stunde Diskussion, bis 12 Schnickschnack, zu Fuß nach Hause, um ½ 2 im Bett. Näheres mündlich. Wie Du siehst, bin ich heut u. morgen nicht in Berlin. Am 18. gratulieren wir Volkelt zum 70., der erst am 21. ist (er reist aus.) Am 21. aber muß ich, wenn es zustande kommt, bei einem Ausflug der Studentenschaft auf der Rudelsburg eine politische, hochwichtige Rede halten. Dazu die Semesterschlußarbeit, die sich diesmal sehr steigert. Es bleibt wenig für mich.
Görlitz für 2. November angenommen u. 3 Themata zur Wahl gestellt.
Der Minister ist in Forsthaus Oderbrück im Harz (schön u. teuer!) Am Tage vor der Abreise schickte er mir noch das (fürchterliche) Gedenkblatt von <unleserlicher Name> mit
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| sehr lieben Worten. Er hofft auf ein Gespräch. Das Gesuch von Frl. Wezel u. Pelargus hat er bewilligt, obwohl es eigentlich ganz gegen die preuß. Schnur ging.
Dein Urteil über die Lage, speziell über die Kühlmannaffäre ist ganz das meine. Von Hintze weiß ich nichts. Doch gibt es m. A. nach 2 Deutungen: Entweder ein Zeichen absoluten Mutes u. fester Zuversicht – oder ein neuer <unleserliches Wort> Missgriff. Unsre Pferde werden jetzt mit Hafer systematisch gemästet, um für die große Offensive stark zu sein. Im Winter bekommen sie dann das Laubheu. Die italienische Front kommt unter deutschen Oberbefehl!
Für Dresden hatte ich, zum 1. Mal in meinem Leben, ein Gutachten zu machen, über eine ziemlich nichtige Sache. Ich habe es recht humoristisch und lebhaft gehalten.
Über den Fall Borries nichts Neues. Die Eltern habe ich nie gesehen. Thümmels aber hielten sie für die besten Menschen der Welt.
Vorgestern haben wir die mit 88 Jahren verschiedene Frau Windscheid beerdigt, Käthchens Mutter. Vor 5 Wochen habe ich mich noch mit ihr zusammen photographieren lassen. Vielleicht die bedeutendste Frau in Leipzig.
Biermanns haben mehrere Fälle "Krippe" gehabt. Agnes und Lenchen haben die Masern. Doch reist Frau B.
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| am Sonnabend nach Wilhelmshöhe.
Ich muß hier leider abbrechen. Es ist Sonntag 7 Uhr und der Geburtstagsbrief an m. Vater ist noch nicht in den Kasten. Für den Gedanken mit dem Bild danke ich Dir herzlich; er ist sehr gut.
Nun hetze Dich nicht so ab, überlaß mir das. Ich bin seit langem Meister darin. Sei viel tausendmal gegrüßt von Deinem
täglich an Dich denkenden
Eduard.

Der lieben Tante viele Grüße!