Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Oktober 1918 (Leipzig)


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<S. 1/li. Ecke Zeichnung/Druck: Gewandhaus, S. 3/li. Ecke Zeichnung/Druck: Schäferbrunnen>
<gedruckt: Leipzig, am> 8. Oktober 1918.
Liebste Freundin! Ich habe Deine beiden Briefe. Glaube mir, daß auch ich das Bedürfnis nach Aussprache und Gemeinsamkeit in diesen schwersten Tagen brennend empfunden habe. Aber die Unmöglichkeit, jeder Wendung des Gedankens mit der Feder zu folgen, die Unmöglichkeit, das Rechte zu sagen, ließen mich auch wieder bis heute schweigen.
Soweit ich mich bis jetzt zu einer Ansicht durchgerungen habe, ist es diese: Es gibt ein wichtiges, entscheidendes Faktum, das wir nicht kennen. Dieses läßt eine entschlossene Kriegsführung weiter unmöglich erscheinen. Seien es Pferde u. Benzin, seien es Munitionsstoffe, oder etwas andres: nicht Bulgarien ist der Anlaß, sondern dieses Unbekannte. Viele behaupten hier, es sei der völlige Zerfall der Disziplin an der Front; doch hört man auch das Gegenteil. Wäre es nicht so unmittelbar bedrohlich, so hätte das Hauptquartier den schwerwiegenden Schritt nicht gebilligt, und Konservative wie Nationalliberale hätten den Widerstand organisiert, der bei 20 Stimmen mehr erfolgreich hätte sein können. Vaterlandspartei und alldeutsche Blätter, denen die entsprechende Information mangelt, setzen ihren leidenschaftlichen Feldzug fort. Ich begreife nicht, daß man sie dann in diesem Augenblick gewähren läßt, wofern man nämlich den Frieden wirklich braucht und dringend will.
So unklar alles steht: die Schlechtigkeit unsrer Führung steht in hellem Lichte. Die Rede des Prinzen Max stempelt das, was wir seit 3 Jahren getan haben, zu einem Verbrechen. Ich verstehe diesen Prinzen Max noch nicht. Kann man so weit aus seinem
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| Blut heraus? Aber das ist seine Sache. Diese Rede ist, wenn sie ehrlich gemeint ist, das dümmste Stück an politischer Psychologie, das wir uns geleistet haben; es ist der politische Selbstmord. Ist sie aber politisch gemeint, so kann sie eine große Klugheit sein. Nur fühle ich bis jetzt aus diesen Worten davon nichts heraus. Hoffen wir, daß er "seine Rolle gut spielt". Ein Ideolog an der Spitze, oder gar ein "Ästhet", wie Richard Schmidt ihn nennt, das hat uns noch gefehlt. Und ich fürchte fast, daß er das ist. Bis heute habe ich auch keinen Glauben an den Erfolg dieses Schrittes, wenn man das einen Erfolg nennen darf, was wir im Beginn des Krieges als unerträglich abgewiesen hätten.
Ich schweige von dem empörenden Gedanken, daß wir einen Wilson anrufen; ich suche diese Schmach nicht auszudenken. Aber die Schmach ist nicht größer als die törichte Leichtgläubigkeit; was müssen wir in Berlin für ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir diesem Mann einen ehrlichen ethischen Kern zutrauen!
Im Grunde kommt es ja nun, wie ich vorausgesagt habe: die Revolution ist [über der Zeile] nun so friedlich und unblutig verlaufen, daß sie über Nacht Siegerin war und wir es kaum merkten. Ja sogar die Ideen von internationalen Garantien, die ich im Dezember 1914 voraussagte, sind schon im Anmarsch; mir viel zu früh, denn so etwas wächst nicht aus dem Haß u. der Verleumdung unmittelbar heraus. Es ist nur denkbar, daß über die ganze Welt eine unpolitische Ideologie käme, wie damals 1815 mit der Heiligen Allianz. Aber diesmal ist England dabei, und das schließt wohl solche romantischen Träumereien aus.
Hier an der Universität habe ich niemanden getroffen, der einen Hoffnungsschimmer hätte. Selbst der friedliche Volkelt kann vor Schamgefühl die Nacht nicht schlafen.
