Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. November 1918 (Leipzig)


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<S. 1/li. Ecke Zeichnung/Druck: Schillerhaus, S. 3/li. Ecke Zeichnung/Druck: Reichsgericht>
10 Uhr abends nach 1 Std 40 Min. Seminar stehend!
<gedruckt: Leipzig, am> 15. November 1918.
Liebste Freundin! 8 Tage ist heut die Revolution alt, und man muß wohl glauben, daß alles wahr ist. Das Urteil ist ja auch ziemlich klar: die gegenwärtigen Zustände unmöglich, aber unheilschwanger: Schlimmeres in jeder Form steht bevor, und wir sind machtlos.
Das Ganze ist keine politische Bewegung, nicht der Anbruch der längst zu erwartenden und begrüßenswerten Epoche des demokratischen Sozialismus, sondern eine Volkskrankheit; erklärbar aus dem Nervenzusammenbruch nach 4 Jahren der Kämpfe und Entbehrungen. Sieht man die Situation als Unbeteiligter, so ist sie die Köpenikiade ins Große übersetzt, ein Witz der Weltgeschichte, den gerade wir zu machen bestimmt waren. Wäre es nur der Sieg der Masse! Aber das Schema lautet doch unverhohlen: Ich regiere, und Du gibst den Verstand. In der Stunde der äußersten Not, wo nur die höchste Organisation, Wissenschaft und Besinnung helfen könnte, setzt sich der Dilettantismus ans Ruder, und die Intelligenz sieht zu oder hilft im Vorbeigehen! Man wird später nicht glauben, daß so etwas möglich war. Denn das Muster Rußlands ist ja auf ein Land der Intelligenz eben nicht übertragbar. Daß man es doch übertragen konnte, daran trägt die Mattherzigkeit derselben höheren Offiziere schuld, die sonst vor Hochmut barsten.
Wie die Sache bei Euch liegt, hast Du mir noch nicht geschrieben. Doch sind vorläufig Briefe wohl sicher. Hier hat die Bewegung einen weit gefährlicheren Charakter als im übrigen Deutschland. Denn wir haben nicht nur die reine Herrschaft der Unabhängigen, sondern ausgesprochenen Bolschewismus. Das Regierungsprogramm ist heraus: Abschaffung alles Privateigentums, Beschlagnahme der Banken, Aufhebung jeder Form der Knechtschaft und - "absolute Herrschaft der Arbeiterklasse." So bestimmt eine kleine Minorität, gestützt auf Maschinengewehre, 5 Straßen von mir im Volkshause.
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Heute haben diese Papierhändler und Tabakarbeiter auch die Ministerien unter sich geteilt. Sie nennen sich "Volksbeauftragte". Kein Mensch hat sie beauftragt. Eine Räuberhorde, nicht mehr. Sie werden nie eine Nationalversammlung zugeben, sie werden, wenn sie die Karre nicht mehr steuern können, den Bürgerkrieg entfesseln, und bei der allgemeinen Desorganisation steht das nahe vor der Tür. Es werden Listen von Reaktionären geführt, offenbar um später "Geiseln" zu haben. Gewalttätigkeiten sind trotz aller Mahnungen vorgekommen und werden sich mehren.
Die Universität als "Hochburg der Reaktion" ist besonders gefährdet. Bis jetzt hat man uns 1000 Verwundete aufzunehmen genötigt. Das ist nur in der Ordnung. Aber unser Haus wird damit militärisch belegt! Die Studentenschaft hat eine revolutionäre Minorität, an deren Spitze - einer meiner Lieblinge von früher steht, ein Nürnberger, der öffentlich (allerdings unter großem Protest) behauptet hat, an der Universität gebe es nur Hofratswissenschaft. Die Majorität hält sich ausgezeichnet; besonders die Offiziere, die z. T. ihre Abzeichen bis gestern tragen konnten. Aber die ganze Versammlungsfreiheit ist doch nur gegeben, damit man die Geister kennen lerne: Studenten und Dozenten sind gleichmäßig verhaßt: man wird sie schon in nächster Zeit zu fassen wissen.
In den ersten Tagen flüchtige Gedanken an Flucht, sobald es zu blutigen Unruhen und Verhaftungen käme (meine Stellung war ja nie extrem, ist aber doch als preußisch-national bekannt.) Doch habe ich davon (bei näherer Überlegung) keine Verbesserung der Lage zu erwarten. Anders steht es bei längerer Dauer der Verhältnisse mit Amtsniederlegung, wenn die Lehrfreiheit bedroht ist. Denn lieber werde ich Packer bei Teubner und lebe nach 6 der Philosophie, als daß ich meine Überzeugung und meine freie wissenschaftliche Betätigung binden lasse.
Allmählich erwacht das Bürgertum und bietet sich an. Man rät (nach dem Muster Hindenburgs) allgemein dazu. Es ist auch richtig 1) um auf dem Laufenden zu bleiben 2) damit ein nationales Unglück verhütet werde. Aber eine positive Zustimmung, wie Naumann, Meinecke, Troeltsch [über der Zeile] Graf Bernstorff, G. Hauptmann u. a. sie mir zur telegraph. Unterschrift vorlegten, muß ich auf Grund der sächs. Verhältnisse verweigern. Die Verantwortung trage ich nicht. Ungeheure Massen organisieren sich langsam
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| gegen die Bolschewiki. Denn nicht einmal die mehrheitssozialistischen Gewerkschaften hat die jetzige Regierung zugelassen. Der ganze Buchhandel ist mit s. Angestellten schon einig. Universität und andre Korporationen schließen sich an. Man "fordert" Zulassung von Vertretern und Einberufung einer Nationalversammlung. Ich glaube nicht an das freiwillige Nachgeben dieser Fanatiker.
