Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Oktober 1918 (Leipzig, Postkarte)


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26.X.18. ½ 1 Mittags. Liebste Freundin! Die Verletzung der lieben Tante erweckt mein herzliches Mitgefühl; ich kann mir ihre Schmerzen und Deinen Schreck vorstellen. Hoffentlich hat der Blutverlust nicht zu viel Kräfte geraubt! - Ich will auf Deinen heute früh erhaltenen lieben Brief nur mitteilen, daß wir in der Auffasssung der Lage und der Aussichten völlig übereinstimmen. Es gibt, so bitter es ist, nur den einen Weg.
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| In der Tat habe ich Montag Abend u. Dienstag früh wegen leichter Grippeaffektion m. Vorlesungen ausgesetzt. Nur für wenige Stunden hatte ich 37,5, sonst normal, auch der Husten ist so gut wie fort. Aber die Erregung der Tage nimmt meine Nerven furchtbar mit. Es sind viele Sitzungen, die Universität hat auf ihre Art Stellung genommen. Dazu muß man sich zwingen, die Vorlesungen noch zu halten. Alles strebt auseinander. Mir freilich bleiben m. Hörer trotz Grippe u. allem treu. Aber auf welcher Basis werde ich künftig bauen u. arbeiten? Daß Beck u. die beiden anderen Minister gegangen sind, hast Du wohl gelesen. Trennung v. Kultus u. Unterricht. Mir erwünscht. Von der neuen Person hängt es mit ab, ob meine in letzter Zeit manchmal auf G. gerichteten Gedanken festere Gestalt gewinnen. - Welch eine Wendung! Welch ein Ende! Es kann das Ende noch nicht sein. Die Weltgeschichte reguliert ihre Verpflichtungen nicht in 1 Jahr<-unleserlich>. Die Briefe laß, wo sie sind. Das ist jetzt belanglos, wo <li. Rand> so viel Großes untergeht. Herzlichste Grüße Euch beiden Dein Eduard.
[Kopf] Von Nieschling nichts! Die Meistersinger laß wo sie sind.