Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. September 1918 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 5. September 1918.
Liebste Freundin!
Diese Antwort auf Deinen lieben Brief soll Dich in Partenkirchen Cassel empfangen, wo Du hoffentlich die Tante gesund und alle Angelegenheiten in guter Ordnung findest. Inzwischen hat sich im Westen so viel verschoben, daß Du froh sein wirst, zu Hause zu sein, obwohl man ja auch dort nichts tun, nichts helfen kann. Ohne oh alle Schwarzseherei erwarte ich noch weitere sehr schwere Wochen. Aber ich muß Frau Witting recht geben: so oder so: es muß doch einmal der Entscheidung näher kommen, und daran habe ich einen ganz festen Glauben, daß wir aus diesem Krieg ungebrochen (wenn auch wohl nicht ohne Schädigung) hervorgehen werden. Du kannst Dir denken, daß die unablässige Mühle dieser Gedanken die sonnige Stille, die fast märchenhafte Ruhe Partenkirchens sehr beeinträchtigt. Aber fortreisen hätte keinen Sinn. Auch brauche ich (leider ganz wie Du!) eine Auffrischung allzu dringend.
Am 2. September hatte D. Th. tatsächlich Geburtstag. Die folgsame Eile hatte also doch einen Sinn. Sie macht erste Gehversuche an Krücken und sprach von einer Ausfahrt, auf die ich aber aus Vorsicht nicht eingehen möchte. Im ganzen sieht sie recht gesund aus und trägt ihr Los weiter mit heiterer Geduld.
Am 3. September kamen - 2 Briefe aus dem Berliner Ministerium und einer von Wundt. Du kannst Dir meinen Schreck denken. Der Minister schrieb (reizend liebenswürdig), ob ich nicht im September auf einige Tage kommen könnte: er käme ohne meinen Rat nicht vom Fleck. Als Gegenstände nannte er nur ganz allgemeine, grundsätzliche Themata. Ich antwortete, daß ich im Fall der Eile telegraph. Beorderung erwartete, andernfalls aber bäte, bis zum 27.IX. zögern zu dürfen, da ich etwas verhungert wäre. Wundt bat, daß ich s. Sohn bei Becker für Dorpat als Redner
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| vorschlagen sollte. Ich schrieb also auch an Becker u. fügte zum Schluß eine sehr traurige Schilderung meines Kräftezustandes hinzu, damit er nicht im September mit Verhandlungen anfängt. Endlich wollte man von U I mein Gutachten in einer Titelsache. Ich konnte nicht antworten, weil es sich um Schriften eines spezifisch katholischen Autors handelte. Auch geht das m. E. ein bißchen weit mit der Gefälligkeit. Nimmst Du hinzu, daß ich noch an Wundt und andre zu schreiben hatte, so wirst Du Dich nicht wundern, daß ich nicht zum Arbeiten gekommen bin. Teils fehlen ja noch die Bücher. Teils ist es jetzt bei der militärischen Lage unmöglich. Teils ist der Tag zu zersplittert. Ich plane nun eine Denkschrift für den Minister über die Volksschullehrerseminare.
Riehls sind erst am 2.IX. von Müritz abgereist - Gestern Abend kam ein Telegramm von ihm, worin er nach dem Wetter fragt: ein Zeichen, daß er nicht viel Lust hat, was ich ihm nach Lage der Dinge nicht verübeln kann.
Das Wetter ist in der Tat sonnig, warm, heut etwas föhnig. Genau wie im vorigen Jahr bewirkt die feuchtwarme Luft eine erhebliche Steigerung meiner Neuralgien. Aber die Verpflegung grenzt an Mastkur. Frau Witting tut zu viel für mich. Das Schuldbuch wächst ins Riesenhafte. So etwas hättest Du auch haben sollen, Du arme Verschleppte. Denn Dein Glaube an Gerüchte und Dein Auge fürs Leid ringsum beruht auch etwas auf eigner nervöser Depression. Ich sah am Sonntag überfüllte Münchner Züge mit ausgelassenen Ausflüglern. Das Leben geht seinen Gang durch Tragik und Freude, als ob beides nichts wäre.
Die Voss. Zeit. hat am 28. August einen ganz vernünftigen Artikel über die Oberlehrerdenkschrift gebracht. Der Minister will mit mir beraten, was er mit den 1000 Exemplaren anfangen u. welche Verfügung er jetzt (!?) erlassen soll. - Grüße mir die liebe Tante sehr herzlich und empfange tausend innige Grüße, auch im voraus Dank für die Mühe mit den Packeten.
In innigem Gedenken Dein Eduard.