Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. September 1918 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, Sedan 1918.
Liebste Freundin!
Am Ziel angelangt eilen meine Gedanken zurück in die glücklichen Tage, die ich mit Dir verlebt habe. Ich darf nicht sagen, daß wir durch unser Reden und Verhalten die Probe geliefert hätten, daß wir zum Glücklichsein "nichts weiter" brauchen. Aber in der Sache war es doch so, daß unser liebes Heidelberg und unsre Gemeinsamkeit all die kleinen Leiden überstrahlte. Die Vorwürfe, die bisweilen in mir gegen mich selbst aufsteigen wollen, daß ich Dich "ungenährt" aus Deinen Ferien heimsende, kann ich nur beschwichtigen durch dieses gewisse Bewußtsein, daß es in andrer Hinsicht so für uns besser war, als es irgendwo hätte sein können. Als ein sichtbares Zeichen dessen halte ich das Perlennotizbuch in meiner Hand, dessen liebe Inschrift und symbolischer Blumenschmuck mir das ausspricht, was ich selbst fühle: Den Wert und die Zeitlosigkeit eines 15jährigen Daseins miteinander. Die beiden Bilder aus Kurts Feldleben, die ich in der Tasche vorn fand, sprechen von dem für Dich schmerzlichsten Verlust der Kriegszeit: laß uns glauben, daß wir auch gewonnen haben: an Festigkeit, Kraft zum Leiden und zum Ausharren, bis es wieder heller wird in der Welt. So danke ich Dir für diesen Sommer 1918 wie für die vorangehenden: wenn ich auch zu tieferen Gedanken zu matt war, so wird aus diesem Boden doch manches entsprießen, was ich den Seiten des Notizbuches anvertraue oder doch wertfinde, unsrem gemeinsamen Gedankenschatz einverleibt zu werden.
Die Fahrt hierher verlief gut: in Stuttgart eine ruhige Nacht; dann im Dzug guter Platz u. wenig Verspätung. In Ulm fegte der Hochebenensturm wiederum groß. Staubwolken um mich. Trotzdem ging ich in die Stadt, ja sogar in das Münster. Das wäre für uns etwas
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| andres gewesen als Heilbronn. Denke Dir die Häuser um den weiten Münsterplatz mit den Giebeln nach vorn wie in Freudenstadt - ein gemütlicher Anblick. Militärkonzert in der Hauptstraße u. alle Honoratioren unterwegs. Die Fahrt von Ulm nach Augsburg III. Kl. mit lauter Insassen IV. war wieder am unangenehmsten. Am Bhf in Ulm bekam ich Lendenbraten mit Kart. u. Gemüse für 2,80 M, allerdings gegen 6 Fleischmarken; in Augsburg - 3 Regensburger Würstel à 30 Pf gegen je 1 Fleischmarke. Von Augsburg an fuhr ich II. Kl. Beim Blick über die grüne Hochebene kamen mir zum ersten Mal am Tage strömende Gedanken; kurz vor der Dämmerung fuhr ich fast 1 Stunde dicht am Ammersee entlang. In Weilheim kurzer Aufenthalt. In Partenkirchen (11 Uhr) empfing mich der Hausmeister in der Sperre; am Ausgang standen Frau Witting u die beiden Kinder. Besonders Felizitas ganz selig. Sie ist doch ein lieber kleiner Mensch, und gegen mich sehr treu. Es gab dann auch ein Abendbrot (Huhn etc.) - daß Du das alles nicht mit genießen konntest - und nach 1 war Schluß. Heut habe ich mich in ½ Stunde eingerichtet. Die Kinder erschienen um 10 zu m. Frühstück u. freuten sich sehr über m. Mitbringsel (die scheußl. Manchschettenknöpfe habe ich kurz entschlossen in 1 Fünfmarkschein eingewickelt.) Es regnet seit früh, von den Bergen ist nicht einmal der Fuß zu sehen. Gleich will ich nach dem „Sonnen“heil! Das Haus ist ganz leer: 5 Gäste; nur drei davon fand ich in dem Speisesaal, aus dem die Decken auch verschwunden sind. Man unterdrückt eben den Fremdenverkehr mit Feuer u. Schwert. Ganz so still war es 1916, als ich kam. - Die heutige Post brachte einen Brief von Wundt ("Lieber hochverehrter Freund") in Sachen seines Sohnes, für den ich an - Becker schreiben soll. Riehl meldet seine Ankunft per Postkarte, betont aber, daß er viel arbeiten müsse, von früh bis mittags, u. auch nachm. für den nächsten Tag vorbereiten müsse. - Jetzt muß ich abbrechen. Du kennst die Unruhe des 1. Tages. D. Th erwartet mich. Sage unsrer Freundin Knaps viel Liebes u. laß mich von dem lieben bösen Heidelberg hören. Ich gedenke Deiner Stunde für Stunde und bleibe auf jedem Schritte in Liebe u. Dankbarkeit
Dein Eduard.

Hat die Tante geschrieben??