Aber darin stimme ich ganz mit Dir überein: Ich glaube an ein gutes Ende; ich glaube daran in einem durchaus religiösen Sinne. Gewiß, in unsrem Volk mehren sich schlimme Symptome
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| sittlichen Verfalls. Aber die Armee, die 4 Jahre heroisch gekämpft hat, die kann vom Schicksal nicht Lügen gestraft werden. Die Heerscharen der Gefallenen werden aufstehen und für uns zeugen. Deutschland geht nicht unter, darüber bin ich ganz ruhig. Und an seinem inneren Werte wollen wir dann schon bauen. -
Deine Reise nach Heidelberg finde ich ganz richtig, obwohl ich mit Dir hoffe, daß es so weit nicht kommt. Die Vorsicht ist man sich selbst schuldig, sie ist keine Kleingläubigkeit und kein unzeitiger Egoismus.
Über den Artikel 9, der die Verantwortlichkeit der Minister betrifft, kann ich Dir leider heut auch keine Auskunft geben. - Schmidt schrieb mir als Dank für die Gratulation (mit [über der Zeile] 13 Rosen - 20 M - für s. Frau) "Ob und was ich noch an der Spitze des Unterrichtsressorts leisten werde, steht in einer höheren Hand." Bis jetzt ist er geblieben. Ich habe noch nachzutragen, daß ich im stillen vermute, man will im Kriege in Berlin ein pädagog. Ordinariat einrichten u. mir geben. Deshalb von Göttingen kein Wort. Der GOR. Hintze hat sich vielleicht verplappert, als er mir auf dem Korridor sagte: "Sie kommen jetzt ganz nach Berlin, Herr Professor?" Ich mußte nein sagen. Nun eine gewisse Verlegenheit: er habe geglaubt, es eben aus den Worten des Ministers so verstanden zu haben. Der Minister hat aber nichts derartiges gesagt, höchstens die Begrüßungsworte: "Willkommen in Berlin." Doch das ist ja jetzt alles Stadtklatsch.
Mit Bedauern und Besorgnis für Dich habe ich gelesen, daß keine Elektrische mehr in Cassel geht. Nun richte es wenigstens so ein, daß Du nur einmal am Tage ins Krankenhaus brauchst. Die Schwierigkeiten in Berlin empfinde ich sehr mit. Indessen beachte
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| eins: ein Samariterdienst, der einmal übernommen worden ist, hört nie wieder auf. Deshalb folge da nicht der ersten guten Herzensregung.
Ich habe das Semester, trotz Schnupfen und unkurierbarer leichter Zahnschmerzen, gut begonnen. Die Pädagogik (Mo. Di. Do. Fr. 8-9) hält sich im Besuch auf der alten guten Höhe. Die Philos. u. Politik Mo 7-8 war gestern stark, aber im Verhältnis zu schwach besucht. Der heutige Student will eben, als Leser des B.T., vom Staate nichts mehr hören. Hingegen haben sich für die Kantübung - halt Dich fest - 130 Teilnehmer persönlich angemeldet und sind auch erschienen. Da muß doch etwas am philos. Studium in Leipzig nicht in Ordnung sein, wenn ein Mann so überlaufen wird.
Frau Riehl ist voll tiefster Empörung. Sie hat übrigens eine (furchtbar teure, aber gute) Vormittagsaufwartung. Und jetzt auch nachm. wenigstens Aushilfe. Der Kuriosität wegen teile ich mit, daß die Mekka noch ein drittes Mal gekommen ist. In die Sammlung sollte auch der Aufsatz einer Frau - Spranger-Herz hinein. Nun habe ich aus naheliegenden Gründen erst recht abgesagt. Die Aufsätze sind bei Quelle u. Meyer, dessen Mut ich bewundere, zum Druck. Herre konnte ich bisher nur kurz sprechen. Seine Stimmung kannst Du Dir denken. Bei Biermann grenzte sie am Sonntag an Unliebenswürdigkeit; er ist auch privatim verstimmt u. sprach von Aufgeben der Professur (vertraulich!)
Frau Dr. Günther - Cröbern hat mir einen großen Korb mit herrlichem Obst gesandt. Diese sehr treuen und durch die Tat bewährten Freunde beachte ich viel zu wenig. Ich muß in einer Stunde in eine Sitzung zur Leipziger Schulreform, die eine große Sache wird. Aber wer kann heute sagen, was übhpt wird? Hoffentlich hast Du eine gute Heimreise. Diese Zeilen sollen Dich empfangen und Dir meine Grüße bringen. Auch der lieben Tante gedenke ich herzlich
Dein Eduard.

[li. Rand] Willy Landgraf hat mich in abscentia zur Patenschaft seines Sohnes gezwungen, die 7. - Nach m. Kolleg brachte mir gestern eine üble <Kopf> Jüdin Grüße von Nieschling, den sie in Friedrichroda kennen gelernt hatte.
[re. Rand] Beim Herausgehen aus der 1. Vorlesung fiel ich auf dem geölten Boden lang hin. Ein Omen?