Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. November 1918 (Leipzig, Postkarte)


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9.XI.18. Liebste Freundin! Meine gestrige Karte ist hoffentlich angekommen. Wenige Minuten nach ihrer Absendung sah ich mit Herre von der Bavaria aus den Zug der Soldaten mit der roten Fahne. Einige Stunden darauf hatte der Soldatenrat sich konstituiert, der nun die Herrschaft in der Stadt besitzt. Bis jetzt hält er die äußere Ordnung aufrecht. Gestern um 5 war ich noch im Rathaus zur Sitzung, hinterher in der Universität u. führte m. Übungen durch, obwohl eine Art Panik herrschte. Der Eindruck war günstig. Züge nach Berlin sind gestern nicht abgegangen. Ein Eilbrief am Morgen von Schmidt kam noch an; meine Antwort unterwegs! Doch ist er heut zurückgetreten. Wenn es möglich ist, fahre ich Mittwoch nach Berlin. Heute Generalstreik hier. Morgner ist zur Probelektion hier, mir eine Beruhigung wegen der Besonderheit seiner Stellung. Ich weiß im „Augenblick nicht, wessen Angestellter ich bin.“ Schreibe mir, wie es in
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| Cassel ist. Vermeide den Weg nach dem Möncheberg bei Dunkelheit. Die Mittagszeitung aus Berlin meldet den Rücktritt von Linsingen. Meine Prognosen erfüllen sich. Indessen läßt sich über weiteres wenig sagen. Ich habe vermehrte Arbeit, weil viele ihren Doktor abschließen wollen. Im übrigen bin ich ganz philosophisch u. suspendiere innerlich das Pädagogische. Mit innigen besorgten Wünschen u. herzlichen Grüßen Dein Eduard.