Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. November 1918 (Leipzig, Postkarte)


[1]
|
Sonnabend, 8.XI.18. am schicksalschwersten der Schicksalstage. Liebste Freundin. Ich schreibe diese Karte als erstes auf dem lieben alten Stuhl sitzend, der schon gestern ankam. Nur eine Karte - denn ich bin in wichtigen Dingen täglich nötig - aber in lieben Gedanken an Dich u. in tiefer Dankbarkeit. Der Stuhl war sehr gut verpackt. Leider aber waren in die Füße so große Schrauben gezogen, daß Frau Direktor beim Auspacken (womit sie ohne m. Wissen begann) sie nicht gut herausbe
[2]
|kommen hat. Am rechten Vorderbein sind unten erhebliche Stücke abgesplittert. Ich bin darüber sehr betrübt. Später will ich es in geschickter Weise reparieren lassen. Du fühlst meinen Dank u. m. Verständnis dessen, was diese Deine neue Gabe auch innerlich bedeutet! - Von Görlitz kam ich mit großer Zeitnot u. noch größerer Erschöpfung zurück. Neben dem vollen Dienst sind täglich Eilbriefe mit Berlin - Linden. Wenn die Eisenbahn noch geht, will ich Mittwoch hin. Bülow habe ich auf Ersuchen Gedanken über die geistige Einheit der Zukunft gesandt. Die Universität, d. h. ein kleiner Kreis unter Kruegers Führung, hat trotz m. Warnungen u. Bitten schon wieder eine Kundgebung in die Welt gesetzt, diesmal an Wilson. Würdelos, scheint mir. Hier ist heut noch alles einigermaßen ruhig. Sonntag erwartet man Unruhen. Die erste Folge wird natürliche eine furchtbare Hungersnot sein. - Lenz schreibt beweglich. Riehls dachten vorige Woche an Flucht. Ich bin der Ansicht: jeder bleibt am Platze, das ist die einzige Manier, u. tut seinen Dienst wie sonst. So auch heut: ich muß zwischen 9 u. 6 Uhr 8 Arbeiten korrigieren fürs Seminar u. habe um ½ 5 überdies Sitzung. Die Post scheint ja weiter zu <li. Rand> funktionieren. Andernfalls beunruhige Dich nicht. Ich bin besonnen u. halte mich <re. Rand> still bis zum Moment der Wirkung. Die <Kopf> Studentenschaft ist in 2 Lager geteilt. - Ist der Port <li. Rand,S.1> beim Fliegerangriff gestorben oder so?
<re. Rand>
Herzlichste Grüße Dein Eduard.