Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Oktober 1918 (Leipzig)


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<S. 1/li. Ecke Zeichnung/Druck: Gewandhaus; S. 3/li. Ecke Zeichnung/Druck: Schäferbrunnen>
<gedruckt: Leipzig, am> 29. Oktober 1918.
Liebste Freundin! Die Ereignisse jagen sich so, daß es unmöglich ist, ihnen mit der Feder zu folgen. Aber die Lage ist ja klarer als wünschenswert. Es ist alles verloren, und wir sind auf Gnade und Ungnade der Entente ausgeliefert.
Am vorigen Mittwoch wurde mit einer Plötzlichkeit, gegen die ich protestierte, eine Versammlung des Lehrkörpers einberufen, um eine vaterländische Kundgebung zu beschließen. Ich konnte nicht beiwohnen, weil ich gleichzeitig eine vom Stellv. Generalkommando in geheimer Sache anberaumte Sitzung hatte, von der ich auch auf telegraphische Bitte nicht losgelassen wurde. Es wurde, gegen Abmahnen von 2 Seiten, eine Kundgebung etwa so beschlossen: "Wir beugen uns nicht unter einen Gewaltfrieden. Wir sind bereit, das Letzte einzusetzen für Deutschlands Größe, Ehre und ‘Unversehrtheit.’" Die Bekanntmachung erschien im Stil einer Verlobungsanzeige in beiden Zeitungen. Die Studentenschaft, die schon am Vorm. eine arglos angesetzte Rede von Krueger über den "Deutschen Geist" mit teilweise lautem Widerspruch angehört hatte, verweigerte die Mitunterzeichnung der Erklärung. Am schwarzen Brett fand sich darunter ein anonymer Zettel: "Die Herren Professoren etc. werden aufgefordert, sich freiwillig an die Front zu melden." In den Kasernen u. Bürgerkreisen lebhafte Mißbilligung des Schrittes, in einer sonst wohlgesinnten Zeitung und anonymen Schreiben direkte Anpöbelung. Gestern erfolgte eine Versammlung, deren Tagesordnung den Antrag bildete, die Reklamationen aufheben zu lassen und freiwillig ins Heer zu treten. Dabei war wesentlich an die ehemaligen Offiziere und wohl kaum an die D. u. s gedacht. Was beschlossen worden ist, weiß ich noch nicht. Ich hatte gleichzeitig Vorlesung. Im Hauptbhf soll gestern ein Zug 5 Stunden gestanden haben, der nicht abfahren konnte, weil scharf geschossen wurde. Ähnliche Nachrichten von überall her. Ein Regiment von "Treuen" soll konsigniert sein.
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| Ich sprach am Sonntag mit Wundt, eben mit Muthesius. Mit beiden (wie mit den meisten Sehenden) bin ich einig, daß ein Aufruf zum Endkampf nutzlos ist. Ich bin entschlossen, dem sogar mit ausdrücklichen Worten entgegenzutreten. Die Folge einer solchen letzten Anstrengung wäre Revolution und Invasion. Die Intelligenz würde abgeschossen werden, Dtschld den U. Soz. bleiben. Über diese letzte Aussicht sprach mit ergreifendem Pessimismus auch der Vertreter des Stellv. Generalk.
Täglich hört man Neues, täglich kommen neue Pläne. Die Sitzungen jagen sich nur so. Daneben soll man seinen Dienst tun. Denn die Studentenschaft sitzt dichtgeschart vor mir. Der Minister Beck ist gegangen. Ebenso die 2 Kollegen. Es tritt zunächst an s. Stelle v. Nostiz-Wallwitz, bisher Gesandter in Wien, wo ich ihn eigentlich besuchen sollte, früher Nachbar von Biermanns, ein freigesinnter, besonders für Jugendpflege interessierter Mann. Doch soll später der Unterricht abgetrennt werden und voraussichtlich in die Hände eines Parlamentariers kommen. Der Schulrat Seyfert hat freilich abgelehnt. An den Minister in Berlin habe ich einen dringend beschwörenden, sehr offenen Brief geschrieben, den er mir vermutlich übelgenommen hat. Aber mir schien Wahrheit jetzt wichtiger als Form und Regel. Eine Antwort fehlt.
