Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Oktober 1918 (Leipzig)


[1]
|
<S. 1/li. Ecke Zeichnung/Druck: Schäferbrunnen, S. 3/li. Ecke Zeichnung/Druck: Altes Rathaus>
<gedruckt: Leipzig, am> 19. Oktober 1918.
Liebste Freundin! Die Ereignisse jagen sich so, daß es unmöglich ist, ihnen in brieflichem Austausch zu folgen. Wir alle fühlen, daß es die schwersten Zeiten sind, die wir je durchlebt haben; eben weil wir voraussehen, daß noch schlimmere kommen werden.
Mein Glaube an eine endliche Wendung zum Erträglichen - nur dies - steht immer noch fest. Aber die Sache hat moralisch ein ganz anderes Gesicht erhalten. Ohne sich auf die unfruchtbare Rolle des Anklägers zu legen, zeigen doch tausend Tatsachen und Veröffentlichungen der letzten Zeit, wie groß die Schuld unsrer Regierung ist. Ich fange an, die Ursachen unsres schlechten Rufes, das Mißtrauen, dem wir begegnen, die Isolierung in der Welt zu verstehen. Das Lied von der deutschen Treue ist schändlich Lügen gestraft. Es hat nicht nur bodenloser Dilettantismus, sondern frevelhafter Leichtsinn oben geherrscht. Als ich von den Mitteilungen hörte, die Schultze-Gävernitz in der "Voß" veröffentlicht, war meine Empörung grenzenlos: ich fühlte uns als Volk in dem allen beschimpft. Die Wendung zum Parlamentarismus ist vielleicht noch keine Verbesserung, aber sie war eine Notwendigkeit, und ich würde sogar noch mehr (wenn es nicht auf Druck von außen geschieht) aus einem gerechten Zorn heraus begreiflich finden.
Und doch - der Wille des Volkes war rein; seine Wege mögen irregelenkt sein; das ändert nichts an seinem Opfermut, seiner Kraft, seiner Tüchtigkeit, seinem Wert für die Welt. Ich glaube - zumal das Sündenregister der anderen noch größer ist -, daß allein der Widerstand gegen die Hungerblockade eine siegwürdige Leistung bedeutet.
[2]
|
Was wird nun geschehen? Herre, mit dem ich gestern die gewohnte anregende Mittagsbegegnung hatte, war nicht hoffnungslos hinsichtlich eines Fortganges der Verhandlungen. Kommt es zu keiner Einigung, so steht Aufruf aller Parteien zu erwarten und die Erhöhung der Dienstaltersgrenze auf 60 Jahre. Gestern abend im Sprechzimmer herrschte die größte Entmutigung, die ich je gesehen. Brandenburg erhoffte nur noch von einem Akt militärischen Widerstandes eine Aufbesserung; Wach hielt mir eine Rede von 20 Min, daß wir auch ohne die Last der Kriegsentschädigungen dem sicheren wirtsch. Ruin entgegengingen. Daß Sachsen z. B. eine Universität wie Leipzig erhielte - völlig ausgeschlossen. Deshalb bliebe nichts - so betonte er wiederholt - als Kampf bis zum letzten Blutstropfen. Lieber untergehen als diese Zukunft.
Kerschensteiners Auffassung sende ich Dir mit der Bitte um baldige Rückgabe zwecks Antwort.
Meine eigne Ansicht ist eine doppelte: Entweder fehlt uns ein kriegswichtiger Stoff völlig, so daß wir schon heut nichts mehr machen können. Dann bleibt natürlich nichts als eine diplomatische Aktion, die das relativ Mögliche aus der Konkursmasse rettet. Ist dies nicht der Fall, so sehe ich nicht so schwarz. Die Kämpfe im Westen können vielleicht noch 3 Wochen andauern. Halten wir da eine erträgliche Linie, so stehen wir immer noch im Feindesland. Man wird sich überlegen, ob man den Tanz im Frühjahr noch einmal beginnt, auf beiden Seiten. Aber diese 3 Wochen müssen wir noch aushalten. Die (sog.) Erfolge im Osten sind natürlich alle verloren. Aber Du erinnerst Dich, daß ich ihnen nie ein erhebliches Gewicht beigelegt habe. Ich würde es - wie die Dinge liegen - als einen größeren Sieg feiern, wenn wir jetzt Deutsch-Oesterreich in einem losen Verhältnis uns angliedern könnten, ohne die Habsburger natürlich, aber mit Tirol und Salzburg und Deutsch-Böhmen. Die Entente wird das verhindern wollen. Deshalb genügt mir schon die Schaffung einer Situation, die die Vollziehung dieses Schrittes nach dem Frieden gestattet.
