Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. September 1918 (Partenkirchen)


[1]
|
Partenkirchen, den 22. September 1918.
Liebste Freundin!
Gestern fand ich ganz zufällig im Bureau ein sehr zerquetschtes Postpäckchen und entdeckte mit Staunen Deinen Namen darauf. Es war von Frl. Pelargus und enthielt sehr niedliche Veilchen, die aber den Transport nicht mehr vertragen hätten. Den Brief habe ich Dir gesandt. Vielleicht findest Du bald einmal Zeit zu antworten. Sie wundert sich sonst, daß ich nichts von ihrer Aufmerksamkeit erwähnt habe. Doch habe ich mich herzlich darüber gefreut.
Morgen (12 Uhr) geht es also fort von hier. Es war ein vom Wetter und Verpflegung sehr begünstigter Aufenthalt; auch von Freundschaft verschönt. Politisch war es weniger sonnig; und persönlich habe ich, abgesehen von den Zeiten, wo ich direkt zu arbeiten hatte, nicht eine ½ Stunde für mich allein gehabt. Fünfmal beim Zahnarzt, alle 2-3 Tage im Sonnenheil, mit Riehl Philosophieren, Lesen, Spazierengehen (diesmal ohne Anstrengung!), abends mindestens bis 11 mit Frau W., das ist, im einzelnen genommen, alles schön, nur ein bißchen anstrengend. Trotzdem habe ich mich sehr erholt u. wohl auch etwas zugenommen. Nur für das Semester ist garnichts vorbereitet. Das einzige, was ich arbeiten konnte, war Niederschrift u. Abschrift der 15 Seiten Denkschrift über die Volksschullehrerseminare, die am Donnerstag abgegangen ist.
Riehl ist oft politisch und persönlich sehr verstimmt. An Frische hat er seit dem letzten Jahr leider sichtlich verloren. Er redet sehr zu, Göttingen anzunehmen; doch glaube ich nicht, daß er in solchen praktischen Fragen sicher urteilt. Vom Minister habe ich noch keine Antwort. Es ist daher auch unbestimmt, ob ich am Donnerstag Abend in Berlin sein werde oder in Leipzig.
Von Husserl habe ich einen 8 Seiten langen Brief, der mir
[2]
| nicht schlecht gefällt. Doch habe ich ihn noch garnicht genau lesen können (!) Später werde ich ihn Dir einmal mit eingeschriebenen Sachen schicken.
Hingegen hat Volkelt mir auf m. Aufsatz in s. Festschrifteine durchaus ablehnende, schulmeisterliche Kritik geschickt, die mich in fataler Weise an die Gutachten erinnert, die wir gemeinsam über Dissertationen schreiben. Ich habe ihm das Ungehörige des Tones sogleich, wie ich glaube, in feiner Weise zu Gemüte geführt und werde es nötigenfalls mündlich noch ganz deutlich aussprechen.
Das habe ich wohl schon geschrieben, daß der alte Böhm sich den Schenkelhals u. das Schlüsselbein gebrochen hat. Es geht ihm jedoch nicht hoffnungslos. Seine Cousine, eine fast 70 jähr. Dame teilte es mir (außer D. Th.) mit, damit ich ihm schriebe. Ich erhielt dann auch ein paar freundliche Zeilen diktiert von ihm zurück. D. Th. macht die ersten Gehversuche an Krücken. Überhaupt sind die Fortschritte ganz zufriedenstellend, nur ist mit den Schwestern ein ewiger Zank, der vielleicht einmal zu einer Krisis führen kann. Der Mensch macht sich übrigens in solchen Verhältnissen ganz anders als in s. täglichen Beruf.
Daß Frl. Wezel u. Frl. Pelargus ihr Examen bestanden haben, wirst Du aus dem Brief der letzteren wohl erfahren haben. Sie bleiben nun zunächst den Winter in Berlin. Kerschensteiner schreibt sichtlich munter. Ich werde morgen (Montag) 9.27 in [über der Zeile] Bahnhofhôtel Tegernsee sein. Dort bleibe ich bis Mittwoch Nachm. 6 Uhr. Dann trete ich die Rückreise an. Vielleicht sehe ich in München noch Baierl, für den unsre Winterepisode nun zur Ehe führen wird.
Vom Semester erwarte ich weniger als je. Die Leute scheinen alle etwas an Hungerkrankheit zu leiden. Frl. Kiehm macht mir seit einiger Zeit einen ganz merkw Eindruck. - Schrieb ich schon, daß Willy Landgraf, mit dem ich seit 8 Jahren kaum einen Brief gewechselt habe, mich in plumper Weise zum Paten s. Sohnes haben wollte? Der Brief kam Gottlob zu spät u. ich antwortete kühl. Ludwig ist nervenkrank in Hahnenklee. Vor 10 Jahren waren wir in Tegernsee.
[3]
|
Die Schönheit der herbstlichen Tage hier hilft über alle Gemütssorgen hinweg, solange die Sonne scheint. So ein Tag wie gestern - wir gingen zu zweien über Elmau nach Mittenwald, ist übhpt unbeschreibbar. Auch heute sitze ich um 9 schon bei absoluter durchsichtiger Klarheit der Berge auf dem Balkon u. schreibe diesen Brief. –
Die Post unterbricht mich; Deine Karte kommt. Riehl diktiert mir weiter. Hans in Uniform ist im Garten. Ich besuche - ohne Erfolg, Bardenheuer u. Frau. Die Luft ist voll von ungünstigen Nachrichten. - Meine Uhr, die beim Aufziehen plötzlich stehenblieb - warum? - kostet 10 M. Ich bin noch froh, sie zu haben für die Reise. Ob Riehl morgen nach München fährt, ist neuerdings zweifelhaft geworden. Sehr unangenehm ist mir die Unbestimmtheit des endgiltigen Reisezieles.
Ungestärkte Vorhemden besorge bitte nicht. Denn wenn es keine gestärkten mehr gibt, nimmt man die vorhandenen mit möglichst breiten Krawatten. Ich danke herzlich für die Besorgung der übrigen Sachen.
Zu dem Satz: "Wegen der Dreiteilung kann ich Dich weiter nicht bedauern, Du hast es ja so gewollt", möchte ich bemerken, daß ich auch kein Bedauern gewollt habe. Immerhin glaubte ich über innere Schwierigkeiten, die im Leben nun einmal unvermeidlich sind, mich aussprechen zu dürfen.
Den Fall Schwidtal bedaure ich lebhaft. Deine Stellung - die ja nicht gerade glänzend ist, bleibt Dir hoffentlich erhalten. Du weißt ja, daß das Provisorium der gegenwärtigen Existenz zwischen Cassel u. Heidelberg mir schon lange nicht gefällt. Es wird um so unzweckmäßiger, je deutlicher wird, daß von einem Kriegsende noch lange keine Rede sein kann und nach dem Kriegsende keine Rede vom Ende der allgemeinen Notlage.
Der sächs. Regierung, die an m. ironischen Satz am Schluß des letzten Berichtes anknüpfte, habe ich einen großartigen Plan zur Aus- u. Umgestaltung der päd. Seminare entwickelt. Ich bin neugierig, was nun aus diesen Plänen u. den Göttinger Möglichkeiten wird. - Viele herzliche Grüße an die liebe Tante und Dich
Dein dankbarer Eduard.