So unsäglich alles auf mir lastet, vor allem die Schmach, dann auch der Unmut über jahrelange Irreleitung des Volkes, die Besorgnis vor den noch tieferen Demütigungen, die kommen, so bin ich mir doch zum 1. Mal im ganzen Kriege völlig klar. Es muß ein Ende gemacht werden, um jeden Preis. Das Volk muß erhalten bleiben, darüber ist jede romantische Neigung sonst in den Hintergrund zu stellen. Und ebenso fest ist in mir der Wille zum Tragen. Es beginnt jetzt allmählich meine Zeit. Wir müssen dann arbeiten und aufbauen, zunächst vom kleinen engen akademischen Zirkel aus, nicht mit Ministerien, Zeitungen, Kongressen, sondern in der Stille einer kleinen ethischen Gemeinschaft. Das allein wirkt weiter. Und eine Fülle neuer Gedanken wächst schon jetzt aus den Lehren dieser bittersten Tage heraus, die kein andres Volk so schonungslos erlebt hat. Politische Erziehung oben, nicht unten, Lehrerbildung! Jugendpflege, kurz:
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| Mobilmachung der geistigen Kräfte. Wenn nur die qualvolle Ungewißheit erst vorbei wäre, wenn wir mit unsrem Schmerz und unsrem Unglück erst allein wären.
Gefangene Deutsch-Amerikaner sollen, als man sie bedauerte, gesagt haben: "O nein, wir sind gern mitgegangen, damit die Schweinerei bei Euch endlich einmal aufhört." Diese müssen belehrt werden, und wir müssen lernen. Es ist gut, daß meine maßvollen Aufsätze mich in nichts vorbelasten. Die 6 Nummern bei Quelle u. Meyer (heut die ersten Korrekturen) enthalten nur einen Nebensatz, den ich streichen muß. Sonst ist alles auch für die neue Zeit haltbar und gewichtig.
Am Donnerstag ist Rektoratswechsel. Die Kollegen haben die Situation z. T. immer noch nicht erfaßt. Sie kommen mit falschen Analogien von 1813. Selbst Wundt lehnt sie ab. Morgen Abend soll eine politische Beratung im engeren Kreise sein, in der ich meine Auffassung nicht verschweigen werde. Es hat doch wohl innere Gründe gehabt, daß ich so lange schweigen mußte: Das reine, tiefe Ja war nicht möglich. Darin liegt selbstverständlich kein Widerruf. Das wäre Verrat an unsren Toten. Aber unsre Politik war es eben doch nicht, die in Mesopotamien und Finnland gemacht wurde.
Am Sonnabend muß ich nun - leider - nach Görlitz. Ich werde beim Bürgermeister wohnen. Sonntag bleibe ich kurz bei Dr. Rolle in Bautzen, Montag um 8 ist schon wieder Kolleg.
Und nun komme ich endlich zu dem herzlichen warmen Dank für das gestern eingetroffene Paket, mit dem Du Dir trotz so vieler andrer Pflichten wieder die rührendste Sorge gemacht hast. Ich danke für die Wäsche, Äpfel, Zigarren, das Böhmsche Blatt u. alles. Das Hemd und den Kragen habe ich noch nicht probieren können. Den Pelzkragen werde ich versuchen. Darüber dann später Bericht. - Aber was wichtiger ist: Wie steht es denn mit den Fingern der lieben
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|Tante? Und mit Walther? Die Kämpfe draußen sind doppelt entsetzlich, weil sie ja schon den Charakter von letzten Formalitäten tragen.
Zu Deinem Ludendorff-Brief: Er hat zum Frieden geraten. Dann hat er wieder anders gedacht. Die Anregung zu unserer Kundgebung soll angeblich (vertraulich!) aus dem Hauptquartier gekommen sein. Eine solche Schaukelregierung ist unmöglich. Wir sind ihm zu unauslöschlichem Dank verpflichtet. Falsch beurteilt hat er die Sachlage ebenso wie die andern. Wir können uns nicht nach jeder Wendung seines Urteils drehen. Deshalb halte ich die Schritte der Volksregierung für richtig und beginne jetzt, den Prinzen Max zu bewundern, der mit solcher Selbstentsagung den lecken Kahn bestiegen hat.
Naumanns alte Ideale (demokratisches Kaisertum) siegen jetzt über seine neuen (Mitteleuropa). Das letztere Buch will ich ersäufen; es ist keinen Dreier wert, und ich habe nie daran geglaubt. Unser Einmarsch in Belgien war der unheilvolle Anfang: eine rein militärische, fast fixe Idee, die sich politisch schwer gerächt hat. Nun können wir jeden Zoll Land, jede versenkte Tonne schwer bezahlen! 200 Milliarden Kriegsschuld. Das macht 10 Milliarden Zinsen im Jahr auf noch nicht 70 Millionen Köpfe. Jeder trägt durchschnittlich 140 M im Jahr Steuern allein hierfür!!
Aber ich muß ja einmal abbrechen. Wie schwer ist es, daß wir all diese Not getrennt ertragen müssen. Zwar fühle ich, wie Du, die unverlierbare Ruhe und Gewißheit. Aber man möchte in jeder Stunde sich aussprechen können.
Nimm dies als Zeichen meines Wunsches, nicht als Erfüllung; es ist in Sorge und Hast geschrieben. Wie könnte man auch jetzt anders schreiben?
Innig und dankbar
Dein
Eduard.

Die Äpfel sind mir Boten einer schönen, lieben, wirklichen Welt!