[3]
| Hinsichtlich Elsaß Lothringen bin ich für Teilung, so daß die ausgesprochen deutschen Teile bei uns bleiben. Ein Stück von Posen würde ich geben, jedoch nicht Westpreußisches und Schlesisches Gebiet. Die Gefahr des polnischen Keiles wird durch Deutsch-Oesterreich als deutschen Keil gemindert.
Um nun zu den weniger wichtigen Privatangelegenheiten zu kommen, so bin ich seit 14 Tagen erkältet, anfangs Schnupfen, 2 Tage influenzaartig, jedoch Gottlob unentwickelt; seit kurzem auch Husten, jedoch ohne Fieber und besonderes Mißbefinden, wohl wesentlich Folge der Anstrengung des Sprechens bei bestehender Heiserkeit. Dann gestern, mußte ich, obwohl ich schon um 6 keinen Ton in der Kehle hatte, noch 1 Stunde 40 Min. stehend fast ohne Unterbrechung Kant interpretieren. Frau Direktor hat mich in liebenswürdiger Weise gezwungen, heute bis 12 im Bett zu bleiben; ich habe zu hause Mittag gegessen und werde mich heut und morgen schonen.
Der Erkältung war die Teilnahme am Ev Sozialen Kongreß nicht günstig. Außer dem Vorsitzenden, Baumgarten, der wie ein Luther donnerte, eine Jammergesellschaft, voll von christlicher Liebe zu Engländern u. Amerikanern, nur nicht zu uns, und voll von Bußfertigkeit für unsre Sünden. Sigmund Schultze hielt eine mich tief enttäuschende Rede, die ich wortlos beantworten mußte. Rade, der sekundierte, bekam wenigstens hinterher einen Brief mit meiner deutlichen Meinung. Nachm. sprach Ziehen über den unvermeidlichen Aufstieg der Begabten; ich eröffnete mit längeren Ausführungen die Diskussion und mußte dann sofort zur Fakultätssitzung, konnte also das Geheul und Geschrei des Leipziger Lehrervereins nicht abwarten. "Demagogie", wie Baumgarten
[4]
| richtig sagte.
Die Vorlesungen und Übungen florieren trotz Zeitnot und Grippe. Besonders in den Kantübungen, für die sich nun glücklich 150 angemeldet haben, sieht es aus wie im Frieden, und ich gebe mir ganz extra Mühe, diese Gelegenheit des Pflanzens zu benutzen. Das politische Kolleg ist relativ am schwächsten besucht. Überall sind doch schon wieder viele Männer; ob die ganze Herrlichkeit freilich noch 14 Tage dauert, ist die Frage.
Das ist nun auch eine finanzielle Frage natürlich. Ich kann ganz zufrieden sein mit der Gestaltung der Verhältnisse. Die Mehrausgaben der Reise sind gedeckt durch eine einmalige Teuerungszulage von 700 M. Der Kunstwart will 200 M zahlen, der Minister vergütet 120 M für die Reise, Q. u. M.- wenn es wird - bedeutet ein Objekt von 1000 M. Die Stundungen - darunter 1 von Berlin - betragen auch ca 150 M. Welche erhöhten Ausgaben dem gegenüber stehen, weißt Du ja auch. Immerhin ist es doch besser, als völliger Rückgang der Einnahmen.
Nieschling hat mich in Berlin am 30.IX. verfehlt. Er wird jetzt in Erfurt sein. Doch kann ich jetzt nicht reisen. Alle Eisenbahnwagen rollen nach dem Westen. Hans Witting ist auch schon im Feld.
Mein Famulus hat die Grippe. Muthesius konnte Mittwoch wegen Erkältung nicht kommen. Die Berliner Aktion darf aber nicht einschlafen. NB. das Ministerium Beck wackelt bedenklich. Jungmann erzählte neulich ausführlich. Von mir soll Exc. mit besonderer Wärme gesprochen haben. Als Nachfolger im Unterrichtswesen kommt Seyfert in Betracht, ein tüchtiger Mann für niederes Schulwesen - indessen Universitäten, Kunst, Technik???
Riehl ist untröstlich. Er hat in 2 Tagen 2 lange Briefe geschrieben. Ich muß jetzt aufhören. Laß Gutes von Dir hören, soweit uns jetzt Gutes beschieden sein kann. Ich grüße Dich u. die Tante herzlichst
Dein Eduard.