Dabei soll nun alles laufen wie sonst, und läuft auch so. Die Vorlesungen werden besuchter. Die Sitzungen häufen sich. Mittwoch Nachm. allein 4. Ich habe mich in den ersten Tagen zum Privatberater des Rektors aufgeworfen und die Begründung einer sozialen Kommission für die wirtschaftl. Lage der Studentenschaft bewirkt, die freilich 1 Tag zu spät kam; denn die 100 000 M für Demobilisierung der Akademiker, die wir fordern, gibt uns diese Regierung sicher nicht. Gestern war noch die alte. Man muß in 100 Einzelfällen raten. Offiziere, die ihren Beruf aufgeben, andre, die plötzlich das Studium wieder beginnen. Ich bin in angestrengtester Tätigkeit, vor innerer Aufregung oft ganz erschöpft, und zugleich ganz zerissen, daß plötzlich die Welt, in der ich eigentlich wirken könnte, nicht mehr besteht. Heute auch ein herzbrechender Brief von Nieschling. Der Ärmste! Er muß auch etwas andres ergreifen. Während Morgner [über der Zeile] zu seiner Probelektion hierherfuhr, hat man in Dresden sein Gefängnis gestürmt. Auf der Elektrischen hier hatte er bereits ein Zusammentreffen mit einem mehrfach straffälligen befreiten Dieb.
Biermann ist seit Beginn des Semesters unerfreulich. In seinen Ansichten schwankt er mehr, als es immer seine Art war. Sein Ton aber hat etwas Hochfahrendes, Überlegen-Erziehliches. Ich werde ihm jetzt einige Zeit aus dem Wege gehen.
Der Feldmarschall Bülow war über meine Antwort sehr glücklich. Es stand darin manches, was ganz wie die jetzige Entwicklung klingt. Die sozialistische Idee wird in der Tat als Gedanke der Zukunft gepriesen. Aber nicht die Straßenherrschaft, nicht die katstrophale Entwicklung. Wird es so, dann ziehe ich mich auf die Philosophie zurück.
In Berlin waren die Kämpfe länger. Mein Vater schreibt, er habe
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| zunächst geglaubt zu träumen, sehe aber jetzt, daß es Wirklichkeit ist. Seine Versorgung wird von hier aus gewiß bald stocken. Warum ist er meinem ahnungsvollen Plane nicht gefolgt? Ich kann für Zwischenfälle jetzt keine Verantwortung tragen. Riehls sind gesund. Universität war geschlossen. Jetzt weht die rote Fahne auf ihr.
Ich werfe alle Romantik von mir. Aber es bleibt wahr: das alte Régime war tausendmal freier als dies. Außer Marianne Götze, der krampfhaften Optimistin, habe ich hier nicht einen gesprochen, der es auch nur erträglich gefunden hätte. Ich rede mit zahllosen Leuten, rücke ihnen die Gedanken zurecht. Jetzt will ich die Studentinnen für das Wahlrecht mobilisieren. Was liegt alles auf mir! Freudlose Pflichten.
An auswärtige Politik denkt kaum jemand noch! Welche würdelose Zeit. Das Neue, was sie gebären will, ist vorläufig eine Scheinfrucht. So kommt nichts Gutes und Großes. Durch Gewalt und Eidbruch und treuloses Verjagen schuldloser Männer. Wir sind noch nicht am Ende der Umwälzungen. Vielleicht müssen Engländer u. Amerikaner restituieren. Aber das Gute <unleserlich> ich auch nicht verkennen: es kann aus diesem Hexenkessel eine festere deutsche Einheit mit dem Anschluß Deutsch-Oesterreichs erfolgen. Und vielleicht auch eine Milderung der finanziellen Kriegslasten. Aber der Mann fehlt, der Mann. Zur Hälfte haben wir eine Judenherrschaft.
Schreibe mir bis ich andeute, daß Du mit Deinen Briefen vorsichtig sein mußt. In den Vorlesungen sage ich nichts direkt zur Lage. Das politische Kolleg enthielt am Montag eine ungeheure Schwierigkeit: ich mußte die englische Revolution schildern, die der heutigen aufs Haar ähnlich ist, und einen krassen Absolutisten-Hobbes. Die Offiziere vom Generalkommando sind bereits verhaftet. Trotzalledem beraten wir Schulreform weiter. Nur Abgeordnete u. Stadtverordnetenkollegium gibt es nicht mehr. Das politische Schildbürg. Götz hat gesagt: "Es ist eine Lust zu leben". Die Kollegen nannten seine Rede schamlos. Partsch, dessen Urteil ich besonders ehre, meinte auch: es muß erst noch tiefer sinken, ehe Besserung zu hoffen ist. Hoffentlich seid ihr persönlich sicher. Wie ist es im Notfall mit Übersiedlung von Euch beiden nach Hofgeismar? Ich erwarte Deine Nachrichten u. grüße Dich in besorgter Liebe stets Dein Eduard. Bestätige bitte Ankunft dieses Briefes.
[li. Rand] Der liebe Stuhl ist für 1,25 ganz gut repariert.
[li. Rand S. 2] Der 10 Gebote Hoffmann herrscht im Hause W. v. Humboldts! Schmidt entband mich telegraphisch von Reise nach Berlin.